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Placebo oder echt – wie merkt man das bei sich selbst überhaupt??

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Zitat von leni_do

ich kopiere nicht den Saft, ich kopiere ihr Vertrauen darin

Das ist ehrlich gesagt der beste Satz den ich in dem ganzen Thread gelesen hab. Weil jetzt hast du es selbst benannt. Es geht gar nicht um die Rote Beete es geht darum dass deine Kollegin schneller läuft als du und du unbewusst denkst "wenn ich das gleiche mache wie sie, werde ich auch schneller". Das funktioniert manchmal, aber nicht weil der Saft magie hat sondern weil du dich selbst überzeugst dass es funktioniert. Der Test den du dir selbst gestellt hast - ohne Saft laufen und danach nicht zweifeln - das ist der richtige. Aber ich glaub du merkst gerade auch selbst dass das schwer wird wenn deine Kollegin daneben steht und wartet bis du wieder sagst "ja, war gut heute". Druck ist auch so ne Variable die du nicht isolierst. Meine Frage wäre eher - warum läuft deine Kollegin schneller? Trainiert sie mehr, schläft sie besser, läuft sie länger? Weil wenn du das rausfindest kriegst du wahrscheinlich mehr raus als vom Saft. Und ehrlich - wenn sie dir dann sagt "ach ja, ich trinke vor jedem langen Lauf den Saft" kannst du immer noch fragen ob sie das auch macht wenn sie alleine trainiert oder nur wenn sie mit dir zusammen läuft. Das verrät dir mehr als jeder Test.

@leni_do ich frag mich gerade ob du mit deiner Kollegin eigentlich mal offen geredet hast darüber. Nicht so "hey bringt der Saft was" sondern wirklich - warum läuft sie schneller als du, was macht sie anders. Weil ich hab das mal mit nem Kollegen bei der Arbeit so gemacht, der hat auch Halbmarathon gemacht und war deutlich schneller. Ich hab irgendwann einfach gefragt was er anders macht. Und er hat gesagt: er schläft um 22 Uhr ein, kein Handy vorher. Das wars. Kein Saft, kein Supplement, einfach Schlaf. Das hat mich mehr gebracht als zwei Jahre nachdenken über Placebo. Was ich damit sagen will - du sagst selbst du kopierst ihr Vertrauen. Aber vertrauen in was genau? In den Saft oder in ihre ganze Routine? Weil wenn sie trainiert, schläft, isst und dann auch noch Saft trinkt - und du kopierst nur den letzten Punkt - dann wunderts mich nicht dass du keinen Unterschied merkst und dann zweifelst. Echt jetzt, das klingt harsch aber ich mein das nicht so. Ich hab das bei mir selbst auch gemacht, dieses selektive Kopieren. Irgendein Supplement rausgepickt ohne zu fragen was sonst noch drum rum passiert. Das war Betanio PLUS, Kollege hat das empfohlen. Hab ich probiert, nix gemerkt - aber ich hab auch gleichzeitig weniger geschlafen damals wegen nem Projekt. War halt blödes Timing.

@marcus_r das mit dem selektiven Kopieren trifft mich grad echt... ich glaub ich mach das nämlich auch so. Ich schau was jemand anders macht, greif mir den einen sichtbaren Teil raus (in meinem Fall halt der Saft) und ignorier alles andere drum herum.

Zitat von marcus_r

hab auch gleichzeitig weniger geschlafen damals wegen nem Projekt

ja genau das. Ich hab in meinem Seminar mal einen Vortrag über Confounding Variables gehört und hab dabei gedacht "ja klar, logisch" - und jetzt mach ich beim eigenen Testen genau den Fehler den ich da beschrieben hab. Bisschen peinlich wenn ichs so formulier 😅

Was mich aber noch interessiert - du sagst du hast den Kollegen einfach direkt gefragt was er anders macht. Ich trau mich das bei Kommilitonen irgendwie weniger, weil da schnell so eine Dynamik entsteht wo alle so tun als hätten sie alles voll im Griff mit Ernährung und Training. Im Seminar redet eh niemand offen drüber dass er keine Ahnung hat ob sein Zeug was bringt. Da wird eher so getan als wär alles evidenzbasiert. Dabei weiß ich von mindestens zwei Leuten aus meinem Kurs dass die Creatin nehmen "weil der Typ auf Youtube..." - also ja. Das mit Betanio PLUS wundert mich übrigens nicht dass du nix gemerkt hast bei dem Timing. Der Preis allein hat mich schon abgeschreckt, ich mein für das Geld

Zitat von miramira

ich mach das nämlich auch so

- ja aber das ist doch irgendwie auch okay? Du merkst es zumindest selbst, und das ist mehr als die meisten Leute tun. Ich glaub das Problem ist weniger dass du selektiv kopierst sondern dass du danach nicht fragst warum es nicht funktioniert hat. Was mich gerade aber mehr interessiert - @marcus_r du hast gefragt ob ich mit meiner Kollegin mal offen geredet hab. Ehrlich gesagt nein, und das liegt auch daran dass sie halt einfach... erfolgreicher ist im Training und ich nicht so gerne zugeb dass ich das neidisch beobachte, haha. Aber jetzt wo du das sagst - vielleicht ist das der echte Punkt. Nicht der Saft, sondern dass ich nicht gefragt hab was sie sonst noch anders macht. Ich hab nur angenommen "aha, Saft, muss ich auch nehmen" statt zu fragen "warum bist du eigentlich schneller als ich". Das ist ja fast peinlich wenn ichs so ausspreche. Nächste Woche hab ich Training mit ihr, und ich glaub ich versuch das einfach zu fragen - nicht so direkt sondern mehr so "hey wie machst du das eigentlich mit deinem Plan", weniger "was trinkst du". Vielleicht kommt da was bei raus das tatsächlich hilft statt dass ich mir weiter den Kopf über Rote-Beete-Magie zerbreche. Und wenn sie dann sagt "ja ich trinke den Saft" kann ich immer noch nachfragen statt einfach blind nachzumachen. Danke dass ihr mich da gerade so durchschüttelt, ehrlich

@leni_do das mit dem "ich geb nicht gerne zu dass ich das neidisch beobachte" - okay das trifft mich gerade mehr als ich zugeben will 😅

ich kenn das nämlich genau so. Bei mir ists eine Kommilitonin die einfach... alles irgendwie zusammenhat? Trainiert regelmäßig schläft g'scheit, isst vernünftig. Und ich schau da hin und picke mir dann halt den Rote-Beete-Saft raus weil das der sichtbarste und einfachste Teil ist. Die ganzen anderen Sachen - Schlaf, Stressmanagement, strukturierter Trainingsplan - die sind halt mehr Arbeit als einen Saft zu trinken. Was mich gerade aber wirklich beschäftigt: du sagst du fragst sie "wie machst du das mit deinem Plan" statt direkt nach dem Saft. Das ist eigentlich viel g'scheiter. Weil die Antwort die du kriegst is wahrscheinlich komplett anders als du erwartest. Ich hab so einen Moment mal mit einer Trainingspartnerin erlebt - ich hab ewig angenommen sie macht irgendwas besonderes beim Aufwärmen weil sie immer so locker reinläuft. Irgendwann hab ich gefragt. Sie hat gesagt sie geht einfach die ersten zwei Kilometer absichtlich langsam. Keine Magie, keine Supplements, nix. Ich hatte mir da schon so einen Kopf gemacht. Das Unangenehme ist dass die echten Antworten meistens so... unspektakulär sind. Und dann bleibt man mit dem Gefühl "okay, ich muss halt mehr schlafen" und das ist irgendwie weniger befriedigend als ein Produkt zu kaufen das man ausprobieren kann.

@miramira der letzte Satz trifft's eigentlich ganz gut. "Weniger befriedigend als ein Produkt kaufen" - ja, genau das ist das Problem, oder. Ein Saft hat halt eine Handlung dahinter, du machst aktiv was. "Mehr schlafen" klingt dagegen nach Niederlage, nicht nach Optimierung. Ich bin da jetzt auch nicht besser. Ich hab Betanio PLUS im Drogeriemarkt gesehen und überlegt ob ich's nehm - und der Grund war nicht weil ich irgendwelche Erfahrungsberichte gelesen hab, sondern weil das Regal so ordentlich aussah und die Verpackung seriös wirkte. Das ist doch absurd wenn ich so drüber nachdenke. Was mich bei dem Thread jetzt aber wirklich beschäftigt ist was du sagst über die unspektakulären Antworten. Ich glaub da steckt noch was anderes drin - nämlich dass man mit "ich schlaf jetzt früher ein" nicht im Lauftreff angeben kann. Mit einem neuen Konzentrat schon. Das ist auch so ein sozialer Layer über dem ganzen Thema den hier noch keiner wirklich angesprochen hat. Nicht nur dass man was kopiert - man kopiert auch was man zeigen kann. Ich frag mich ob das bei Männern und Frauen im Training anders ist. Mein Freund redet im Sportverein ständig über seine Proteinshakes, ich hab noch nie gehört wie da jemand sagt "ich geh halt früher schlafen diese Woche". Vielleicht projizier ich da aber auch zu viel rein.

@leni_k haha ja genau das. Mit "ich schlaf jetzt früher" kannst du im Lauftreff nicht angeben, das ist gold was du da sagst. Aber ehrlich - das ist auch nicht mein Problem, wenn andere das brauchen. Was mich aber mehr reizt: du fragst ob das bei Männern und Frauen anders ist. Ich glaub das stimmt teilweise, aber ich glaub noch mehr dass es einfach damit zu tun hat dass Sichtbarkeit einfacher verkauft wird. Ein Shake in der Hand, eine Kapsel vor dem Training - das ist eine Handlung die andere sehen. Besserer Schlaf sieht keiner, aber du merkst es selbst, und irgendwie ist das weniger befriedigend für's Ego. Das Problem das ich daran sehe ist aber anderes. Wenn du nur deswegen was nimmst weil du es anderen zeigen kannst oder weil es eine Aktion ist - dann stellst du die Frage nach Nutzen gar nicht mehr richtig. Dann ist das Produkt selbst schon das Ziel, nicht die Leistung. Und da finde ich sollte man ehrlich mit sich selbst sein. Entweder du testest was wirklich funktioniert für dich - oder du gibst zu dass du das Ritual brauchst um dich gut zu fühlen. Beides ist legitim, aber das eine mit dem anderen zu verwechseln ist wo's problematisch wird. @miramira und @leni_do - euer Plan nächste Woche mit der Kollegin zu reden, das ist gut. Aber nicht um rauszufinden ob der Saft hilft, sondern wirklich um zu sehen was sie anders macht. Und dann - und das ist wichtig - probiert ihr nicht sofort das eine raus sondern ihr guckt erstmal ob ihr das überhaupt umsetzen wollt. Schlaf früher ist unbequem zum Beispiel. Trainingsplan strenger auch. Das ist nicht sexy aber das ist der echte Grund warum Leute lieber einen Saft kaufen. Kostet weniger Überwindung.

@fk_1988 "kostet weniger Überwindung" - ja das ist halt die Crux oder. Aber ich merk gerade dass mich das noch mehr beschäftigt als erwartet. Weil wenn ich ehrlich bin: ich hab den Rote-Beete-Saft nicht nur ausprobiert weil ich neugierig war auf die Wirkung. Ich glaub da steckt auch so ein... ich will aktiv was tun-Gefühl dahinter. Studium läuft grad so mittel Training ist unregelmäßig, und dann ist da halt so ein Saft den ich trinken kann und kurz das Gefühl hab "okay ich investier in mich". Obwohl das absurd klingt wenn ichs so schreib. Was mich jetzt aber wirklich fragt - und das hat hier noch niemand angesprochen - ob das auch so ein Kontrollding ist. Also nicht nur "ich zeig es anderen" sondern mehr "ich hab wenigstens einen Faktor in der Hand". Schlaf kann ich nicht immer steuern, Stress auch nicht, Seminartermine schon gar nicht. Aber einen Saft trinken, das kann ich immer. Und vielleicht ist das der Grund warum ich daran festhalte obwohl ich eh weiß dass ich die Confounding Variables nicht rauskrieg. Keine Ahnung ob das bei anderen auch so ist oder ob ich da zu viel reininterpretier in mein eigenes Verhalten grad 😅

kleines update weil ich das nicht einfach so stehen lassen will - ich hab nach dem letzten Post hier tatsächlich selbst mal getestet. nicht mit Kapseln, nur mit dem Saft aus dem Supermarkt, so drei Wochen lang vor den langen Läufen. und dann hab ich ihn einfach weggelassen. ehrlich gesagt: ich hab keinen Unterschied gemerkt. nicht wirklich. was ich aber gemerkt hab - ich hab in der Woche wo ich ihn weggelassen hab angefangen früher ins Bett zu gehen weil Seminar grad entspannter war. und die Läufe waren besser. also... ja. was mich aber jetzt mehr beschäftigt als das Ergebnis selbst: ich hab während dem Test ständig auf meine Uhr geschaut. viel öfter als sonst. als ob ich beweisen wollte dass es was bringt oder eben nicht. und ich glaub das hat mein Laufen selbst verändert, weil ich plötzlich viel bewusster auf jeden kleinen Wert geschaut hab. das ist so ein Beobachtungseffekt den ich aus dem Studium kenn und trotzdem bin ich voll reingefallen.

Zitat von fk_1988

kostet weniger Überwindung

ja. und ich glaub da steckt noch was anderes drin das ich vorher nicht so gesehen hab - nämlich dass das Testen selbst schon irgendwie... beruhigend ist. solange ich teste, muss ich noch keine Entscheidung treffen. ob ich jetzt regelmäßiger trainiere oder endlich g'scheit schlafen gehe. das ist unangenehmer als einen Saft im Kühlschrank stehen zu haben der "noch ausgewertet wird". vielleicht bin ich einfach sehr gut im Aufschieben 🙂

Zitat von miramira

solange ich teste, muss ich noch keine Entscheidung treffen

Das ist eigentlich der interessanteste Punkt in deinem ganzen Update. Aus meiner Erfahrung - sowohl beruflich als auch beim eigenen Training - ist genau das ein Muster das man häufig sieht, aber selten so klar benennt. Man hält sich in der Evaluationsphase, weil die Konsequenz des Ergebnisses unbequem ist. Was mich dabei fachlich kurz interessiert: du beschreibst den Beobachtungseffekt ganz treffend. In der Literatur heißt das Hawthorne-Effekt, und der ist bei Selbstversuchen im Ausdauerbereich tatsächlich nicht trivial. Wenn du anfängst öfter auf die Uhr zu schauen, verändert sich dein Pacing, deine Atemwahrnehmung, manchmal sogar die Schrittfrequenz. Das Messinstrument verändert das Gemessene. Dein Sportwissenstudium kennst das sicher besser als ich. Was ich an deinem Update aber wirklich bemerkenswert finde - du hast die Variable gefunden die tatsächlich was verändert hat, nämlich Schlaf. Nicht den Saft. Und trotzdem klingt der Post ein bisschen so als wärst du enttäuscht. Als ob "früher ins Bett gehen wegen entspanntem Seminar" keine befriedigende Erklärung ist. Ich frag mich ob du das anders bewertet hättest wenn die Antwort von einem Produkt gekommen wäre statt von einem Umstand den du nicht aktiv herbeigeführt hast.

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