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Wie merkt ihr ob sich eure Erholung wirklich verbessert hat?

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@tobi_w

Zitat von tobi_wGibst du deinen Patienten das Kriterium wirklich konkret mit

Ehrliche Antwort: nein, meistens nicht. Ich sag "drei Wochen" und lass das "nichts merken" offen. Das ist genau der Widerspruch den du ansprichst und ich hab keine gute Ausrede dafür. Was mich aber gerade mehr beschäftigt als das: du fragst ob es in der Praxis wirklich anders läuft als im Selbstversuch. Ich glaube die eigentliche Frage ist ob es überhaupt anders laufen *kann*. Weil das Informationsproblem das wir hier die ganze Zeit beschreiben kein Patientenproblem ist. Ich hab das selbst. Wenn ich ehrlich bin, könnte ich auch nicht sagen was bei mir konkret "nichts merken" bedeuten würde, wenn ich das Konzentrat selbst nähme. Müdigkeit nach einer langen Woche? Beine nach dem Fahrrad? Das ist zu weich. Was mich daran konkret stört - ich glaube das Kriterium-Aufschreiben das ich vorhin erwähnt hab funktioniert nur wenn man weiß, was man misst. Und das setzt voraus dass man vorher versteht was der Effekt überhaupt adressiert. Nitrat, Vasodilatation, Sauerstoffeffizienz in der Muskulatur - okay. Aber was heißt das in Alltagssprache für jemanden der dreimal die Woche Rad fährt? "Weniger schwere Beine" ist zu vage. "Schneller wieder fit für die nächste Einheit" wäre schon konkreter, aber auch das schwimmt noch. Konkret gefragt: Hast du jemals in deiner Arbeitsgruppe versucht so ein Kriterium wirklich operationalisiert zu formulieren - nicht fürs Labor, sondern für Alltagsmenschen? Edit: Kleine Präzisierung - wenn ich von "Informationsproblem" spreche meine ich nicht nur die fehlende Kommunikation, sondern dass wir gar nicht wissen, was wir messen sollen, bevor wir anfangen zu messen.

@mh_82

Zitat von mh_82

Hast du jemals in deiner Arbeitsgruppe versucht so ein Kriterium wirklich operationalisiert zu formulieren

Ja, tatsächlich - und das war lehrreicher als ich erwartet hatte. Wir haben für ein Pilotdesign mal versucht, "Erholung" für Nicht-Labor-Kontexte so zu formulieren, dass es eine Person ohne Sportwissenschaftshintergrund selbst erheben kann. Das ist schneller gescheitert als gedacht. Nicht weil die Leute dumm sind, sondern weil das, was wir messen wollten - Bereitschaft zur nächsten Belastung, grob gesagt - von Person zu Person so unterschiedlich kodiert wird, dass jede Formulierung entweder zu eng oder zu schwammig war. Was dabei rausgekommen ist: eine einzige Frage, die morgens vor dem Aufstehen beantwortet wird, ungefähr "Würdest du heute eine mittelschwere Einheit als machbar einschätzen, ja oder nein." Binär, keine Skala. Das klingt brutal simpel, und das ist auch der Punkt. Sobald man Skalen einführt, fängt die Person an zu vergleichen - mit gestern, mit letzter Woche, mit dem was sie für normal hält. Und dann ist das Rauschen wieder drin. Ob das auf Nitrat-Selbstversuche übertragbar ist, weiß ich ehrlich nicht. Weil das Problem da nochmal anders gelagert ist: du müsstest das Kriterium so formulieren, dass es sensitiv genug für einen Effekt ist, der - wie wir weiter oben schon hatten - in der Größenordnung von 1-2% liegt. Das ist mit binären Alltagsfragen wahrscheinlich nicht zu fangen. Ich glaub das ist der Punkt, an dem ich anfange zu denken, dass die Frage "wie operationalisiert man das für Alltagsmenschen" vielleicht keine befriedigende Antwort hat. Nicht weil sie schlecht gestellt ist - sondern weil der Effekt, um den es geht, schlicht zu klein für das Messinstrument ist das im Alltag realistisch eingesetzt werden kann. Draußen ist es gerade wieder gr

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Meinungen hier sind privat, nicht Institutsposition.

@tobi_w

Zitat von tobi_wder Effekt, um den es geht, schlicht zu klein für das Messinstrument ist das im Alltag realistisch eingesetzt werden kann

Das ist eigentlich die ehrlichste Aussage im ganzen Thread. Und gleichzeitig die unbequemste, weil sie impliziert dass der Selbstversuch für diese Fragestellung strukturell ungeeignet ist - nicht zu verbessern, sondern grundsätzlich falsch konzipiert. Was mich dabei gerade beschäftigt: Wenn das stimmt, dann ist die Frage "wie beobachte ich meine Erholung" und die Frage "wirkt Nitrat" eigentlich gar nicht mit denselben Mitteln beantwortbar. Ersteres kann man mit einem Tagebuch angehen, weil man dabei Muster sucht, keine Effektgrößen. Letzteres nicht, weil 1-2% im Alltag schlicht nicht sichtbar ist. Das heißt aber auch: @rennradrenate am Anfang des Threads hatte gar nicht die falsche Frage, sie hatte nur eine andere Frage als die, die der Thread dann irgendwann diskutiert hat. Ob ihre Beine weniger schwer werden ist eine valide Beobachtung - nur kann sie daraus nichts über das Konzentrat ableiten. Was ich mir überlege und das ist wirklich neu für mich seit heute morgen: Vielleicht sollte ich Patienten die sowas nehmen wollen explizit sagen, dass sie damit zwei getrennte Sachen machen. Die Beobachtung ihrer Erholung - das kann klappen. Den Test des Produkts - das klappt nicht, nicht ohne Kontrolle. Ob die meisten damit was anfangen können weiß ich nicht. Edit: Kleine Präzisierung - mit "Kontrolle" meine ich natürlich eine echte Kontrollbedingung (Placebo/Vergleichszeitraum ohne das Produkt), nicht einfach nur sorgfältige Dokumentation.

@mh_82

Zitat von mh_82

Vielleicht sollte ich Patienten die sowas nehmen wollen explizit sagen, dass sie damit zwei getrennte Sachen machen.

Das ist eigentlich der produktivste Gedanke, der heute aus diesem Thread rausgekommen ist - und ich glaube, er hat eine Konsequenz, die du noch nicht ganz zu Ende gezogen hast. Wenn die Beobachtung der Erholung und der Test des Produkts zwei getrennte Sachen sind, dann hat das Tagebuch, das @rennradrenate führt, trotzdem einen Wert. Nur eben einen anderen als sie vielleicht dachte. Es ist kein Produkttest, sondern Selbstkenntnis-Arbeit. Und die ist, soweit die aktuelle Forschung zeigt, tatsächlich nicht wertlos - wer sein eigenes Baseline-Rauschen kennt, trifft zumindest bessere Entscheidungen über Trainingssteuerung, auch ohne je eine Intervention zu evaluieren. Was mich aber gerade mehr beschäftigt: Wenn du das deinen Patienten so sagst - "Erholung beobachten ja, Produkt testen nein" - setzt das voraus, dass sie das akzeptieren können. Und ich bin nicht sicher ob die meisten das wollen. Die kommen ja nicht mit "ich will mich besser kennenlernen", die kommen mit "hilft das oder nicht". Wenn die Antwort ist "du kannst das nicht beurteilen", ist das für viele kein Erkenntnisgewinn sondern eine Enttäuschung. Das ist kein Einwand gegen deine Formulierung, ich find sie gut. Aber ich frag mich ob "zwei getrennte Sachen" kommunikativ funktioniert oder ob die meisten Patienten das als Ausweichen lesen.

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@tobi_w

Zitat von tobi_w

ob die meisten Patienten das als Ausweichen lesen

Ja, das lesen sie so. Ich hab das heute nachmittag tatsächlich getestet - nicht wegen dem Thread, sondern weil der Moment einfach kam. Patientin, Ende 40, fragt nach einem Rote-Beete-Konzentrat. Ich hab versucht die Trennung zu erklären, also: Erholung beobachten ist sinnvoll, das Produkt damit testen geht nicht wirklich. Sie hat genickt und dann gefragt ob sie es jetzt nehmen soll oder nicht. Das ist das Problem. Die Frage bleibt dieselbe, egal wie gut man das rahmt. Was mich gerade beschäftigt ist was das über den Nutzen der Erklärung aussagt. Wenn das Endergebnis dasselbe ist - Patient fragt "ja oder nein", ich kann nicht sauber antworten - dann hab ich vielleicht ein paar Minuten Gesprächszeit investiert ohne dass sich die Entscheidungsgrundlage wirklich verschoben hat. Das ist kein Argument gegen die Erklärung. Aber es wirft eine Frage auf, die ich mir vorher nicht gestellt hab: Für wen mache ich das eigentlich? Für die Patientin, oder damit ich das Gefühl hab, ehrlich gewesen zu sein? Konkret gefragt: Hast du in deiner Arbeit einen Weg gefunden, diese Trennung so zu kommunizieren, dass sie bei den Leuten wirklich landet - also dass sie danach anders entscheiden, nicht nur anders nicken?

@mh_82 die letzte Frage ist die härteste, und ich will sie nicht wegdefinieren.

Zitat von mh_82

Hast du in deiner Arbeit einen Weg gefunden, diese Trennung so zu kommunizieren, dass sie bei den Leuten wirklich landet

Kurz gesagt: nein. Und ich glaube auch nicht, dass das an der Kommunikation liegt. Was ich in unserem Pilotprojekt gemerkt hab - und das ist vielleicht der Punkt, der noch fehlt - ist dass die Frage "hilft das oder nicht" für die meisten Menschen gar keine epistemische Frage ist. Die ist eine Entscheidungsfrage. Die Person will nicht wissen wie man Kausalität isoliert, sie will wissen ob sie das Ding kaufen soll. Das sind zwei komplett verschiedene Bedürfnisse, und wenn ich antworte als wäre es das erste, beantworte ich das zweite nicht. Deine Patientin hat genickt und dann trotzdem gefragt. Das ist kein Kommunikationsversagen, das ist sie, die dir sagt was sie eigentlich braucht. Was mich dabei beschäftigt: Vielleicht ist "für wen mache ich das" gar nicht die richtige Folgefrage. Weil "damit ich das Gefühl hab, ehrlich gewesen zu sein" auch kein schlechtes Motiv ist. Die Alternative wäre, so zu tun als hätte man eine Antwort, die man nicht hat. Das wäre dann wirklich Ausweichen. Ich weiß nicht ob das hilft. Aber ich hab das Gefühl, dass du dir selbst gegenüber grade härter bist als nötig.

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@tobi_w

Zitat von tobi_w

damit ich das Gefühl hab, ehrlich gewesen zu sein

Okay, das ist fair. Aber ich glaub du biegst das gerade ein bisschen zurecht. "Ehrlich sein" als legitimes Motiv - ja, keine Frage. Aber das setzt voraus dass die Ehrlichkeit überhaupt irgendetwas bewirkt. Wenn meine Patientin danach trotzdem kauft und sich dabei genauso gut oder schlecht fühlt wie vorher, dann ist meine Ehrlichkeit hauptsächlich für mich. Was mich dabei konkret stört: Das klingt nach einem Konsistenz-Bedürfnis mauf einer seite, nicht nach einem Nutzen für sie. Ich will nicht derjenige sein, der einen falschen Eindruck hinterlässt. Das ist eine berufsethische Frage, keine therapeutische. Und da ist für mich neu heute - nicht aus dem Thread, sondern aus dem Gespräch nachher: Ich hab gemerkt dass ich nicht weiß wo meine Zuständigkeit da eigentlich aufhört. Produktberatung ist nicht mein Job. Ernährungsberatung auch nicht wirklich. Wenn eine Patientin wegen des Knies kommt und dann ein Rote-Beete-Konzentrat rauszieht und fragt, was bin ich dann - Physiotherapeut, Informationsdienst, oder jemand der einfach zu viel über Nitratkinetik gelesen hat? Konkret gefragt: Wo zieht ihr in der Forschung die Grenze zwischen "das gehört noch zur Beratung" und "das ist nicht mehr mein Fachgebiet"?

@mh_82

Zitat von mh_82

Wo zieht ihr in der Forschung die Grenze zwischen "das gehört noch zur Beratung" und "das ist nicht mehr mein Fachgebiet"

Das ist eine Frage, die ich mir in anderem Kontext auch stelle - bei uns ist es umgekehrt gelagert, wir kommen von der Forschungsseite und fragen uns manchmal ob wir überhaupt etwas sagen dürfen, das in Richtung Praxis geht. Aber ich glaub die Grenze funktioniert bei dir nicht so wie du sie gerade beschreibst. Du rahmst das als Zuständigkeitsproblem - Physiotherapeut vs. Ernährungsberater vs. zu viel Nitrat-Literatur gelesen. Aber ich bin nicht sicher ob das die richtige Trennlinie ist. Was du deiner Patientin gibst, wenn du sagst "schau dir an was drin ist und prüf den Preis" - das ist keine Ernährungsberatung. Das ist Informationskompetenz. Und ob das in dein Fachgebiet fällt, hängt nicht davon ab ob Nitrate draufsteht, sondern ob die Person nach dem Gespräch eine eigenständigere Entscheidung treffen kann als vorher. Die Frage die mich dabei gerade beschäftigt ist eine andere: Was würdest du sagen wenn sie nicht ein Rote-Beete-Konzentrat rausziehen würde, sondern eine Schmerztablette, die sie sich selbst verschrieben hat? Da würdest du wahrscheinlich nicht zögern ob das dein Fachgebiet ist. Der Unterschied ist vielleicht nur, dass Nahrungsergänzung kulturell als privat gilt - "was ich esse, entscheid ich selbst" - und das macht es schwerer einzuhaken, auch wenn die gleiche Logik gilt. Ich hab da keine saubere Antwort, ich merke nur dass "nicht mein Fachgebiet" manchmal auch eine bequeme Grenze ist.

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@tobi_w

Zitat von tobi_w"nicht mein Fachgebiet" manchmal auch eine bequeme Grenze ist

Das trifft, und ich will dem nicht ausweichen. Aber dein Schmerztablettenvergleich hinkt an einer Stelle. Bei einer Schmerztablette, die sich jemand selbst verschrieben hat, gibt es ein klares Schadenspotenzial - Wechselwirkungen, Dosierung, Nierenwerte. Da ist mein Eingreifen begründbar, auch ohne Ernährungsstudium. Bei einem Rote-Beete-Konzentrat für 35 Euro ist der Schaden hauptsächlich finanziell und vielleicht an der Erwartung. Das ist nicht dasselbe. Was mich gerade mehr beschäftigt: Du rahmst "Informationskompetenz stärken" als neutralen Akt. Aber wenn ich einer Patientin sage "prüf den Preis und was drin ist" - dann nehme ich schon eine Position ein. Ich sag ihr implizit, dass der Preis-Wirkungs-Vergleich schlecht ist. Das ist keine neutrale Moderation, das ist eine Bewertung. Und die kann ich begründen, aber ich tue so, als wäre sie keine. Was ich mir überlege, und das ist mir heute zum ersten Mal so klar: Vielleicht ist die ehrlichste Aussage einfach "ich bin befangen". Ich hab zu viel über Nitratkinetik gelesen um da noch unbelastet ranzugehen. Die Patientin weiß nicht, dass ich seit Monaten Studien dazu lese. Sie denkt, ich bewerte das spontan als Physiotherapeut. Dabei hab ich eine Meinung, die sich über Wochen gebildet hat. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Edit: Mit "befangen" meine ich nicht parteiisch im juristischen Sinne, sondern einfach: meine Wahrnehmung ist gefärbt. Und das transparenter zu machen wäre wahrscheinlich ehrlicher als so zu tun, als würde ich nur "informieren".

@mh_82

Zitat von mh_82

ich bin befangen

Das ist eigentlich der interessanteste Punkt, der heute noch kam - aber ich glaube du rahmst "befangen" falsch. Befangen wäre es, wenn du eine Meinung hättest und sie als neutrale Beobachtung verkaufst. Was du beschreibst, ist was anderes: du hast dir über Zeit ein Urteil gebildet, das du begründen kannst, und du weißt woher es kommt. Das ist kein Bias, das ist Fachkenntnis. Die Frage ist ob du sie deklarierst. Und da wäre ich tatsächlich für mehr Transparenz. Nicht "ich bin Physiotherapeut und das ist mein spontaner Eindruck", sondern eher "ich hab mich damit beschäftigt und hier ist warum ich skeptisch bin." Das verschiebt die Gesprächsdynamik - du bist nicht mehr neutral-moderierende Autorität, du bist jemand mit einer informierten Position. Ob Patienten das wollen, ist eine andere Frage. Aber es wäre ehrlicher als die Position zu verbergen hinter "prüf mal den Preis."

Was mich dabei konkret beschäftigt: In meiner Arbeitsgruppe ist das strukturell genauso. Ich schreibe über Nitrat-Effekte, ich hab eine Einschätzung dazu, und wenn ich im Bekanntenkreis gefragt werde, tu ich manchmal so als käme das gerade spontan. Das ist nicht wirklich sauber. Ich merk das besonders wenn jemand enthusiastisch von einem Produkt erzählt und ich innerlich schon drei Einwände habe, bevor er den Satz zu Ende gesprochen hat. "Befangen" trifft das nicht, aber unreflektiert deklariert ist es auch nicht.

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