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Wie merkt ihr ob sich eure Erholung wirklich verbessert hat?

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@tobi_w ich find das mit dem "strukturell unvermeidbar" interessant aber da will ich einhaken. Du beschreibst das fast so als wäre es eine Art Naturgesetz. Aber es gibt ja einen Unterschied zwischen "schwer zu vermeiden" und "nicht zu vermeiden". Wer das Kriterium wirklich vorher aufschreibt - und zwar bevor die erste Einheit mit Konzentrat gelaufen ist - der hat zumindest eine Chance. Klein, aber vorhanden. Was ich in der Praxis tatsächlich manchmal mache: ich frag Patienten, sie sollen das Kriterium aufschreiben bevor sie anfangen. Nicht tippen, sondern wirklich auf Papier. Klingt albern, macht aber was mit der Verbindlichkeit. Die meisten wollen das dann gar nicht, weil sie spüren dass sie sich damit festlegen. Und das ist der Moment wo ich denke - okay, jetzt wissen wir beide was hier läuft.

Zitat von tobi_w

gut motivierte Beobachter kaum eine Chance haben, sauber zu trennen

Das kaufe ich dir nicht vollständig ab. Motiviert und methodisch sind zwei verschiedene Dinge. Ich hab Patienten die extrem motiviert sind sauber zu beobachten - die kommen mit Excel-Tabellen. Das Problem ist nicht die Motivation, das ist das fehlende Vorwissen darüber was überhaupt ein relevantes Signal wäre. Und das ist eigentlich ein Informationsproblem, kein Charakterproblem. Konkret gefragt: Was würdest du einem Patienten sagen, der dich fragt wie er das vernünftig aufsetzen soll? Nicht im Studienkontext - im Alltag.

@mh_82 die Frage am Ende ist fair, und ich will sie nicht wieder wegdefinieren. Was ich einem Patienten sagen würde - oder ehrlich gesagt einem Probanden, weil das näher an meinem Alltag ist: Zwei Dinge, bevor du anfängst. Erstens, such dir einen Outcome, den du nicht selbst erinnerst, sondern der irgendwo steht. Kein Gefühl, sondern eine Zahl oder eine konkrete Handlung. @rennradrenate macht das eigentlich schon so - Treppensteigen, Schwere in den Beinen. Das ist besser als "ich fühl mich erholt". Zweitens, und das ist der härtere Teil: Führ die Baseline mindestens zwei Wochen, bevor du irgendwas änderst. Nicht eine Woche. Weil die erste Woche meistens noch Messartefakt ist, allein schon weil man anfängt bewusster wahrzunehmen.

Zitat von mh_82

Das ist ein Informationsproblem, kein Charakterproblem.

Das ist gut formuliert, und da stimme ich zu. Was ich ergänzen würde: Das Informationsproblem sitzt oft an einer sehr spezifischen Stelle, nämlich daran dass die meisten nicht wissen wie groß ihr normales Tages-Rauschen ist. Ich hab das letztens bei Auswertungen gesehen - Leute haben HRV-Daten über Monate, aber wenn man die Intra-Person-Varianz ausrechnet, ist die so hoch dass eine Intervention von der Größenordnung, die wir bei Nitrat realistisch erwarten, darin einfach verschwindet. Das ist kein Argument gegen das Messen. Aber es verschiebt die Erwartung dahin, was ein Selbstversuch überhaupt leisten kann.

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Meinungen hier sind privat, nicht Institutsposition.

@tobi_w der Punkt mit der Intra-Person-Varianz ist eigentlich der ehrlichste im ganzen Thread. Und gleichzeitig der, der mich am meisten beschäftigt, weil er eine Folgefrage aufwirft die bisher niemand gestellt hat.

Zitat von tobi_w

eine Intervention von der Größenordnung, die wir bei Nitrat realistisch erwarten, darin einfach verschwindet

Was ist denn die Größenordnung, die wir bei Nitrat realistisch erwarten? Das ist mir zu vage geblieben. Ich kenn die Wylie-et-al.-Linie, 2013, Zeittrials mit Rote-Beete-Konzentrat, da waren die Effekte im Prozentbereich. Relevant im Rennen, aber im Alltag? Bei jemandem der zwei Stunden Rennrad fährt und danach sagt "Beine schwerer oder nicht" - da ist der Effekt vermutlich so klein dass er in der Tagesform-Varianz ertrinkt. Was mich daran in der Praxis konkret stört: Ich hab Patienten die fragen ob sie sowas nehmen sollen. Und ich kann ihnen nicht sagen "nein, bringt nichts" weil das die Datenlage nicht hergibt. Ich kann aber auch nicht sagen "mach das, du wirst es merken" weil das schlicht unwahrscheinlich ist dass sie den Effekt isoliert wahrnehmen. Was sage ich dann? Im Moment meistens: Wenn du es machen willst, dokumentier es vorher und leg vorher fest was du erwartest. Aber ich bin nicht sicher ob das wirklich hilft oder ob ich mich damit nur aus der Verantwortung ziehe.

@mh_82 die letzte Frage ist die interessanteste, und ich glaube du ziehst dich damit nicht aus der Verantwortung - du beschreibst einfach die reale Situation.

Zitat von mh_82

Was ist denn die Größenordnung, die wir bei Nitrat realistisch erwarten?

Kurz gesagt: die Wylie-Linie, die du nennst, zeigt Effekte von etwa 1-3% auf Zeittrialleistung, und das unter kontrollierten Bedingungen, mit trainierten Probanden, die nüchtern oder standardisiert ernährt waren. Was viele nicht dazusagen: bei gut trainierten Ausdauersportlern ist der Effekt konsistent kleiner als bei Untrainierten. Der Mechanismus läuft über Nitrit zu NO, und gut trainierte Muskeln produzieren NO effizienter über andere Wege - da ist der zusätzliche Schub schlicht geringer. Das ist kein Geheimnis, das steht z.B. bei Jones 2014 im Journal of Applied Physiology ziemlich klar drin. Was heißt das für deine Frage? Ich würde einem Patienten der ambitioniert Rennrad fährt ehrlich sagen: der Effekt, den die Forschung zeigt, ist kleiner als deine tägliche Formvariation. Du wirst ihn nicht spüren. Das ist keine Meinung, das ist Arithmetik. Was ich aber nicht sagen würde: also lohnt es sich nicht. Weil "lohnen" eine Frage ist, die von mehr abhängt als Effektgröße. Preis, Aufwand, ob es ins Essverhalten passt. Das ist eine andere Entscheidung als "wirkt es nachweisbar im Selbstversuch". Ob du dich damit aus der Verantwortung ziehst - ich weiß nicht. Ich find das ehrlicher als eine Empfehlung, die so tut als wäre der Effekt größer als er ist.

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@tobi_w okay, das mit "Arithmetik" nehm ich so hin. Aber jetzt bin ich an einem Punkt wo mich was anderes stört.

Zitat von tobi_w

bei gut trainierten Ausdauersportlern ist der Effekt konsistent kleiner

Das stimmt, und Jones 2014 kenn ich inzwischen auch. Aber das bringt mich zu einer Folgefrage die ich mir gerade stelle: Für wen ist das Produkt dann überhaupt gedacht? Wenn der Effekt bei Trainierten kleiner ist und im Selbstversuch-Rauschen verschwindet, und bei Untrainierten vielleicht messbarer wäre, die aber gleichzeitig am wenigsten anfällig für sowas sind, was genau ist dann die Zielgruppe? Ich frag das nicht rhetorisch. Ich hab tatsächlich heute morgen kurz überlegt wie ich das nächste Woche einer Patientin erklären soll, die fragt ob Betanio PLUS was taugt. Sie fährt Hobbyradeln, zwei, dreimal die Woche, kein Wettkampf, fühlt sich danach öfter müde. Da ist "1-3% Zeittrialleistung" komplett irrelevant als Aussage. Was ich ihr wahrscheinlich sagen werde: Wenn du's probieren willst, kein Problem, mach das. Aber setz keine Erwartung die über "ich fühle mich vielleicht minimal frischer" hinausgeht. Und schau ob der Preis für das passt was du bekommst. Was mich dabei restlos beschäftigt: Die Studienlage spricht eigentlich über eine andere Population als die, die das Zeug kauft.

@mh_82 der letzte Punkt ist der, bei dem ich tatsächlich einhaken würde.

Zitat von mh_82

Die Studienlage spricht eigentlich über eine andere Population als die, die das Zeug kauft.

Das ist präziser formuliert als ich es bisher im Thread gesagt hätte, und ich glaube das ist auch der eigentliche Kern des Betanio-Problems - nicht dass die Forschung schlecht ist, sondern dass sie konsequent falsch übersetzt wird. Die Probanden in den relevanten Nitrat-Studien sind oft sportlich aktive junge Männer unter Laborbedingungen, keine Hobbyradlerinnen die dreimal die Woche unterwegs sind und danach müde nach Hause kommen. Was mich dabei beschäftigt: Das ist kein Versehen im Marketing. Die Formulierung "natürliche Unterstützung der Durchblutung" oder was auch immer draufsteht, ist juridisch wasserdicht und epidemiologisch komplett losgelöst von dem, was die Studien eigentlich zeigen. Niemand behauptet technisch etwas Falsches. Aber das Versprechen, das im Kopf entsteht, hat mit den Effektgrößen nichts zu tun. Für deine Patientin konkret - und da hab ich keine bessere Antwort als du - würde ich wahrscheinlich genau das sagen, was du schon sagst. Nur vielleicht noch ergänzt: Wenn sie sich danach besser fühlt, ist das nicht automatisch Placebo im abwertenden Sinn. Müdigkeit nach Ausdauerbelastung hat viele Ursachen, und wenn ein Ritual dabei hilft, den Abend ruhiger zu strukturieren, dann ist das ein realer Effekt. Nur eben nicht der, für den das Produkt bezahlt wird.

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@tobi_w der letzte Satz macht mich grade ein bisschen kirre, weil er gleichzeitig richtig und zu bequem ist.

Zitat von tobi_w

wenn ein Ritual dabei hilft, den Abend ruhiger zu strukturieren, dann ist das ein realer Effekt

Ja, das stimmt. Aber dann reden wir über ein Abend-Ritual, nicht über Nitratkinetik. Und das Produkt wird nicht als Abend-Ritual verkauft, das wird als Erholungs-Booster verkauft. Das ist für mich ein Unterschied, den man nicht einfach auflösen sollte. Was mich dabei konkret stört: Wenn ich meiner Patientin sage "auch Placebo-Effekte sind reale Effekte" - was sagt das über die 35 Euro, die das Konzentrat kostet? Kamillentee wäre dann genauso ein realer Effekt, für 2 Euro. Das ist keine Polemik, das ist eine echte Frage die ich mir stelle wenn ich den Ratschlag so formuliere. Was ich in der Praxis eigentlich bräuchte - und das ist mir im Thread erst jetzt klar geworden - ist eine Formulierung die weder "kauf das nicht" noch "mach mal, fühlt sich gut an" ist. Weil beides unbefriedigend ist. Das eine ignoriert dass Menschen Rituale brauchen. Das andere ignoriert dass Produktversprechen und Wirkung auseinanderfallen. Ich hab das Problem heute morgen vor der ersten Patientin tatsächlich noch nicht gelöst.

@mh_82 die Kamillentee-Frage ist eigentlich die präziseste, die du in diesem Thread gestellt hast - und ich glaub, da steckt eine echte Antwort drin, die aber unbequem ist.

Zitat von mh_82

Was sagt das über die 35 Euro, die das Konzentrat kostet?

Kurz gesagt: nichts Gutes. Aber der Punkt ist nicht nur der Preis, sondern die Koppelung. Wenn jemand 35 Euro für ein Ritual ausgibt, das als Erholungs-Booster vermarktet wird, dann ist der Placebo-Effekt nicht frei - er ist an die Überzeugung geknüpft, dass da was Physiologisches passiert. Wenn du deiner Patientin sagst "auch das Ritual wirkt", dann hältst du diese Überzeugung implizit aufrecht. Das ist nicht dasselbe wie Kamillentee, weil beim Tee niemand behauptet, er optimiere die Nitratkinetik. Was ich in der Praxis eigentlich sagen würde - und das ist kein Ausweichen, sondern eine andere Rahmung: Die Frage ist nicht "Placebo oder nicht", sondern "worüber reden wir eigentlich". Wenn die Patientin müde nach Hause kommt und einen Abend-Übergang braucht, ist das ein Bedürfnis. Das Produkt adressiert es zufällig, zum falschen Preis, mit der falschen Begründung. Das wäre dann eigentlich ein Gespräch über Erholung im weiteren Sinne, nicht über Nitrate. Ob du dich damit aus der Verantwortung ziehst - ich weiß nicht. Ich hab das Gefühl, dass die unbequeme Formulierung ungefähr so geht: "Das Produkt macht nicht was es verspricht, aber das Bedürfnis dahinter ist real, und das sollten wir uns getrennt anschauen." Ob das in einer normalen Sprechstunde realistisch ist, bezweifle ich gerade.

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@tobi_w das mit der "falschen Begründung zum richtigen Preis" - oder umgekehrt - trifft was, aber ich steck gerade an einem anderen Punkt fest.

Zitat von tobi_w

Das wäre dann eigentlich ein Gespräch über Erholung im weiteren Sinne, nicht über Nitrate.

Theoretisch richtig. Praktisch hab ich 40 Minuten pro Patient und die meisten kommen wegen des Knies, nicht wegen ihrer Abend-Routine. Das Gespräch über "was brauchst du eigentlich" findet in der Realität meistens nicht statt, weil die Zeit fehlt und weil Patienten mit einer konkreten Frage kommen und eine konkrete Antwort wollen. Was mich dabei beschäftigt: Die Formulierung "das Bedürfnis dahinter ist real" schiebt die Verantwortung ein bisschen in Richtung Patient. Als wäre das Problem, dass er das falsche Produkt für ein echtes Problem gewählt hat. Aber wer hat ihm denn gesagt, das sei das richtige Produkt? Das Packaging, die Aufmachung, der Verweis auf "klinisch bestätigte Wirkung" irgendwo in der Fußzeile. Ich weiß nicht ob ich in der Sprechstunde wirklich die Kapazität habe, das aufzudröseln. Meistens sag ich dann was in der Richtung: schau dir an was drin ist, prüf den Preis, und wenn du es drei Wochen nimmst und nichts merkst, hör auf. Das ist nicht elegant. Aber "lass uns über dein Abend-Ritual reden" geht bei einer Patientin die eigentlich wegen Knieschmerzen da ist auch nicht. Was ich mir ernsthaft überlege: ob man sowas in einer kurzen schriftlichen Info zusammenfassen könnte. Nicht als Empfehlung für oder gegen, sondern als "hier ist was die Forschung wirklich sagt, damit du entscheiden kannst." Ob das realistisch ist weiß ich nicht.

@mh_82

Zitat von jana_w

das kostet mich auch was

- das fällt mir gerade wieder ein, weil jana_w das früher im Thread schon gesagt hat und es bei dir jetzt auf eine andere Weise auftaucht. Zur Info-Broschüre: die Idee ist gut gemeint, aber ich hab Zweifel ob sie das Problem löst, das du beschreibst. Das Problem ist ja nicht Informationsmangel im Sinne von "Patientin weiß nicht was in der Studie steht". Das Problem ist eher, dass sie mit einer fertigen Überzeugung reinkommt und dann Informationen sortiert. Eine Broschüre mit "hier ist was die Forschung wirklich sagt" wird oft genau so gelesen, dass man die Passagen findet die die eigene Haltung stützen. Das ist kein Vorwurf, das passiert mir beim Lesen auch. Was mich an deinem letzten Beitrag eigentlich mehr beschäftigt: du schreibst "drei Wochen, und wenn nichts merkst, hör auf" - aber du hast vorhin selbst gesagt, dass die meisten ihre Abbruchbedingung so diffus halten dass sie nie erreicht wird. Das steht ein bisschen in Spannung miteinander. Gibst du deinen Patienten das Kriterium wirklich konkret mit - also was genau "nichts merken" heißen soll? Oder bleibt das so vage wie bei allen anderen auch? Das ist keine Kritik, ich frag weil mich interessiert ob das in der Praxis wirklich anders läuft als im Selbstversuch.

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