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Rote Beete fermentieren vs. einlegen – wo liegt der echte Unterschied?

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Zitat von leni_bk

wie früh im Fermentationsprozess könnte ich anfangen zu essen

Das ist eigentlich die interessanteste Frage die hier bisher aufgetaucht ist. Und die ehrliche Antwort: schon nach einem Tag merkst du einen Unterschied, aber das ist noch kein Ferment, das ist eigentlich nur leicht angesäuertes Rohgemüse. Die Milchsäurebakterien brauchen eine gewisse Anlaufzeit. Was ich gelesen habe - war in einem Buch über Fermentation, nicht irgendein Blog - beschreibt das eher als kontinuierlichen Übergang als als klaren Vorher/Nachher-Moment. Es gibt keinen Tag X an dem es "fermentiert" ist. Was das für deinen Salatgebrauch bedeutet: du könntest theoretisch nach zwei Tagen schon Scheiben rausnehmen und den Rest weitermachen lassen. Ob das geschmacklich schon interessant ist, weiß ich nicht aus eigener Erfahrung - ich hab das mit Roter Beete noch nicht gemacht, nur mit Gurken, und da war nach zwei Tagen bei 22 Grad schon was da.

Zitat von leni_bk

nicht nach dem perfekten Geschmack suchen sondern einfach das nehmen was praktisch länger funktioniert

Das klingt vernünftiger als 90% der Fermentations-Ratschläge die man online findet. Wobei ich dein Kindergarten-Argument kurz hinterfragen würde: bei Rezepten stimmt das meistens, aber bei Fermentation ist "einfach" nicht immer gleich "fehlerverzeihend". Zu wenig Salz in der Lake zum Beispiel ist simpel gemacht und kann trotzdem schiefgehen. Da ist die Einstiegshürde nicht die Komplexität, sondern das Verhältnis stimmt oder es stimmt nicht.

@markus_hh88 das mit dem Salz in der Lake ist ein guter Punkt aber ehrlich gesagt macht mich das gerade etwas stutzig. Du sagst "Verhältnis stimmt oder es stimmt nicht" - aber wie soll ich denn vorher wissen ob das stimmt? Ich mein beim Kochen kann ich abschmecken während ich koche, aber wenn ich die Lake anmische und dann drei Tage warte, bin ich ja genau in der Situation die ich vorher kritisiert hab - committed ohne zu wissen ob es gut wird. Das klingt jetzt vielleicht doof aber: gibt es da irgendwelche roten Flaggen auf die ich schon früh achten kann? Also nicht erst am dritten Tag wenn ich öffne und denke "oh nein". Oder ist das wirklich einfach eine Frage von "beim ersten Mal kann immer was schiefgehen, beim zweiten Mal weißt du besser Bescheid"? Weil das würde für mich bedeuten dass ich das einfach ausprobieren müsste statt noch mehr zu lesen, und das ist wahrscheinlich auch gar nicht so schlecht. Ich hab beim Joggen mal gehört dass man beim Laufen auch nicht zu viel theoretisch wissen sollte sondern einfach machen und sein Gefühl entwickeln. Vielleicht ist Fermentieren ähnlich? Wobei - Joggen kann ich nicht kaputtmachen, eine Glas Rote Beete schon 😅

Zitat von leni_bk

gibt es da irgendwelche roten Flaggen auf die ich schon früh achten kann

Ja, tatsächlich. Und das ist kein schlechter Einstiegspunkt. Die wichtigsten Zeichen, dass etwas schiefläuft, sind eigentlich recht eindeutig, auch wenn man das zum ersten Mal macht: Schimmel ist klar - nicht die weißliche Trübung in der Lake, die ist normal, sondern echter Schimmel mit Flaum oben auf dem Gemüse. Und dann der Geruch: Milchsäure riecht säuerlich-frisch, ein bisschen wie Sauerkraut im Entstehen. Wenn es faulig-süßlich wird oder nach faulem Ei riecht, stimmt etwas nicht. Das ist eigentlich kein subtiler Unterschied, den man erst nach Erfahrung erkennt. Was die Salzlake angeht - das ist tatsächlich der Punkt, wo ich sagen würde: da gibt es einen klaren Anhaltspunkt. 2% Salzgehalt, also 20g auf einen Liter Wasser, ist ein gut belegter Ausgangswert. Das verhindert die schlechten Bakterien und begünstigt die Milchsäurebakterien. Das kann man einfach abwiegen, da muss man nichts nach Gefühl machen. Das ist der einzige Schritt, der wirklich präzise sein sollte. Draußen ist es heute Abend noch warm, fast schon unangenehm für August in Hamburg, aber das passt zum Thema. Dein Joggen-Vergleich ist übrigens nett, aber ich würd sagen: beim Laufen passiert dir im schlimmsten Fall ein Muskelkater, beim Fermentieren im schlimmsten Fall wegschmeißen. Das ist kein großer Schaden. Das Glas Rote Beete ist nicht kaputtgemacht wenn es misslingt - es ist einfach ein Glas Rote Beete weniger.

okay, das mit den 2% Salz ist jetzt endlich mal eine konkrete Zahl und das hilft mir echt weiter. Das kann ich mir aufschreiben und dann geht mir beim Anmischen nicht die Luft weg weil ich denk "naja, irgendwie salzig". aber

Zitat von markus_hh88

das Glas Rote Beete ist nicht kaputtgemacht wenn es misslingt

- ja gut, wenn du es so sagst klingt das weniger dramatisch 😅 ich glaub ich hab mir da selbst zu viel Kopfkino gemacht. ist ja nicht so als würd ich mein Geld verbrennen wenn eine Charge nicht wird, es ist halt nur... naja, ich bin eher der Typ der vorher wissen will was rauskommt. aber vielleicht ist das genau das Problem warum ich beim Fermentieren nie angefangen hab. was mich grad aber noch interessiert - du sprichst von Milchsäurebakterien die eben Zeit brauchen. aber wo kommen die denn her? also - sind die schon auf der rohen Beete oder in meiner Küche? ich hab irgendwo gelesen dass man die nicht extra zusetzen muss weil sie überall sind, aber das klingt mir ehrlich gesagt zu magisch. wenn ich so eine Lake anmische, wie "weiß" ich dass die richtigen Bakterien auch wirklich angreifen und nicht irgendwelche falschen? oder ist das wieder so ein "probier es einfach aus" Moment wo ich keine garantie hab?

@leni_bk die Frage ist eigentlich gar nicht so magisch wie sie klingt. Die Milchsäurebakterien sitzen tatsächlich auf der Oberfläche des Gemüses selbst - das ist keine Einbildung, das ist Mikrobiologie. Auf roher Roter Beete, wie auf so ziemlich allem was aus der Erde kommt, leben Lactobacillus-Stämme ganz natürlich. Das Salz in der Lake macht nichts anderes als selektiven Druck auszuüben: die empfindlicheren, potenziell schädlichen Bakterien kommen damit schlechter zurecht als die robusten Milchsäurebakterien. Kein Hexenwerk, einfach Biochemie.

Zitat von leni_bk

wie "weiß" ich dass die richtigen Bakterien auch wirklich angreifen

Garantie gibt es keine, das stimmt. Aber das Risikoprofil ist deutlich niedriger als bei anderen Lebensmitteln, weil Milchsäurefermentation sich selbst schützt - der sinkende pH macht das Milieu für Problemkeime zunehmend unwirtlich. Das ist eigentlich ein ziemlich stabiles System, wenn das Salz stimmt. Was ich mich bei deiner Frage aber frage: kaufst du die Rote Beete frisch oder vakuumverpackt? Das spielt nämlich wirklich eine Rolle. Auf vakuumverpackter, pasteurisierter Ware ist die natürliche Bakterienpopulation deutlich reduziert - da kann die Fermentation schleppender anlaufen oder unvorhersehbarer werden. Ich hab das mal bei Sauerkraut-Versuchen mit einem Patienten besprochen, der immer mit dem Supermarkt-Weißkohl nicht weiter kam, und das war tatsächlich ein Faktor. Frische Ware vom Markt wäre da die sicherere Basis für den ersten Versuch.

@markus_hh88 ah okay, das mit der natürlichen Bakterienpopulation auf frischer Ware macht tatsächlich Sinn. Ich kauf meine Beete eigentlich immer frisch vom Markt weil mir die vakuumverpackten irgendwie suspekt sind - schmecken auch anders. Also das sollte dann kein Problem sein. aber jetzt bin ich gerade in so einer Situation wo ich mich selber ein bisschen auslachen muss weil ich die ganze Zeit denk "okay, ich probiers einfach aus" und gleichzeitig frag ich nach jeder Antwort wieder eine neue Frage 😅 ich glaub das ist einfach mein Ding dass ich vorher wissen will worauf ich mich einlass. beim Joggen zum Beispiel - ich bin jetzt zwei Jahre dabei und immer noch nicht sicher ob meine Schuhe noch gut sind oder schon neue brauchen, ich frag ständig rum statt einfach zu merken wie sich das anfühlt. aber

Zitat von markus_hh88

das Glas Rote Beete ist nicht kaputtgemacht wenn es misslingt

- das hilft mir echt. Ich glaub ich mach das einfach dieses Wochenende. frische Beete vom Markt, 2% Salz - das krieg ich hin. und wenn es riecht wie Sauerkraut und kein Schimmel drauf ist, dann lass ich es einfach stehen und ess nach ein paar Tagen davon. muss ja nicht perfekt sein beim ersten Mal, oder? danke dass ihr das so durchdiskutiert habt, hilft mir echt mehr als nochmal googlen

@leni_bk das klingt nach einem guten Plan. Und der Schuhe-Vergleich trifft eigentlich mehr als du vielleicht meinst - das ist kein Fehler, das ist einfach wie manche Leute Entscheidungen treffen. Ich hab in der Praxis genug Leute gesehen, die lieber einmal zu viel nachfragen als einmal zu wenig handeln, und das ist keine schlechte Eigenschaft, nur manchmal eine bremsende. Was mich bei deinem letzten Satz aber kurz beschäftigt: du schreibst "muss ja nicht perfekt sein beim ersten Mal" - das stimmt, aber ich würde noch eine Kleinigkeit ergänzen die bisher nicht erwähnt wurde. Mach dir irgendwo eine kurze Notiz zu dem was du gemacht hast. Datum, Salzgehalt, Scheibendicke, wie die Beete aussah als du sie reingelegt hast. Nicht weil du das für ein Labor-Protokoll brauchst, sondern weil du beim zweiten Versuch sonst genau in die Situation kommst, die du eigentlich vermeiden willst: du weißt nicht mehr was du anders machen sollst wenn es beim ersten Mal nicht so war wie erhofft. Das ist aus meiner Erfahrung der häufigste Fehler bei sowas - man macht es, es wird irgendwie, und dann kann man nichts ableiten weil man die Ausgangssituation nicht mehr rekonstruieren kann. Beim Laufen wäre das so, als würdest du nach dem Training nicht wissen ob du 5 oder 8 Kilometer gelaufen bist.

Zitat von leni_bk

ich bin eher der Typ der vorher wissen will was rauskommt

okay das bin ich auch, und genau deswegen find ich den Notiz-Tipp von @markus_hh88 eigentlich gut - wobei ich zugebe, dass ich sowas dann in eine Notizen-App tippe und drei Wochen später nicht mehr finde wo ich das hingespeichert hab. kleiner Zettel neben dem Glas wäre wohl ehrlicher. was mich bei der ganzen Diskussion jetzt aber wirklich beschäftigt: ihr habt so viel über das Prozess-Zeug geredet, Salzgehalt, Glas, Temperatur - aber keiner hat eigentlich gefragt was ihr danach damit macht. also wenn das Ferment fertig ist und im Kühlschrank steht. ich frag deswegen weil ich mir vorstelle dass ich ein Glas hab es schmeckt ok, und dann... ess ich das drei Wochen lang über jeden Salat bis ich keine Rote Beete mehr sehen kann? ich hab das mit dem Einlegen vor zwei Jahren mal kurz probiert - nicht Rote Beete, Zucchini - und das war genau mein Problem. Ich hab mehr produziert als ich sinnvoll verbrauchen konnte und am Ende war es eine einzige Verpflichtung. vielleicht fängt man mit einem sehr kleinen Glas an, so 300-400ml, damit das kein wochenlanger Abbauprozess wird. @leni_bk falls du das Wochenende wirklich angehst: magst du dann berichten wie es nach Tag zwei riecht? ich würd das echt gerne wissen bevor ich selbst anfange.

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