Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Regeneration über 50 - merkt ihr dass sich was verändert hat?

VorherigeSeite 3 von 8Nächste

@jana_w nein, sie hat mir nichts Konkretes gesagt wie man damit umgeht. Sie hat das mehr so beiläufig erwähnt, so im Stil von "das ist halt so ab 50" und dann war das Thema durch. Das hat mich damals schon ein bisschen geärgert, wenn ich ehrlich bin.

Zitat von markus_b82

nicht die Methode fehlt, sondern die Disziplin

das stimmt, aber ich glaub bei mir kommt noch was anderes dazu - ich bin Elektriker, ich arbeite den ganzen Tag mit Messwerten und Protokollen. Wenn ich abends heimkomme will ich das net auch noch beim Sport machen. Das ist vielleicht blöd aber so ist es halt. Was mich bei deiner Frage aber wirklich beschäftigt: du sagst "konservativere Faustregeln, nicht Körpergefühl sondern Stunden seit der letzten Einheit". Ich hab das tatsächlich mal probiert - einfach pauschal einen Ruhetag mehr eingebaut nach jedem harten Intervalltraining, egal wie ich mich gefühlt hab. Und weißt du was, das hat mir mehr gebracht als irgendein Timing beim Essen. Aber ich halt's nie durch, weil wenn's draußen schön ist und ich mich okay fühle, dann fahr ich halt. Das ist das eigentliche Problem - net das Signaling, sondern dass ich dem Signaling nicht trau und trotzdem losfahr. Das ist vielleicht die ehrlichste Antwort die ich im ganzen Thread geben kann.

@rennradhorst das mit dem "dem Signaling nicht trauen und trotzdem losfahren" - das kenn ich so gut dass es wehtut. Aber ich würde da noch eine Schicht drunter legen, die mir gerade durch den Kopf geht: das ist ja nicht nur fehlende Disziplin. Das ist auch, dass wir nach Jahren des Trainings gelernt haben, Signale zu überschreiben. Wir haben jahrelang trainiert durch schlechte Tage, haben gelernt dass sich Trägheit am Anfang auflöst, dass der Körper "anspringt". Und jetzt funktioniert dieses Muster nicht mehr zuverlässig - aber wir wenden es trotzdem an, weil es jahrelang gestimmt hat. Das finde ich eigentlich den blinden Fleck in diesem ganzen Thread. Wir reden über Ernährung, Timing, Elektrolyte - aber das eigentliche Problem ist vielleicht, dass unsere Erfahrungsbibliothek aus einer Zeit stammt in der der Körper anders reagiert hat.

Zitat von rennradhorst

wenn's draußen schön ist und ich mich okay fühle, dann fahr ich halt

Bei mir war es heute morgen genauso. Beine okay, Sonne draußen, also raus. Aber "okay" ist halt nicht "erholt". Ich merke das seit ungefähr zwei Jahren, dass ich diese beiden Zustände öfter verwechsle als früher. Was mir dabei noch fehlt im Thread: hat jemand von euch mal mit einem Trainingsplan gearbeitet, der explizit Readiness-Kriterien festlegt - also nicht "Ruhetag wenn ich mich schlecht fühle" sondern vorher definiert, was eine Einheit überhaupt erlaubt. Mein Vereinstrainer hat das kurz angesprochen, aber wir sind halt kein Profikader.

--
Rennrad ist kein Hobby, das ist Therapie.

@rennradrenate das mit der "Erfahrungsbibliothek aus einer anderen Zeit" - das hat mich grad echt erwischt. Weil das erklärt warum ich trotz 20 Jahren Erfahrung immer noch falsch lieg manchmal. Ich bild mir ein ich kenn meinen Körper aber ich kenn halt den Körper von vor zehn Jahren.

Zitat von rennradrenate

hat jemand von euch mal mit einem Trainingsplan gearbeitet der explizit Readiness-Kriterien festlegt

nein, nie. Und ich sag dir auch warum net - weil ich mich als Selbständiger den ganzen Tag an Vorgaben halte, Termine, Aufträge, Abnahmen. Wenn ich dann aufs Rad steig will ich das genau nicht. Das ist vielleicht kontraproduktiv aber das ist so. Was mich aber bei deinem Gedanken wirklich beschäftigt: du sagst "okay ist nicht erholt". Das ist eigentlich der präziseste Satz seit langem hier. Ich kenn das - ich steig auf, Beine fühlen sich akzeptabel an, und dann kommt irgendwann der erste längere Anstieg und die Beine sagen nein danke. Und dann frag ich mich was ich falsch eingeschätzt hab. Was ich noch nie probiert hab und jetzt grad überlege: einfach die ersten 20 Minuten als echten Test fahren, ganz locker, und dann erst entscheiden ob die Einheit so geht wie geplant oder ob ich runterschraube. Net als Warm-up sondern als Testlauf quasi. Ob das funktioniert weiß ich net - könnte aber sein dass ich damit mehr rauskriege als mit irgendwelchen Readiness-Kriterien die ich vorher festleg und dann ignorier weil die Sonne scheint.

@rennradhorst die Idee mit den ersten 20 Minuten als Testlauf finde ich interessanter als sie klingt - weil sie das Problem eigentlich umdreht. Nicht mehr "bin ich erholt genug um zu starten" sondern "ich fahr los und der Körper zeigt mir in den ersten Kilometern was er kann". Das ist ehrlicher als jede Readiness-Einschätzung vom Sofa aus. Ich mache das mittlerweile ähnlich, nicht bewusst geplant sondern eher eingeschlichen. Ich fahre die ersten paar Kilometer wirklich locker - nicht weil ich diszipliniert bin, sondern weil ich gelernt habe dass ich mich sonst beim ersten Hügel ärgere. Und in dieser Phase merke ich meistens, ob da was nicht stimmt. Nicht immer, aber öfter als ich erwartet hätte. Was mich dabei aber beschäftigt: das setzt voraus, dass man die Einheit dann auch wirklich anpasst, wenn der Körper in diesen 20 Minuten "nein" sagt. Und da ist bei mir die Lücke. Ich fahr los, merke nach 15 Minuten dass die Beine schwer sind - und fahr trotzdem die geplante Runde. Weil ich schon draußen bin, weil die Strecke schön ist, weil ich mir einrede dass es sich noch gibt.

Zitat von rennradhorst

ich kenn halt den Körper von vor zehn Jahren

Das trifft es genau. Und ich glaube, das ist auch der Grund warum diese Testlauf-Idee im Kopf scheitert bevor sie in der Praxis eine Chance hat. Wir interpretieren die Daten durch eine Brille die nicht mehr passt.

--
Rennrad ist kein Hobby, das ist Therapie.

Zitat von rennradrenate

Wir interpretieren die Daten durch eine Brille die nicht mehr passt.

ja, und das macht mich ehrlich gesagt etwas grantig. Weil das bedeutet dass 20 Jahre Erfahrung in dem Moment wo man sie am meisten braucht - also wenn's drum geht ob man fahren soll oder net - genau dann unzuverlässig werden. Das ist halt net fair. Aber da ist noch was das mich bei deinem letzten Satz beschäftigt @rennradrenate: du sagst die Testlauf-Idee scheitert im Kopf bevor sie eine Chance hat. Ich glaub das stimmt, aber ich glaub auch dass es noch früher anfängt. Nämlich schon beim Anziehen. Wenn ich einmal in der Radhose bin ist die Entscheidung de facto gefallen. Ich kenn niemanden der sich komplett ausrüstet, drei Kilometer fährt und sagt - ne, heute net. Das ist wie wenn ich auf einer Baustelle anfang Kabel zu ziehen, irgendwann macht man fertig. Was ich mich grad frag: wäre die einzige wirklich ehrliche Lösung dann die Entscheidung VORHER zu fällen? Also Ruhepuls messen bevor man überhaupt die Klamotten rausholt. Ich hab das nie gemacht weil ich's zu aufwendig fand. Aber wenn das der einzige Zeitpunkt ist wo man noch unvoreingenommen entscheidet - vielleicht wäre das mal einen Monat lang ausprobieren wert. Net als Protokoll, einfach kurz hinlegen, 60 Sekunden messen, Wert notieren. Wenn der deutlich über Normalwert liegt: Ruhetag, ohne Diskussion. Ob ich das wirklich durchziehe ist ne andere Frage.

@rennradhorst der Ruhepuls-Gedanke ist interessant, aber ich frag mich ob er das Problem wirklich löst oder nur verschiebt. Weil: wenn ich morgens meinen Ruhepuls messe und er ist fünf Schläge über Normalwert, muss ich ja trotzdem entscheiden was das bedeutet. Ab wann ist "deutlich über Normalwert" ein echtes Signal und wann ist es der schlechte Kaffee oder dass die Katze um vier gekratzt hat.

Zitat von rennradhorst

wenn ich einmal in der Radhose bin ist die Entscheidung de facto gefallen

Das stimmt - und ich kenne das genauso. Aber bei mir hat sich das ein bisschen verschoben, konkret gesagt: ich habe angefangen, mir abends schon zu überlegen ob morgen eine harte Einheit überhaupt auf dem Plan steht. Nicht als Protokoll, sondern eher als kurze Frage an mich selbst bevor ich einschlafe. Wie hat sich heute angefühlt, was war die letzte Belastung, wann war der letzte wirkliche Ruhetag. Das klingt banal, ist es vielleicht auch. Aber bei mir hat sich der Entscheidungszeitpunkt dadurch tatsächlich nach vorne verschoben - weg vom Anziehen, hin zu vorher. Ob das mit dem Ruhepuls kompatibel wäre, weiß ich nicht. Ich hab das nie kombiniert. Was mich aber bei dem ganzen Gedanken beschäftigt: wir reden gerade eigentlich gar nicht mehr über Regeneration nach dem Training, sondern über Entscheidungsarchitektur davor. Das ist ein anderes Thema - aber vielleicht das ehrlichere.

--
Rennrad ist kein Hobby, das ist Therapie.

Zitat von derbär

nicht die Methode fehlt, sondern die Disziplin

@rennradrenate "Entscheidungsarchitektur" - das Wort hätt ich jetzt net erwartet hier, aber es trifft's. Was mich daran aber gerade stört: wir tun grad alle so als wäre das ein Informationsproblem. Also als würden wir falsch entscheiden weil uns die richtigen Daten fehlen. Ruhepuls, Abend-Check, Readiness-Kriterien. Aber ich glaub bei mir ist das kein Datenproblem. Ich weiß oft genau dass ich net fahren sollte. Ich fahr trotzdem. Das ist was anderes. Das ist halt - und jetzt wird's vielleicht komisch - eher ein Identitätsproblem. Ich bin seit 20 Jahren der der fährt. Wenn ich net fahr bin ich irgendwie... was. Das klingt übertrieben aber wenn ich ehrlich bin steckt da was drin. Mein Kumpel Klaus, auch Elektriker, hat aufgehört zu fahren mit 48 wegen Knie, und der sagt er vermisst net das Radfahren sondern das "ich bin jemand der Rad fährt". Das hat mich damals net verstanden, jetzt versteh ich's langsam. Was ich damit sagen will: alle Entscheidungsarchitektur der Welt hilft net wenn die Entscheidung gegen den Ruhetag eigentlich ne Identitätsentscheidung ist und keine Trainingsplanung. Ob Ruhepuls oder Abend-Check das knackt - ich bin skeptisch.

@rennradhorst das mit der Identität - da steckt mehr drin als mir lieb ist.

Zitat von derbär

Man kann was machen UND wissen dass man's nicht beweisen kann.

Das hat mich vorhin schon erwischt und jetzt passt es hier nochmal rein: ich glaube, das gilt auch für die Ruhetags-Entscheidung. Ich *weiß* manchmal dass ich fahren sollte lassen. Und ich fahre trotzdem. Nicht weil ich die Daten falsch interpretiere, sondern weil Radfahren bei mir inzwischen so tief verankert ist dass ein Ruhetag sich anfühlt wie - ich weiß nicht - wie eine schlechte Lehrerin sein. Als hätte ich Unterricht ausfallen lassen ohne guten Grund. Was mich an deinem Kumpel Klaus-Beispiel aber gerade wirklich beschäftigt: der hat das erst gemerkt als er aufgehört hat. Wir merken es mitten im Betrieb. Das ist eigentlich schwieriger, weil der Druck von innen weiterläuft. Was ich dazu noch nicht gehört habe im Thread, und das frage ich mich gerade wirklich: gibt es bei euch einen Unterschied ob ihr alleine fahrt oder mit anderen? Ich merke dass ich in Gruppe fast nie abbreche, egal wie die Beine sind. Alleine schon eher. Das wäre dann ja auch eine Art externer Faktor der die "Identitätsentscheidung" überlagert - nicht Ruhepuls, nicht Abend-Check, sondern schlicht: wer schaut zu. Ob das hilft weiß ich nicht. Es macht die Sache eher komplizierter.

--
Rennrad ist kein Hobby, das ist Therapie.

@rennradrenate die Gruppe-Sache - da hast du was angetippt das mich ehrlich gesagt mehr beschäftigt als ich zugeben will. Ich fahr samstags fast immer mit zwei drei Leuten zusammen und da ist das genau wie du sagst. Da brich ich net ab. Nicht weil die mich anschauen sondern weil ich dann nicht der bin der schlappmacht. Das ist net mal bewusst, das passiert einfach. ja aber ich glaub das ist noch net ganz das was da passiert. Ich fahr in der Gruppe manchmal über Grenzen die ich alleine net überschreiten würd - net weil mir jemand zuschaut sondern weil das Tempo von außen kommt und ich mich da einfach reinhänge. Das ist ein anderer Mechanismus. Alleine entscheid ich, in der Gruppe reagier ich nur noch. Und dann bin ich hinterher überraschter als ich sein müsst. Was mich dabei wirklich wurmt: ich kenn das von der Arbeit. Wenn ich auf ner Baustelle bin und der Kunde steht daneben, dann mach ich auch Sachen durch die ich alleine vielleicht unterbrochen hätt. Das ist net Identität, das ist einfach sozialer Zug. Und der ist manchmal stärker als jedes Körpersignal. Also vielleicht ist die ehrlichste Schlussfolgerung aus dem ganzen Thread: wenn du wirklich testen willst ob du erholt bist, dann fahr alleine. Nicht weil du disziplinierter bist, sondern weil niemand mitzieht der dir die Entscheidung abnimmt. ob ich das wirklich so umsetze ist ne andere Frage, Samstagstour mit den Jungs streich ich net. Edit: Zitat war falsch formatiert, aber das Kernding bleibt: dieser soziale Zug ist manchmal stärker als die eigene Vernunft. Das ist net schlecht oder gut, aber man sollte sich das bewusst machen.

@rennradhorst das mit dem "in der Gruppe reagier ich nur noch" - das ist eigentlich der präziseste Satz seit langem. Weil das erklärt warum Gruppenfahrten so eine komische Doppelnatur haben: auf einer seite schöner, auf der anderen... warte, ich fang nochmal an. Was ich sagen wollte: bei mir ist es nicht mal der soziale Zug im engeren Sinne. Ich fahre sonntags oft mit zwei Frauen aus dem Verein, und die fahren beide etwas langsamer als ich wenn's bergauf geht. Trotzdem breche ich in der Gruppe nie ab. Das kann also nicht nur das "mitgezogene Tempo" sein. Ich glaube, da ist noch was anderes - nämlich dass ich in der Gruppe aufhöre, mich selbst zu beobachten. Ich bin beschäftigt mit dem Gespräch, mit der Strecke, mit wer gerade vorne fährt. Die innere Stimme die alleine sagt "Beine schwer, vielleicht runterschrauben" kommt in der Gruppe gar nicht erst zu Wort.

Zitat von rennradhorst

wenn du wirklich testen willst ob du erholt bist, dann fahr alleine

Das stimmt wahrscheinlich. Aber ich frag mich ob das auch umgekehrt gilt - ob man in der Gruppe manchmal besser regeneriert, weil man unbewusst moderater fährt als man alleine würde. Bei mir ist es zumindest so, dass ich alleine öfter in Tempo-Fallen tappe, weil niemand mich bremst und ich mich mit meiner eigenen Garmin-Aufzeichnung von letzter Woche vergleiche. Das wäre dann ja ein Argument für Gruppenfahrten als Regenerationstool, was mir gerade selbst merkwürdig vorkommt als Gedanke.

--
Rennrad ist kein Hobby, das ist Therapie.

VorherigeSeite 3 von 8Nächste