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Macht Ernährung vor dem Training wirklich so viel aus oder rede ich mir das ein?

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ich fahr seit drei Jahren Rad und hab die erste Zeit überhaupt nicht drüber nachgedacht was ich vorher esse. Stulle, Kaffee, los. Hat funktioniert, mehr oder weniger. Seit ich mich für die Granfondo angemeldet hab wird das aber anders - man fängt an zu lesen, zu vergleichen, und plötzlich redet jeder über Timing, Kohlenhydrate, Proteinzufuhr nach der Einheit. Meine Überzeugung ist eigentlich klar: was du vor dem Training reinwirfst zählt mehr als der ganze Kram danach. Ich merk das selbst. Wenn ich nachmittags eine lange Ausfahrt mache und mittags schlecht gegessen hab, ist das schon nach 45 Minuten spürbar. Kein Supplement der Welt holt das raus. Aber jetzt kommt mein Problem. Ich hab gelesen - war irgendein Ernährungs-Blog, nicht besonders seriös aber der Punkt hat mich erwischt - dass viele Freizeitsportler das Timing schlicht überschätzen, weil die Gesamtbilanz über den Tag sowieso das Entscheidende ist. Also nicht wann, sondern was und wieviel insgesamt. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht ob ich dagegen wirklich was hab. Meine Hausärztin hat mir mal gesagt ich soll einfach nicht nüchtern trainieren und den Rest nicht überdramatisieren. Das war vor zwei Jahren, da war ich noch kein Wettkampftyp. Heute wäre ich mir nicht mehr so sicher ob das noch reicht. Was mich konkret interessiert: merkt ihr bei Ausfahrten über zwei Stunden einen Unterschied je nach Vormahlzeit, oder ist das am Ende doch mehr Kopfsache? Ich red nicht von Profi-Ernährung, sondern von normalen Leuten die nach der Arbeit oder am Wochenende auf dem Rad sitzen.

@rote_socke_83 der Punkt mit der Tagesbilanz ist nicht falsch, aber ich glaube der greift zu kurz wenn man über zwei Stunden fährt. Ich hab das selbst getestet, schon vor dem Betanio-Kram, einfach mit normalen Mahlzeiten: gleiche Kalorienmenge über den Tag, aber einmal gut verteilt vor einer langen Einheit, einmal eher hinten geladen. Der Unterschied war nach Stunde 1,5 klar spürbar, nicht als Einbildung, sondern als echtes Leistungsabfall-Gefühl.

Zitat von rote_socke_83

dass viele Freizeitsportler das Timing schlicht überschätzen, weil die Gesamtbilanz über den Tag sowieso das Entscheidende ist

Das stimmt für moderate 60-Minuten-Einheiten wahrscheinlich. Aber ab einer gewissen Dauer kommt die Glykogenproblematik ins Spiel, und da ist Timing eben kein Luxusthema mehr. Es gibt dazu Arbeiten von Jeukendrup (war glaube ich 2010er-Jahre, müsste ich nochmal raussuchen), die genau das zeigen: Pre-Exercise-Carbs haben bei >90 Minuten einen messbaren Effekt auf die Leistungskurve. Ist draußen gerade ungemütlich, typisch Juni hier in Bayern, deshalb hab ich heute sowieso keine Ausfahrt geplant. Was mich bei deinem Post interessiert: Wie weit bist du von der Granfondo-Distanz entfernt? Weil wenn du Richtung 140+ km willst, würde ich den Ernährungs-Blog-Rat zur Gesamtbilanz wirklich nicht als Hauptstrategie nehmen.

@markus_b82 der Jeukendrup-Hinweis ist interessant, den Namen kenn ich aus einem Podcast-Kontext, aber ich hab die Arbeit selbst nie gelesen. Was mich da trotzdem beschäftigt: der Unterschied zwischen "messbarer Effekt im Labor" und "spürbar auf der Straße nach der Arbeit" ist halt nicht automatisch derselbe. Im Labor fährt man kontrolliert bis zur Erschöpfung, net mal schnell 2,5 Stunden mit wechselndem Wind und einem Kopf voller Kundentermine. Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann - ich fahr die langen Samstagseinheiten oft so zwischen 4 und 6 Stunden je nach Strecke, und da merke ich tatsächlich einen konkreten Unterschied je nachdem was ich freitags abends noch gegessen hab. Net nur am Morgen vorher. Das hat mich überrascht als ich das mal bewusst verglichen hab. Wenn ich freitags spät und schwer gegessen hab, ist samstags in der ersten Stunde alles träge, egal was ich zum Frühstück noch reingestopft hab.

Zitat von markus_b82

Wie weit bist du von der Granfondo-Distanz entfernt

das war an @rote_socke_83, aber die Frage ist echt nicht unwichtig. Weil wenn jemand grad erst anfängt mit längeren Einheiten, lohnt sich das ganze Timing-Optimieren erst ab einem gewissen Grundlevel. Darunter ist es halt tatsächlich eher Kopfsache, da hat die Hausärztin von @rote_socke_83 net ganz Unrecht gehabt.

@rennradhorst der Punkt mit freitags abends hat mich gerade wirklich erwischt. Daran hab ich noch nie gedacht. Ich hab immer nur auf die Mahlzeit direkt vorm Training geschaut - was esse ich morgens, wann, wieviel. Dass der Abend vorher schon reinspielt, das war bei mir nie auf dem Schirm.

Zitat von rennradhorst

in der ersten Stunde alles träge, egal was ich zum Frühstück noch reingestopft hab

Das kenn ich als Gefühl, aber ich hab es nie kausal so eingeordnet. Bei mir wäre die Frage ob das bei einer 2-Stunden-Ausfahrt überhaupt noch relevant ist oder ob das erst bei deinen 4-6 Stunden wirklich den Unterschied macht. Ich vermute du liegst richtig, dass das skaliert. Zur Frage wie weit ich von der Granfondo-Distanz weg bin: ich hab letzte Woche erstmals drei Stunden am Stück durchgehalten ohne komplett abzubrechen. Die Veranstaltung geht über 160 km, das ist noch ein weiter Weg. Und ehrlich gesagt merke ich jetzt schon dass meine bisherige Herangehensweise - ich nenn sie mal "Hauptsache nicht nüchtern" - für die längeren Einheiten nicht mehr ausreicht. Das ist keine Meinung mehr, das ist Erfahrung aus den letzten Samstagen. Was mich jetzt beschäftigt: ab welcher Trainingsdauer fängt man sinnvollerweise an auch während der Ausfahrt zu essen? Ich hab das bisher fast nie gemacht.

Zitat von markus_b82

Wie weit bist du von der Granfondo-Distanz entfernt

war ja an @rote_socke_83 gerichtet, hat er jetzt beantwortet - 160 km, drei Stunden aktuell. Da ist noch was zu tun, aber das ist net hoffnungslos. Zur Frage wann man anfängt während der Ausfahrt zu essen: ich sag mal ab 75-80 Minuten macht es Sinn, auch wenn man sich noch gut fühlt. Das ist das Ding das viele falsch machen - man wartet bis man den Hunger spürt und dann ist es zu spät. Der Tank ist schon halb leer bevor das Gehirn Alarm gibt. Ich hab das selbst ein paarmal auf die harte Tour gelernt, irgendwo auf der Schwäbischen Alb mit dem großen Hunger und noch 40 km bis heim. Was ich @rote_socke_83 konkret empfehlen würde - nicht weil ich Ernährungsberater bin sondern weil ich das selbst durchprobiert hab: fang mit echtem Essen an, net sofort mit Gels und dem ganzen Zeug. Banane, Riegel ohne 15 Zutaten die man net kennt, Brot mit was drauf. Gels kommen wenn man die längeren Strecken geht und wirklich weiß warum man die braucht. Bei 2 Stunden Training brauchst die meistens net, solange du vorher ordentlich gegessen hast. Das Supplement-Thema kommt dann von allein auf den Tisch, wenn man merkt dass die normalen Mahlzeiten irgendwo nicht mehr hinreichen. Aber da sind viele zu schnell dabei.

Zitat von rennradhorst

man wartet bis man den Hunger spürt und dann ist es zu spät

Das ist genau der Punkt der mich erwischt hat. Ich hab das letzte Woche tatsächlich so gemacht - und ich kann dir sagen, ab Kilometer 55 war ich mental schon halb weg. Hab dann nix dabei gehabt außer einem Müsliriegel den ich normalerweise für die Kinder kaufe. Hat irgendwie geholfen aber das ist natürlich kein Plan. @rennradhorst der Hinweis mit echtem Essen statt Gels ist gut und ich unterschreibe das. Was mich aber gerade interessiert: wie planst du das konkret ein? Also ich mein - du machst 4 bis 6 Stunden, da musst du ja irgendwie vorher wissen wieviel du mitnimmst. Ich bin Schichtleiter, ich denk in Mengen und Zeitfenstern von Berufs wegen, aber beim Radfahren hab ich da noch gar kein System. Stulle einpacken klingt simpel aber dann wird es warm, zerdrückt, vergessen. Was mich bei dem ganzen Thread inzwischen mehr beschäftigt als die Ernährung selbst: ich hab kein Gefühl dafür wann mein Körper eigentlich Alarm schlägt. Ich merk den Abfall erst wenn er schon passiert ist. Das ist vielleicht das eigentliche Problem, nicht ob ich 90 oder 120 Gramm Carbs vorher esse.

Zitat von rote_socke_83

ich hab kein Gefühl dafür wann mein Körper eigentlich Alarm schlägt

das ist eigentlich der interessantere Punkt als alles was vorher kam. Das Körpergefühl für den Abfall - das lernt man net durch Lesen, das kommt nur durch bewusstes Beobachten über viele Ausfahrten. Ich hab das irgendwann angefangen mir nach jeder Tour kurz aufzuschreiben, net irgendeine App, einfach die Notiz-App auf dem Handy: wann gegessen, wie gefühlt ab welchem Kilometer, was war vorher. Klingt nerdig aber nach vier fünf Wochen siehst du Muster die du sonst nie gesehen hättest. Zum Logistikproblem mit dem Essen - du sagst du denkst in Mengen und Zeitfenstern von Berufs wegen, dann kannst du das. Ich pack mir für längere Touren alles in einen kleinen Ziploc-Beutel, Riegel schon aufgeteilt, Banane in die Trikottasche. Wird es warm, wird es halt warm - schmeckt trotzdem. Das Zerdrückte stört mich net mehr seit ich akzeptiert hab dass das kein Picknick ist. Was mich bei deinem Kilometer-55-Moment interessiert: hattest du da auch dieses leicht gereizte, nix-stimmt-Gefühl oder wirklich nur körperliche Schwäche? Weil bei mir kommt der Hungerast immer zuerst mental an ich werd unkonzentriert und irgendwie kurz angebunden - das ist mein persönliches Frühwarnsystem geworden. Wenn ich auf der Straße plötzlich über jeden Autofahrer innerlich schimpf, weiß ich dass ich zu spät dran bin mit dem Essen.

Zitat von rote_socke_83

ich hab kein Gefühl dafür wann mein Körper eigentlich Alarm schlägt

Das ist mir auch lange so gegangen, und ich glaube das ist kein Anfängerproblem - das ist ein Wahrnehmungsproblem, das durch Routine entsteht. Man fährt, man funktioniert, man merkt den Abfall erst retrospektiv. Was @rennradhorst mit dem mentalen Frühwarnsystem beschreibt (das Gereizt-werden, innerlich schimpfen) deckt sich mit dem was ich bei mir beobachtet hab. Bei mir ist es ein bisschen anders: ich werde auffällig ruhig und meine Trittfrequenz sinkt, ohne dass ich das aktiv steuere. Das hab ich erst gemerkt als ich angefangen hab, Leistungsdaten wirklich anzuschauen statt nur zu fahren. Zur App-Idee von @rennradhorst - ich würde da noch einen Schritt weiter gehen und empfehlen, wirklich die HF-Daten oder Leistungsdaten parallel draufzuschauen wenn man die hat. Weil das "Gefühl ab Kilometer X" oft schon 10-15 Minuten später auftaucht als der tatsächliche Abfall in den Zahlen. Das ist nicht Einbildung, das ist Latenz im Körpergefühl. Wenn man das einmal gesehen hat, lernt man schneller. @rote_socke_83 du schreibst du denkst beruflich in Zeitfenstern - hast du überhaupt ein Gerät mit Leistungsmessung oder fährst du nach Gefühl und Herzfrequenz?

Zitat von rennradhorst

wenn ich auf der Straße plötzlich über jeden Autofahrer innerlich schimpf

Ok das hat mich grad wirklich kurz zum Lachen gebracht weil - ja. Genau das. Ich dachte das wär einfach meine schlechte Laune. Dass das ein Frühwarnsignal sein könnte, das ist mir nie in den Sinn gekommen. @markus_b82 zur Frage mit dem Gerät: ich fahr mit einem Garmin Herzfrequenz ja, Leistungsmessung nein. Der Powermeter ist mir zu teuer im Moment und ich hab das immer als nice-to-have abgetan. Aber wenn du sagst das Körpergefühl kommt 10-15 Minuten später als die Zahlen - das macht mir grad zu denken. Weil genau diese Latenz ist doch das Problem das ich hab. Was mich jetzt beschäftigt ist eine andere Sache. Ihr beide redet über Selbstbeobachtung und Muster erkennen, und das klingt logisch. Aber ich frag mich ob das bei mir überhaupt funktioniert wenn die Ausfahrten so unterschiedlich sind - mal Schicht bis 6, mal ausgeschlafen, mal mit schlechtem Schlaf wegen den Kindern. Da vergleich ich doch Äpfel mit Birnen, egal wie viele Notizen ich mach. Oder bin ich da zu pessimistisch?

@rote_socke_83 der Äpfel-mit-Birnen-Einwand ist nicht falsch, aber ich glaube du machst daraus ein Problem das keines sein muss. Du brauchst keinen kontrollierten Vergleich - du brauchst Kontext-Tags. Also nicht nur "wie war die Ausfahrt", sondern kurz dazuschreiben: Schicht vorher ja/nein, Schlaf grob gut/schlecht, letzter Mahlzeit-Zeitstempel. Dann vergleichst du nicht Äpfel mit Birnen, sondern du siehst irgendwann ob "Nachtschicht + schlecht geschlafen" immer dasselbe Muster produziert. Das ist kein Labor, aber das muss es auch nicht sein.

Zitat von rote_socke_83

Weil genau diese Latenz ist doch das Problem das ich hab.

Ja, und das ist eigentlich die Information die du schon hast. Du weißt jetzt dass du den Abfall immer erst nachher merkst. Das ist schon ein Datenpunkt. Der nächste Schritt wäre: kannst du dir beibringen, aktiv früher hinzuschauen - nicht auf das Gefühl, sondern auf die HF-Kurve in Echtzeit. Wenn deine HF bei gleicher Pace anfängt zu driften, ist das oft früher sichtbar als irgendein Körpergefühl. Hast du am Garmin die HF-Anzeige live auf dem Display, oder schaust du die nur danach aus?

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