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Rote Bete, Magnesium, Proteinpulver – wo hört Ernährung auf, wo fängt Supplement an?

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@miramira die Frage zum Studiendesign ist tatsächlich die richtige. Das Verblindungsproblem bei Rote-Beete ist real und wird in der Literatur auch so benannt. Es gibt Protokolle wo nitratarmer Rote-Beete-Saft als Placebo verwendet wird - der sieht gleich aus, schmeckt aber etwas anders. Ob das wirklich blind ist, da bin ich skeptisch. Einige Studien arbeiten mit Kapseln um das zu umgehen, aber dann hast du wieder andere Bioverfügbarkeitsfragen.

Zitat von miramira

ich dachte damals eher abstrakt darüber nach aber jetzt

Genau da würd mich interessieren was jetzt kommt. Weil das ist für mich der interessante Punkt: der Moment wo was abstrakt Gelerentes plötzlich konkret wird. Das passiert mir in der Praxis auch - ich weiß theoretisch was über Retest-Reliability bei subjektiven Schmerzeinschätzungen, und trotzdem nehm ich manchmal die Aussage eines Klienten "heute viel besser" als Rückmeldung, obwohl ich weiß dass das methodisch wacklig ist. Weil es halt praktisch ist. Was dein Professor zu self-report Daten gesagt hat - das gilt übrigens nicht nur für Supplemente. Das gilt für fast alle Interventionsstudien in der Sportphysiotherapie auch. Wir arbeiten da ständig mit subjektivem Feedback, weil die Alternativen zu teuer oder aufwändig sind. Ich bin da mittlerweile etwas fatalistischer geworden als ich es mit Anfang 30 war. Methodisch sauber wäre gut. In der Realität kommt man meistens nicht dran. Bin heute ehrlich gesagt etwas zu müde um das weiter auszudröseln.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

Methodisch sauber wäre gut. In der Realität kommt man meistens nicht dran.

ja okay aber irgendwie find ich das... beruhigend? wie meinst du das jetzt mira. naja ich glaub weil ich immer dachte das ist mein Problem als Laie dass ich das nicht g'scheit einordnen kann. aber wenn selbst jemand der das beruflich macht am Ende auch mit "wackligem Feedback" arbeitet dann ist das halt einfach der Stand der Dinge und nicht meine persönliche Unfähigkeit. was mich aber gerade beschäftigt und ich glaub das haben wir alle noch nicht wirklich angeschnitten: selbst wenn ich eine perfekte Studie hätte die sagt Nitrat bringt bei Hobbyläuferinnen 2% bessere Zeit auf 21km - was mach ich damit. weiß ich nicht ob das bei mir gilt. die Studienpopulation ist halt nicht ich mit meinem schlechten Schlafrhythmus im Semester und dem holprigen Trainingsplan. ich hab mal irgendwo gelesen dass Effektgrößen aus Laborsettings sich in der Praxis oft halbieren oder so. keine Ahnung ob das stimmt hab die Quelle nicht mehr. aber wenn ja dann ist 2% plötzlich... nix. das Betanio PLUS kostet ja eh heftig und ich hab mirs nie gekauft auch deswegen. aber ich merk gerade dass mein Zögern eigentlich gar nicht so irrational war wie ich dachte - nicht weil ich das durchgerechnet hätte sondern einfach so ein Bauchgefühl. ob das auch confirmation bias ist in die andere Richtung

@miramira der Punkt mit dem Bauchgefühl als confirmation bias in die andere Richtung - das ist eigentlich das erste was mich heute wirklich zum nachdenken bringt. weil ich kenn das von mir. ich hab auch nie Betanio oder irgendwelche Konzentrat-Kapseln gekauft, aber ich trinke halt frischen Rote-Bete-Saft und bilde mir ein das ist was anderes. und wenn ich jetzt ehrlich bin - der einzige echte Unterschied ist dass ich das als "richtiges Essen" rahme und mich dabei besser fühle. nicht körperlich, sondern irgendwie... konsistent mit dem wie ich mich selbst sehe.

Zitat von miramira

ob das auch confirmation bias ist in die andere Richtung

ja. ich glaub schon. nur dass das bei uns halt anders verpackt ist - nicht "ich will dass es wirkt" sondern "ich will nicht der Typ sein der Kapseln schluckt". das ist trotzdem eine Brille die die Wahrnehmung färbt, oder? was mich bei der ganzen Diskussion hier eigentlich stört - und das hat niemand so direkt gesagt - ist dass wir tun als wäre "Bauchgefühl ohne Kalkulation" irgendwie weniger manipuliert als eine Entscheidung die man durchdenkt. aber vielleicht ist das Gegenteil wahr. wenn ich nicht drüber nachdenke kann der Bias komplett unbemerkt reinrutschen. ich sag das auch ein bisschen zu mir selbst gerade.

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less is more ?

@jana_w

Zitat von jana_w

nicht "ich will dass es wirkt" sondern "ich will nicht der Typ sein der Kapseln schluckt"

okay das trifft mich weil ich das bei mir genauso erkenne. ich hab ehrlich gesagt immer gedacht mein Skeptizismus gegenüber sowas wie Betanio ist irgendwie... rationaler. aber wenn ich zurückdenke warum ich das nie gekauft hab dann war das wirklich eher sowas wie "das ist halt nichts für mich" und nicht weil ich das durchgerechnet hätte. was mich gerade beschäftigt ist die Frage ob das überhaupt ein Problem ist. also ich mein - wenn meine Entscheidung aus einem Selbstbild kommt statt aus einer Kosten-Nutzen-Rechnung, aber das Ergebnis eh dasselbe wäre, macht das was aus. keine Ahnung ob... naja vielleicht doch. weil wenn ich irgendwann anfange etwas zu nehmen das ich eigentlich ablehne, dann kipp ich wahrscheinlich auch komplett und rede mir dann ein dass es g'scheit wirkt. hab das bei einer Trainingskollegin gesehen die jahrelang kein Proteinpulver wollte und dann nach zwei Monaten plötzlich drei verschiedene Sachen geschluckt hat. ob da ein Zusammenhang ist weiß ich nicht aber es hat mich damals schon komisch gewundert. was ich noch nicht kapier: kann man das Selbstbild eigentlich bewusst in Frage stellen ohne dass man sich dabei irgendwie verbiegt. oder ist die Reflexion die wir hier gerade alle betreiben auch schon wieder eine Art Selbstbestätigung auf höherem Niveau

@miramira die letzte Frage ist eigentlich die interessanteste im ganzen Thread - ob Reflexion auf "höherem Niveau" auch nur Selbstbestätigung ist. Kurze Antwort: ja, kann sein. Aber das ist kein Argument gegen Reflexion, das ist einfach ein Merkmal von wie Kognition funktioniert.

Zitat von miramira

kann man das Selbstbild eigentlich bewusst in Frage stellen ohne dass man sich dabei irgendwie verbiegt

Was mich an dieser Frage beschäftigt: du setzt voraus, dass "verbiegen" schlecht ist. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Wir nennen es Verbiegen wenn das Ergebnis uns unbequem ist, und Reifung wenn es uns passt. Das ist die gleiche Logik wie beim Notizbuch von @rennradwolf - man schreibt unterschiedlich je nachdem ob man bestätigt werden will oder nicht. Was ich aus der Praxis kenne: Klienten die jahrelang eine feste Überzeugung hatten ("ich brauche kein Dehnen", "ich brauche keine Einlagen") und die dann unter Druck - Schmerz, schlechte Wettkampfsaison, was auch immer - plötzlich alles umstoßen. Das sieht manchmal nach Einsicht aus. Ist es aber meistens nicht. Das ist Kapitulation unter Stress, und dann greift man nach allem was griffbereit ist. Das Proteinpulver-Beispiel mit deiner Kollegin klingt ähnlich. Nicht Reflexion, sondern ein Kipppunkt. Ob das bei dir auch so wäre weiß ich nicht. Aber die Frage "was bringt mich zum Kippen" finde ich ehrlich gesagt interessanter als "ist mein Skeptizismus rational". Weil der Skeptizismus unter normalen Bedingungen hält. Die Frage ist was passiert wenn man mal zwei schlechte Rennen hintereinander hat und jemand einem was empfiehlt das "wirklich geholfen hat".

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

was passiert wenn man mal zwei schlechte Rennen hintereinander hat

das kenn ich. und ich kann dir sagen was bei mir passiert ist: ich hab damals nach einer miesen Saison tatsächlich angefangen mehr Zeug auszuprobieren als ich sonst je würde. nicht weil ich nachgedacht hab sondern weil man irgendwas tun will. das Betanio war auch so ein Fall - nicht geplant, sondern einfach weil ein Kumpel im Verein geschwärmt hat und ich gerade frustriert war. Das ist genau der Kipppunkt den du meinst. Aber da steckt noch was drin das du nicht sagst. Der Kipppunkt kommt nicht nur wenn man schlechte Ergebnisse hat. Der kommt auch wenn alle anderen im Verein plötzlich mit irgendwas ankommen und man der Einzige ist der nein sagt. Das ist kein rationaler Prozess, das ist sozialer Druck der sich als eigene Entscheidung verkleidet. Hab ich selbst erlebt, mehrfach. Was mich an dem Kollegin-Beispiel von @miramira beschäftigt: drei verschiedene Sachen auf einmal. Das ist kein Kipppunkt mehr, das ist Panik. Und dann weißt du hinterher noch weniger was was gebracht hat oder eben nicht. Das Ding ist - ich glaub der Skeptizismus den jana_w und miramira beschreiben ist stabiler als ihr denkt. Nicht weil er rationaler ist. Sonder weil er ins Selbstbild eingebaut ist. Wenn das kippt, kippt's meistens wegen Stress von außen, nicht wegen einem guten Argument.

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