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Rote Beete roh raspeln – zu zäh oder bin ich falsch?

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Zitat von rainer_wbeide irgendwie recht haben nur wollen sie das nicht zugeben

Das stimmt nicht. Ich hab @ms_77 explizit zugestanden, dass die Aufwand-Frage legitim ist. Nur die Schlussfolgerung war eine andere. Das ist kein Aneinanderreden, das ist eine sachliche Differenz. Was mich an rainer_ws drei Posts mehr beschäftigt: Der Werkstatt-Vergleich ist eigentlich gut, aber er bricht an einer Stelle. Material wechseln funktioniert, wenn du weißt, was das richtige Material ist. Hier weiß das noch keiner. Die Frage, ob junge Beete das Problem lösen, ist bisher reine Vermutung. Auch meine. Konkret gesagt: ich hab das selbst einmal mit einer kleinen, frischen Knolle aus dem Wochenmarkt gemacht, geraspelt, kurz mit Apfelessig und Öl stehen gelassen. War texturell okay, nicht zäh. Aber der Geschmack. Da hat @rainer_w einen Punkt, den ich noch nicht auf dem Schirm hatte. Das Erdige ist roh tatsächlich präsenter als gekocht. Das ist keine Einbildung, das hat wahrscheinlich mit Geosmin zu tun, das beim Kochen teilweise flüchtig wird. Ob man das als Problem oder als Eigenschaft bewertet, ist Geschmackssache. Was ich @rainer_w aber nicht abnehme, ist die Implikation, dass dieser Thread im Kreis dreht. Er hat sich eigentlich ganz ordentlich von "meine Knolle war zäh" zu "was macht roh überhaupt aus" entwickelt. Das ist kein Kreis, das ist Fortschritt, auch wenn er langsam kommt.

Zitat von n.feld

Das ist kein Kreis das ist Fortschritt

okay, da geb ich dir recht, das war ungerecht von mir formuliert. aber dieses Geosmin-Ding, das du da nennst - das ist eigentlich das erste konkrete was ich heute gelesen hab das mir wirklich was sagt. also dass das beim Kochen rausdampft, das klingt plausibel, so wie wenn man Kohl kocht und die ganze Küche riecht danach - irgendwas geht eben raus. macht Sinn. aber dann stellt sich mir ne ganz andere Frage, @n.feld, die hier noch keiner gestellt hat: wenn das Erdige beim Kochen teilweise wegfällt - warum empfehlen dann alle immer die rohe Beete als das bessere, das nährstoffreichere, das "echte". Mein Arbeitskollege, der mich überhaupt erst auf das Thema gebracht hat mit dem Rote-Beete-Saft und dem ganzen Betanio-Kram, der hat auch immer gesagt roh ist besser. Aber wenn das Geosmin weg ist beim Kochen und der Geschmack dadurch milder wird - vielleicht ist gekocht für die meisten Leute einfach das verträglichere Produkt, nicht das schlechtere. ich sag das nicht um @rotebeete_fan zu entmutigen. sondern weil mich das gerade beschäftigt ob dieser ganze roh-Trend bei Rote Beete vielleicht auch so ne Mode ist wo Aufwand mit Qualität verwechselt wird. Das kenn ich aus der Werkstatt auch - komplizierter heißt nicht automatisch besser.

Zitat von rainer_w

ob dieser ganze roh-Trend bei Rote Beete vielleicht auch so ne Mode ist wo Aufwand mit Qualität verwechselt wird

Das halte ich für den interessantesten Punkt heute. Und ja, da steckt was drin. Das Problem ist nur: der "roh ist besser"-Reflex kommt aus mindestens zwei verschiedenen Richtungen, die man auseinanderhalten sollte. Das eine ist die Nährstoff-Argumentation, also dass Hitze Vitamine abbaut, Nitrat umwandelt, Enzyme inaktiviert, was auch immer gerade verkauft wird. Das andere ist schlicht Geschmackspräferenz, die nachträglich mit Gesundheitsargumenten rationalisiert wird. Beides läuft unter dem gleichen Label "roh ist besser", hat aber nichts miteinander zu tun. @rainer_w: dein Kollege mit dem Betanin-Kram - das ist übrigens genau das Muster das ich meine. Betanin ist ein Farbstoff, kein Wirkstoff mit gesicherter Dosierungsempfehlung für Kapseln. Dass der in Rote Beete vorkommt ist unbestritten. Was das im Körper konkret macht und ob roh vs. gekocht da einen messbaren Unterschied ergibt - dafür hab ich bisher keine Studie gesehen die das für normale Mengen belegt. Ich hab da tatsächlich mal einen Review-Artikel überflogen, vor Monaten, der war ernüchternd was die Effektgrößen anging. Was ich kurz loswerden muss weil es mich schon eine Weile beschäftigt: die Frage "roh oder gekocht" ist kulinarisch interessant. Als Gesundheitsfrage ist sie meistens schlecht gestellt.

Zitat von n.feld

die Frage "roh oder gekocht" ist kulinarisch interessant. Als Gesundheitsfrage ist sie meistens schlecht gestellt

das ist ehrlich gesagt der klarste Satz im ganzen Thread heute. und genau da hakt's bei mir schon seit nem halben Jahr, seit mein Kollege mich mit dem Rote-Beete-Kram angefixt hat. Der hat nicht gesagt "schmeckt gut roh", der hat gesagt "ist gesünder, mehr Betain, mehr Nitrat, wirkt sich auf den Blutdruck aus" - und dann stand da dieses Betanio auf der Dose und ich hab gedacht, warte mal, wenn das alles schon in der normalen Beete steckt, warum dann Kapsel? Und jetzt sagst du mir dass selbst der roh-vs-gekocht-Vergleich für diese Inhaltsstoffe nicht wirklich belegt ist in normalen Mengen - dann frag ich mich langsam was von dem ganzen Gesundheitsgedöns überhaupt hängenbleibt, wenn man das auseinanderfriemelt. Was mich aber jetzt wirklich interessiert, @n.feld: du schreibst du hast mal nen Review-Artikel überflogen. Welche Mengen reden wir da eigentlich - also wieviel müsste man essen damit da überhaupt was messbar passiert? Weil wenn das ein halbes Kilo täglich ist, dann hat sich die Frage roh-oder-gekocht eh erledigt, das isst kein normaler Mensch. Und wenn es wenige Gramm sind, dann reicht das Glas aus dem Supermarkt viermal die Woche eh auch, ohne Raspberry-Technik und ohne Faserlage. Das würde mir ehrlich mehr sagen als die ganze Textur-Diskussion.

Zitat von rainer_w

wieviel müsste man essen damit da überhaupt was messbar passiert

Das ist genau die richtige Frage, und die Antwort ist unbefriedigend. Der Review den ich überflogen hab - das war irgendwas aus dem Journal of Nutrition, vor vielleicht acht Monaten, ich find den gerade nicht mehr - hat sich hauptsächlich mit Nitrat beschäftigt, nicht mit Betain. Und da lagen die Mengen, bei denen ein messbarer Blutdruckeffekt gezeigt wurde, im Bereich von 300-500ml Saft täglich. Also konzentrierter Saft, nicht frische Raspel. Was das in Gramm frischer Knolle bedeutet, hab ich nicht nachgerechnet, aber viel. Das Problem ist: solche Studien werden fast immer mit standardisierten Extrakten gemacht, nicht mit dem Gemüse selbst. Weil man sonst die Dosis nicht kontrollieren kann. Die Varianz zwischen einzelnen Knollen ist schon beträchtlich, je nach Sorte, Boden, Lagerung. Das macht es schwer, Supermarkt-Glas-viermal-die-Woche mit irgendetwas zu vergleichen. @rainer_w konkret gesagt: ich glaube dein Kollege hat das umgedreht. Nicht "Beete enthält X, also ist die Kapsel sinnvoll", sondern "Kapsel wurde entwickelt, also wird X als wichtig vermarktet". Das ist ein anderer kausaler Pfeil. Die Beete war zuerst da. Was die Alltagsmenge angeht, die ohne Spezialdisziplin realistisch ist - da würde ich eher nicht auf messbare Effekte tippen. Aber das ist, wie gesagt, Analogieschluss.

Zitat von n.feld

Kapsel wurde entwickelt, also wird X als wichtig vermarktet

ja, @n.feld, das ist der Punkt der mich schon seit Monaten stört und ich hab ihn nie so klar formuliert gekriegt. genau das ist das Muster. erst kommt das Produkt, dann kommt die Geschichte drumrum. kenn ich aus der Werkstatt auch - irgendein Hersteller bringt nen neuen Zusatzstoff für Schneidöl raus und plötzlich ist der Zusatzstoff das Wichtigste an der ganzen Sache, nicht das Öl selbst. aber wat mich bei deiner Antwort ehrlich beschäftigt: 300 bis 500ml Saft täglich. das ist ja keine Kleinigkeit. das ist fast ne halbe Flasche, jeden Tag, über einen Zeitraum der nicht genannt wird. und das bei Leuten die unter Studiobedingungen beobachtet werden. ich fahr dreimal die Woche meine Tour, 50, 60 Kilometer manchmal mehr - wenn ich danach nen messbaren Effekt auf den Blutdruck haben will, müsste ich also literweise Zeug trinken, das nach Erde schmeckt. da trink ich lieber Wasser und bleib auf dem Rad. was mich aber noch nicht loslässt - du sagst die Varianz zwischen den Knollen ist schon beträchtlich je nach Sorte und Boden. das bedeutet doch, dass selbst wer das ernsthaft versucht, nie wirklich weiß wat in seiner Knolle steckt. da kann ich die aus dem Supermarktglas nehmen oder frisch raspeln ist am Ende beides Raten. das ist eigentlich ne ziemlich ernüchternde Auskunft für alle die hier mit Faserorientierung und Geosmin angefangen haben.

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