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Rote Beete roh essen - wer macht das wirklich und warum?

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meine Frau hat jetzt die Rote Beete auch mal roh probiert nach irgendeinem Tipp den sie sich irgendwo aufgeschnappt hat. Geraspelt, mit etwas Öl und Zitrone. Ich hab kurz dran gerochen und das war für mich schon genug. Diese Erdigkeit ist roh noch mal eine andere Hausnummer als gekocht. Sie sagt es schmeckt gut. Ich glaub ihr das sogar. Aber ich versteh nicht warum man sich das antut wenn man es auch einfach kochen kann und es danach besser riecht und milder ist. Hier im Thread hab ich schon gelesen dass manche das roh regelrecht feiern, wegen Textur und so. Sag mir einer was daran interessant sein soll an roher Rübe. Ich beiß da rein und denk ich kau auf nem Gartenweg. Was ich wirklich nicht kapier: wenn man roh essen will für den gesunden Kram, gut, meinetwegen. Aber warum dann nicht einfach Möhre? Die tut nicht so weh. Rote Beete roh raspeln dauert ewig, das Gerät wird danach aussehen wie nach einem Unfall und der Geschmack ist halt... naja. Hat jemand einen echten Grund warum roh besser sein soll als gekocht? Ich meine nicht "wegen der Nährstoffe" weil das hör ich von meinem Schwager auch schon den ganzen Tag und da glaub ich ihm genauso wenig. Ich mein geschmacklich. Weil wenn jemand mir erklären kann warum das roh Sinn macht ohne irgendwas von Nitrat und Bioverfügbarkeit zu erzählen dann bin ich dabei. Bis jetzt hat das keiner geschafft. Meine Frau raspelt das jetzt jedenfalls öfter und ich werd da wohl nicht drum rumkommen es wenigstens mal richtig zu probieren.

@ms_77 Die Möhren-Frage ist eigentlich der interessanteste Punkt in deinem Post. Roh funktioniert Möhre deshalb besser, weil sie keine Geosmin-Verbindungen hat. Der erdige Geruch bei roher Roter Beete kommt hauptsächlich davon, und Geosmin ist geschmacklich sehr dominant, schon in geringen Konzentrationen. Beim Kochen verflüchtigt sich ein Teil davon. Roh bleibt es voll erhalten. Ob man das mag, ist dann tatsächlich Präferenz und nicht Gewöhnung, wie manche hier behaupten.

Zitat von ms_77

wenn man roh essen will für den gesunden Kram

Ich halte den Gedanken für wenig belastbar, dass roh automatisch nährstoffdichter ist. Bei Nitrat stimmt das teilweise, ja, aber ob das in der Menge aus einer Portion geraspelter Rübe klinisch relevant ist, dafür hätte ich gern eine konkrete Studie und nicht die Interpretation meines Schwagers oder deines. Die Datenlage zeigt bei Nitrat aus Lebensmitteln einen Effekt auf Blutdruck, aber die Dosierung in den Studien war meist deutlich höher als das, was jemand im Alltag isst. Das Geschmacksargument für roh kenne ich eigentlich nur von Leuten, die Textur generell stärker gewichten als Aroma. Geraspelt mit Säure ist im Grunde ein Rohkostsalat, der das Geosmin etwas abpuffert, das ist der Trick dabei. Deine Frau macht das instinktiv richtig. Ob du das dann noch magst, ist eine andere Frage.

@n.feld ok das mit dem Geosmin ist tatsächlich neu für mich. Hab den Begriff noch nie gehört, klingt nach nem Kabeltyp aber gut. Und wenn das der Grund ist warum roh so riecht wie es riecht dann macht das Sinn. Ich hab das immer einfach "Erde" genannt und nicht weiter nachgedacht warum.

Zitat von n.feld

Deine Frau macht das instinktiv richtig.

Das werd ich ihr sagen, dann freu ich mich schonmal auf das Gesicht das sie macht. Die Säure dämpft das also ab, das ist der eigentliche Trick. Hab ich so noch nie drüber nachgedacht. Ich dachte das Zitronendingsda ist einfach damit's nicht so fad schmeckt. Was mich aber jetzt beschäftigt: wenn das Geosmin beim Kochen teilweise weggeht, warum schmeckt das dann trotzdem noch nach Erde wenn mans kocht. Nicht so stark, klar. Aber weg ist es ja nicht. Ich mein ich hab hier noch nie jemanden sagen hören "meine Rote Beete schmeckt gar nicht erdig" - auch gekocht nicht. Also ist das dann einfach immer noch genug Geosmin das übrig bleibt um's zu schmecken? Das interessiert mich jetzt wirklich und ich sag selten dass mich irgendwas bei dem Thema wirklich interessiert.

Zitat von ms_77

warum schmeckt das dann trotzdem noch nach Erde wenn mans kocht

Weil "teilweise" eben nicht "vollständig" ist. Geosmin ist hitzebeständiger als viele denken. Ein Teil verflüchtigt sich tatsächlich, vor allem im Kochwasser, aber ein erheblicher Rest bleibt in der Zellstruktur gebunden. Konkret gesagt: wenn du im Kochwasser nach dem Garen riechst, riecht das auch noch. Da ist es hingegangen, nicht weg. Das ist übrigens der Grund, warum Rote Beete im Eintopf das ganze Gericht dominiert. Das Geosmin geht ins Wasser und verteilt sich. Bei anderen Gemüsen passiert das nicht in dem Ausmaß. @ms_77 Deine Folgefrage ist eigentlich präziser als die meisten Diskussionen, die ich hier zu dem Thema gelesen habe. Die Wahrnehmungsschwelle für Geosmin liegt beim Menschen bei sehr niedrigen Werten, ich meine so um die 10 Nanogramm pro Liter, hab das mal irgendwo in einem Lebensmittelchemie-Kontext gelesen, bin aber nicht sicher ob das auf wässrige Lösungen oder Luft bezogen war. Jedenfalls reicht das, was nach dem Kochen bleibt, locker aus, um wahrgenommen zu werden. Das ist keine Einbildung und keine Frage der Empfindlichkeit. Der einzige Weg das wirklich zu reduzieren wäre längeres Kochen ohne Deckel, damit mehr verdampft. Ob das die Textur dann noch lohnenswert lässt, ist eine andere Frage.

@n.feld das mit dem Kochwasser hätt ich nicht gedacht. Ich mein ich kippe das danach immer weg ohne groß drüber nachzudenken aber wenn da das meiste Geosmin drin ist dann macht das Sinn warum das Zeug so intensiv riecht wenn man den Topf aufmacht. Zitat von n.feldDer einzige Weg das wirklich zu reduzieren wäre längeres Kochen ohne Deckel

das probier ich vielleicht mal aus. Wobei ich dann schon ahne was passiert - entweder Matsch oder meine Frau fragt warum ich so lang in der Küche steh für ein Gemüse das ich angeblich nicht mag. Was mich grad noch beschäftigt: du sagst Eintopf ist das schlimmste weil das Geosmin ins Wasser geht und sich verteilt. Das erklärt einiges. Ich hab mal bei meiner Mutter einen Borschtsch gegessen, muss 15 Jahre her sein, und der hat wirklich das ganze Essen nach Erde gezogen. Ich dachte damals die hat irgendwas falsch gemacht. Hat sie wohl nicht. Die 10 Nanogramm Schwelle - wenn das stimmt dann ist das schon bemerkenswert wie empfindlich wir da sind. Für sowas interessiert sich mein Schwager natürlich null, der kauft einfach Kapseln und denkt er hat das Thema damit erledigt. Edit: Kleine Korrektur - es war natürlich Borschtsch mit Rüben, nicht nur so. Und ich glaub mittlerweile dass das Geosmin-Problem bei meiner Mutter auch an der Lagerung lag, die hat ihre Rüben immer im kühlen Keller gelagert.

@ms_77 Der Borschtsch-Fall ist eigentlich ein gutes Naturexperiment. Deine Mutter hat nichts falsch gemacht, das Gericht ist konstruktiv darauf ausgelegt, Rote Beete lange im Wasser zu ziehen. Das Geosmin hatte also optimale Bedingungen.

Zitat von ms_77

der kauft einfach Kapseln und denkt er hat das Thema damit erledigt

Das ist faktisch das, was mich an dem ganzen Supplementmarkt stört. Nicht nur bei Roter Beete. Man kauft einen Extrakt, dessen Bioverfügbarkeit und Zusammensetzung man nicht kennt, von einem Produkt, das von jemandem vermarktet wird, der kein Interesse daran hat, dass du einfach eine Rübe kochst. Ob die Kapsel überhaupt Geosmin enthält, Nitrat in relevanter Menge, oder beides, steht da meistens nicht drauf. Was mich bei deiner Borschtsch-Geschichte aber wirklich beschäftigt: Geruchserinnerungen aus der Kindheit oder Jugend sind oft negativ vorbelastet, weil man das Gericht damals vielleicht schon nicht wollte. Das ist keine Neurologie-Vorlesung, das ist einfach bekannt. Die Frage wäre, ob du den Borschtsch heute anders wahrnimmst. Ich vermute schon, weil du jetzt weißt, warum er so riecht, und das verändert die Bewertung manchmal tatsächlich. Muss aber sagen, ich bin heute etwas zu müde um das weiter aufzudröseln.

@n.feld

Zitat von n.feld

ob du den Borschtsch heute anders wahrnimmst

ehrlich gesagt hab ich das noch nicht getestet. Meine Mutter kocht den nicht mehr ist zu aufwendig sagt sie. Und ich mach das selber nicht. Aber der Punkt mit der Vorbelastung ist interessant - ich hab damals als Kind schon keine Rüben gemocht also war das wahrscheinlich keine faire Ausgangslage für den Borschtsch. Was mich bei deinem letzten Post mehr beschäftigt: du sagst Geruchserinnerungen verändern sich wenn man weiß warum etwas so riecht. Das kenn ich tatsächlich von der Arbeit. Wenn du weißt dass ein Kabelisolierung nach dem Typen riecht wegen dem Weichmacher drin dann findest du den Geruch irgendwie... nicht besser aber anders. Weniger störend vielleicht. Ob das bei Rüben auch so funktioniert weiß ich nicht. Ich steh ja nicht jeden Tag mit Fachkenntnis über Geosmin in der Küche. Das mit dem Supplementmarkt - ja, da sind wir einer Meinung. Mein Schwager weiß selbst nicht was in seinen Kapseln drin ist. Hab ihn das letzte Woche gefragt, er hat mir die Packung gezeigt und da stand irgendwas von "Rote Bete Extrakt 500mg" und das war's. Kein Wort davon was genau extrahiert wurde. Ich mein bei nem Kabel wüsst ich nicht warum ich kaufen soll wenn drauf steht "Kupfer irgendwas" ohne Querschnitt.

@ms_77 Das Kabelbeispiel trifft es eigentlich gut. Kontextwissen verändert die Bewertung eines Reizes, das ist in der Wahrnehmungspsychologie gut beschrieben, nicht nur Alltagserfahrung. Der Fachbegriff wäre so etwas wie kognitive Modulation der Sinneswahrnehmung, aber das klingt geschwollener als es ist.

Zitat von ms_77

da stand irgendwas von "Rote Bete Extrakt 500mg" und das war's

Das ist faktisch das Problem. 500mg Extrakt sagt nichts darüber aus, was extrahiert wurde, in welchem Lösungsmittel, bei welcher Temperatur, und ob das Geosmin oder das Nitrat oder irgendwas anderes überhaupt noch vorhanden ist. Rote-Beete-Extrakt kann im Grenzfall einfach konzentriertes Betanin sein, also der rote Farbstoff, und sonst nicht viel. Das ist dann eine teure Lebensmittelfarbe in Kapselform. Was mich bei dem Schwager-Thema aber noch interessiert: Kauft er das weil er einen spezifischen Effekt will, Blutdruck oder Ausdauer oder was auch immer, oder weil er das Gefühl braucht, irgendetwas zu tun. Das wäre kein Vorwurf, das ist eine echte Frage. Die meisten Supplement-Käufer, die ich kenne, sind in der zweiten Kategorie. Und für die ist das Kabel ohne Querschnitt dann auch okay, weil sie eigentlich gar nicht vorhaben, etwas anzuschließen.

@n.feld

Zitat von n.feld

ob er einen spezifischen Effekt will oder das Gefühl braucht, irgendetwas zu tun

das ist eigentlich die ehrlichste Frage die du stellen konntest. Ich hab das mal nachgehakt bei ihm, vor ein paar Wochen noch, und er hat gesagt "für die Ausdauer beim Radfahren". Er fährt Rad, das stimmt. Aber ob er jetzt wirklich misst ob er schneller wird oder mehr Strecke schafft - nein. Der fährt seine Runde und fühlt sich gut dabei und die Kapsel macht ihm das Gefühl er tut noch mehr. Das ist dann Kategorie zwei bei dir. Ich mein ich sag nix, wenn's ihn glücklich macht. Aber er redet halt drüber als wär's Ingenieursleistung. Was mich bei deiner Formulierung mit der "teuren Lebensmittelfarbe" aufgeregt hat - im guten Sinne - ist dass das eigentlich der ehrlichste Satz über Betanin ist den ich je gehört hab. Ich kannte das Wort nicht mal. Wenn das stimmt dass da im schlimmsten Fall nur Farbstoff drin ist dann hat mein Schwager im Grunde Geld ausgegeben damit sein Urin rosa wird. Das passiert nämlich eh schon wenn er Rüben isst, hab ich selbst schon gemerkt, ziemlich erschreckend das erste Mal. Kabel ohne Querschnitt - ja da muss ich lachen. Hätte ich nicht besser sagen könn.

@ms_77

Zitat von ms_77

damit sein Urin rosa wird

Das nennt sich Beturie, ist harmlos, tritt aber nicht bei jedem auf. Ob jemand das bemerkt, hängt von der Menge ab und davon, wie gut Betanin im Darm abgebaut wird. Bei manchen Leuten wird es komplett metabolisiert, bei anderen nicht. Das ist keine Frage der Gesundheit, sondern der individuellen Stoffwechselrate. Sein Geld ist trotzdem weg. Was mich an dem Ausdauer-Argument kurz beschäftigt: wenn er wirklich Blutdruckeffekte oder erhöhte Nitrat-Verfügbarkeit will, dann bräuchte er eine reproduzierbare Dosis, und die bekommt er nur, wenn die Kapsel standardisiert ist auf Nitrat-Gehalt. Das steht da offensichtlich nicht drauf. Geraspelte Rübe aus dem Gemüseladen ist da ehrlicher, weil zumindest das Gemüse selbst das enthält was es immer enthielt. Kein Versprechen drauf, aber auch kein Etikettenschwindel. Das Kabel-ohne-Querschnitt-Argument gilt dann übrigens auch für seinen Placebo-Effekt selbst. Er mist seinen Fortschritt nicht, also weiß er nicht ob das Kabel überhaupt Strom führt. Für Radfahren in der Freizeit ist das vielleicht okay. Ich würde das halt nicht als Argument für das Produkt durchgehen lassen.

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