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Blutdruck-Messungen zu Hause – wann wird's unsinnig?

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Moin zusammen. Ich messe jetzt seit knapp anderthalb Jahren regelmässig morgens und abends. Angefangen hat das ganze weil mein Hausarzt meinte, ich soll selbst ein Auge drauf haben. Okay, hab ich gemacht. Anfang waren die Werte teilweise wild - 150/95 dann wieder 135/82. Nach der Umstellung auf weniger Salz und mehr frisches Gemüse sind sie deutlich stabiler geworden. Aber jetzt das Problem. Meine Frau meint, ich würde langsam obsessiv. Letzte Woche hab ich viermal am Tag gemessen, weil ich einen Anstieg von 5 Punkten gesehen habe. Das ist doch normal, oder. Dann versuche ich rauszufinden, ob es am Kaffee lag oder weil ich den Vorfilm von dieser Doku geguckt hab. Ihr wisst schon, wo's um das Klima ging. Irgendwann hab ich mich dabei selbst ertappt, wie ich einen Salat gegessen hab und dachte: Mal sehen, ob das die Werte in zwei Stunden senkt. Das ist doch nicht normal. Gleichzeitig. Wenn ich gar nicht messe, fühle ich mich unwohl. Weiß ja nicht, wo ich stehe. Mein Arzt sagt, einmal die Woche reicht völlig aus. Aber die tägliche Messung gibt mir irgendwie Sicherheit. Wie handhabt ihr das. Gibt es einen Punkt, wo Selbstbeobachtung in Angststörung umschlägt. Oder bin ich einfach zu vorsichtig in meinem Alter.

@holli das mit dem Salat und den Werten zwei Stunden später... das kenn ich irgendwie, aber halt aus einer anderen Richtung. ich mach das mit Farben so - also ich merke wenn ich zu lange auf ein Projekt starre, fang ich an Dinge zu sehen die gar nicht da sind. und dann glaub ich irgendwann selbst dran. ich glaub das ist bei dir ähnlich. nicht dass die Messungen falsch sind, aber ab einem Punkt fängst du an Muster zu suchen die du erst durch das Suchen erzeugst. 5 Punkte Unterschied und dann viermal messen - das klingt weniger nach Kontrolle und mehr nach dem Versuch Unsicherheit wegzumessen. was halt nicht funktioniert, weil der Blutdruck selbst auf die Aufregung reagiert.

Zitat von holli

Wenn ich gar nicht messe, fühle ich mich unwohl

das ist für mich der eigentlich interessante Satz. weil das ja bedeutet, die Messroutine gibt dir Sicherheit - aber die Sicherheit hält nur bis zur nächsten Messung. das ist ein bisschen wie Notifications checken, ne. du weißt genauso wenig wieviel du weißt nach dem 4. Check wie vorher. ich find das nicht obsessiv, aber ich find auch die Frage deiner Frau berechtigt. nicht weil messen falsch ist, sondern weil es sich anhört als würdest du das Messen selbst als Beruhigung nutzen und nicht mehr als Information.

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less is more ?

Zitat von holli

fühle ich mich unwohl

das hat mich jetzt kurz aufgehalten. weil das ja der eigentliche Punkt ist, oder. nicht die Werte an sich - sondern was passiert wenn du NICHT misst. @jana_w hat das ganz gut getroffen mit dem Notifications-Vergleich. aber ich würd noch einen drauf setzen: es gibt einen Unterschied zwischen "ich messe weil ich informiert sein will" und "ich messe weil ich sonst keine Ruhe finde". das erste ist Vernunft. das zweite ist Zwang - und der lässt sich nicht wegmessen, da hast du selbst schon drauf hingewiesen. Ich kenn das aus nem anderen Bereich. Garmin am Rad. Ich hab ne Weile jeden Tag auf die Herzfrequenzwerte gestarrt nach Ausfahrten, verglichen, gegrübelt. Irgendwann hab ich gemerkt - ich werd davon nicht besser, ich werd nur unruhiger. Hab dann einfach die tägliche Übersicht ausgeblendet und nur noch die Wochenzusammenfassung geguckt. Das hat tatsächlich geholfen. Für deinen Blutdruck würd ich fast dasselbe vorschlagen - nicht weil einmal täglich falsch ist, sondern weil viermal täglich mit anschließender Kausalitätssuche (war es der Kaffee? der Film?) dich nicht weiterbringt. Blutdruck ist kein Echtzeit-Feed der sich deuten lässt wie eine Kurve. Draußen ist es heute wieder grau und nass, passt zum Thema irgendwie. der Arzt sagt einmal die Woche - das klingt wenig, aber ich würd erstmal fragen was sein Argument dafür ist bevor ich das abtue.

Zitat von rote_socke_83

ich messe weil ich sonst keine Ruhe finde

- ja, genau das ist der Punkt. Und @holli, das ist etwas, das würde ich ernst nehmen, wenn ich in deiner Situation wäre. Ich habe da gute Erfahrungen gemacht damit mich selbst zu fragen: Mache ich das für meine Gesundheit oder gegen meine Angst? Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Mein Hausarzt hat mir geraten Rote Beete zu essen, und ich mache das, weil ich das glaube und weil ich sie eh im Garten habe. Das ist eine Entscheidung. Aber wenn ich anfangen würde, täglich zu messen ob die Werte sinken, und dann jedes Gericht danach auszuwählen, ob es "die richtigen" Nährstoffe hat - das wäre ja nicht mehr Leben, das wäre Angst-Management. @rote_socke_83 hat recht, dass dein Arzt wahrscheinlich einen guten Grund hat für einmal die Woche. Der kennt dich, deine Werte, dein Alter. Das zählt mehr als was hier im Forum geschrieben wird, auch wenn das hart klingt. Ich würde tatsächlich mit ihm darüber sprechen, nicht nur "ja, mach ich" nicken, sondern echt fragen: Warum reicht dir das? Was bedeutet diese Häufigkeit für dich als Arzt? Das andere, was mir in den Sinn kommt - und vielleicht ist das zu persönlich - aber: Seitdem dein Mann weg ist, merke ich selbst, wie schnell man sich in Details verlieren kann. Wenn man allein ist, kann so eine Routine auch ein bisschen Struktur geben, ein Grund, etwas zu tun. Das ist nicht schlecht, aber es kann auch... na ja. Habt ihr sonst noch Sachen, die euch beschäftigen außer den Werten?

@elvira_k das mit dem "Machen für Gesundheit oder gegen Angst" - das ist eigentlich die beste Frage in diesem Thread bisher. Ehrlich gesagt hab ich die mir selbst nie so direkt gestellt. Aber was mich bei deinem Beitrag hängen lässt ist der letzte Teil. Du fragst @holli ob es sonst noch Sachen gibt die beschäftigen - und ich versteh warum du das fragst. Trotzdem: das ist ne ganz andere Ebene. Da müsste holli selbst entscheiden ob er das hier aufmachen will. Was ich interessant finde - du redest von deiner Roten Beete aus dem Garten als "Entscheidung". Das ist eigentlich ein guter Punkt. Der Unterschied ist vielleicht nicht Messen vs. Nicht-Messen, sondern ob du noch du der Herr der Sache bist oder ob die Sache über dich bestimmt. Ich merk das beim Fahren manchmal - wenn ich eine Runde mache und danach entspannt bin, wars gut. Wenn ich nach Hause komm und sofort auf die App starre ob meine Wattzahlen gestimmt haben, ist irgendwas falsch gelaufen. Nicht am Training. An mir.

Zitat von elvira_k

Das zählt mehr als was hier im Forum geschrieben wird

Kann ich so nicht unterschreiben - nicht weil Ärzte keine Ahnung haben, sondern weil ein 10-Minuten-Termin im Quartal auch nicht alles abbildet. Das hier ist kein Ersatz aber es ist auch nicht nichts.

Zitat von rote_socke_83

ein 10-Minuten-Termin im Quartal auch nicht alles abbildet

Das stimmt, und das ist eigentlich der praktische Kern hier. Aus meiner Arbeit kenn ich das: Patienten, die täglich messen, kommen oft mit einem Datenberg zum Termin, den der Arzt in fünf Minuten gar nicht sinnvoll verarbeiten kann. Das ist kein Vorwurf an die Ärzte - das ist einfach die Realität. Was mich bei @holli wirklich beschäftigt ist was anderes. Du schreibst, du hast versucht rauszufinden ob der Anstieg vom Kaffee kam oder vom Klimadoku-Vorfilm. Konkret gefragt: was hättest du mit dieser Information gemacht? Kaffee weglassen? Den Fernseher ausschalten? Weil wenn die Antwort "ich weiß nicht" ist, dann war die vierte Messung nicht Informationsgewinn - sie war Beschäftigung. Das ist mir zu vage als Kontrollstrategie. Blutdruck schwankt physiologisch, das ist kein Fehler im System. Die Frage ist ob man diese Varianz aushalten kann oder ob man anfängt, sie wegzumessen. Letzteres funktioniert nicht, das sehen wir in der Praxis auch bei Schmerzpatienten die jede Zahl dokumentieren - irgendwann misst du deine Aufmerksamkeit, nicht mehr den Körper. @rote_socke_83 dein Garmin-Beispiel trifft das gut. Die Wochenzusammenfassung statt dem Tages-Feed - das wäre für @holli vielleicht der konkrete Schritt. Nicht kalt auf einmal die Woche, sondern erstmal auf einmal täglich, fester Zeitpunkt, und dann weg damit.

@mh_82 der Punkt mit "was hättest du mit der Information gemacht" ist gut. Das hab ich mir so nicht überlegt aber es trifft was. Ich frag mich grad ob da noch was anderes drunter liegt. @holli schreibt, er fühlt sich unwohl wenn er nicht misst. Aber er schreibt nicht, er fühlt sich sicher wenn er misst. Das ist nicht dasselbe. Wenn messen wirklich Sicherheit geben würde, dann würde ein guter Wert am Morgen den Tag ruhig stellen. Tut er das? Ich vermute nein. Und dann ist die Frage nicht mehr "wie oft messen", sondern was genau die Unruhe auslöst.

Zitat von mh_82

irgendwann misst du deine Aufmerksamkeit, nicht mehr den Körper

Das ist vielleicht der präziseste Satz in diesem ganzen Thread. Ich spar mir den Kommentar dazu, der ist fertig so. Was ich noch reinwerfen will: @holli hat geschrieben dass die Werte nach Ernährungsumstellung stabiler wurden. Das ist ja tatsächlich was. Das sollte man nicht wegdiskutieren. Da ist was passiert. Aber vielleicht ist genau das das Problem - er hat mal einen echten Effekt gesehen und sucht jetzt den nächsten. Und der kommt nicht auf Abruf. Hab das bei mir selbst so ähnlich erlebt als ich angefangen hab mit den langen Ausfahrten. Einmal gut gespürt dass Essen vorher einen Unterschied macht. Danach wochenlang versucht das zu reproduzieren mit immer feinerer Dosierung. Hat nicht geklappt.

Zitat von rote_socke_83

einmal gut gespürt dass Essen vorher einen Unterschied macht. Danach wochenlang versucht das zu reproduzieren

Das ist eigentlich der Punkt der mich hier am meisten beschäftigt. @holli hat einen echten Effekt gesehen - Ernährung stabiler, Werte stabiler. Das ist kein Einbildung. Und dann läuft das Gehirn weiter auf der Suche nach dem nächsten messbaren Effekt. Kenn ich von Patienten in der Reha, die nach einer guten Woche anfangen jede Übung zu optimieren und dabei vergessen dass sie gerade einfach besser drauf sind als vorher. Was mich noch interessiert, @holli - du hast das nie direkt beantwortet: misst du immer zur gleichen Tageszeit, unter gleichen Bedingungen? Fünf Minuten sitzen, ruhig, kein Kaffee davor? Weil wenn nicht, dann sind die Schwankungen die du siehst zu einem guten Teil Messprozess, nicht Körper. Das würde ich erst mal klären bevor man über Frequenz diskutiert. In der Praxis sieht das anders aus als die Leute denken - wir sehen das auch bei Schmerzpatienten, die ihren Schmerz auf einer Skala von 1-10 dokumentieren und dabei nie gleiche Ausgangsbedingungen haben. Die Daten taugen dann wenig. Konkret gefragt: hat dein Arzt dir eine Messprotokolll-Methode mitgegeben oder einfach nur gesagt "mach das mal"?

Zitat von jana_w

du fängst an Muster zu suchen die du erst durch das Suchen erzeugst

das war eigentlich schon früh im Thread der Kern, aber @mh_82 bringt das jetzt auf eine andere Ebene - nämlich die Methode. Und da steck ich selbst ein bisschen fest mit dem Gedanken. Ich kenn das Protokoll-Chaos von meiner Roten-Beete-Phase. Hab damals Betanio PLUS probiert, morgens, abends, mal nüchtern, mal nicht. Und irgendwann war mir klar: ich hab nie dieselbe Ausgangslage gehabt. Einmal nach dem Frühstück einmal nach der Schicht, einmal nach nem Stresstag. Was soll das dann aussagen? Die Frage von @mh_82 an @holli finde ich eigentlich die wichtigste seit langem in diesem Thread: hat dein Arzt dir wirklich eine Methode mitgegeben oder einfach nur "mach das mal" gesagt. Weil wenn letzteres - dann ist das auch ein bisschen das Problem des Arztes, nicht nur von holli. Ich sag dir, ein 10-Minuten-Termin reicht nicht für sowas. Da brauch ich nichtmal ein Gegenargument, das ist schlicht so. Was ich aber nicht weiß - und das frag ich mich grad wirklich: ändert eine saubere Messmethode was an der Grundunruhe? Also wenn holli ab morgen fünf Minuten sitzt, gleiche Zeit, kein Kaffee davor - wird er dann ruhiger oder findet er dann nur neue Abweichungen zum Grübeln.

Zitat von jana_w

du fängst an Muster zu suchen die du erst durch das Suchen erzeugst

@rote_socke_83 greift das nochmal auf und ich find das berechtigt, aber ich will kurz eine andere Richtung reinbringen. Die Frage ob saubere Methode die Grundunruhe ändert - ich glaub die kann man gar nicht so allgemein beantworten. Das kommt darauf an was die Unruhe antreibt. Bei manchen Patienten, die ich in der Reha-Begleitung hatte, hat eine klare Protokollstruktur tatsächlich geholfen. Nicht weil die Zahlen besser wurden, sondern weil die Struktur selbst beruhigt hat. Der Kopf weiß: ich messe jetzt korrekt, ich kann dem Ergebnis trauen. Das schließt eine Fehlerquelle. Manche brauchen das. Bei anderen hat das Gegenteil passiert. Saubere Methode, verlässliche Daten - und dann erst recht Grübeln weil man die Abweichungen nicht mehr wegdiskutieren kann. Interessant, aber: das sagt eigentlich was über den Ausgangszustand aus. Wenn @holli sich fragt "war es der Kaffee oder der Film" - dann geht es ihm nicht um Information. Dann geht es um Erklärung. Und Erklärung gibt einem das Gefühl von Kontrolle auch wenn man gar keine hat. Ich kenn das aus der Praxis bei Schmerzpatienten die unbedingt einen Auslöser brauchen. Keine Ahnung ob holli das hier aufmachen will, aber das wäre für mich die eigentliche Frage an ihn.

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