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Absetzen und merken – oder doch nichts? Wer hat das ehrlich getestet?

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@rennradrenate

Zitat von rennradrenate

gibt es eigentlich einen Moment wo das Aufhören-zu-Fragen okay ist

ja. Natürlich gibt's den. Aber ich glaub der Unterschied ist: aufhören zu fragen weil du ne bewusste Entscheidung getroffen hast - oder aufhören weil das Produkt halt da ist und du morgens nicht nachdenken willst. Das ist nicht dasselbe. Dein Magnesium-Beispiel trifft mich aber an einer anderen Stelle. Die Krämpfe sind weg. Du weißt nicht warum. Und trotzdem nimmst du's weiter. Das ist eigentlich das rationalste was du tun kannst wenn du nicht die Zeit hast das auseinanderzudröseln - ich sag das nicht ironisch. Wenn was weg ist und der Preis für die Tabletten ist überschaubar, dann ist das ne pragmatische Entscheidung. Damit kann ich mehr anfangen als mit jemandem der dir drei Studien zitiert die er auf Instagram gesehen hat. Was mich aber trotzdem wurmt: du sagst Energie für Reflexion ist begrenzte Ressource. Stimmt. Aber die Supplement-Industrie weiß das auch. Die bauen ihre Produkte genau für den Freitagabend-Kopf. Einfache Packung, einfache Botschaft, kein Nachdenken nötig. Das ist kein Zufall. Ich hab das heute morgen in der Werkstatt kurz gedacht, bevor ich hier reingeschrieben hab. Mein Lehrling hat gefragt ob ich Proteinriegel dabei hab für die Mittagspause. Der ist 22. Woher kommt das bei dem schon.

Zitat von rennradbernd

Mein Lehrling hat gefragt ob ich Proteinriegel dabei hab für die Mittagspause

Das ist der Punkt der mich gerade mehr beschäftigt als alles vorher. Der Typ ist 22 arbeitet körperlich, und hat das schon drin - dieses Reflex-Denken dass Supplementierung zum Sport gehört wie Helm und Trikot. Der hat das nie aktiv entschieden. Der hat das einfach übernommen. Ich frag mich ob das bei uns vor zwanzig Jahren auch schon so war und ich es nur nicht gemerkt hab. Ich glaub nicht. Als ich mit MTB angefangen hab war das wirklich Banane, Wasser, fertig. Irgendwann ist da was reingekrochen - und ich glaub ich weiß nicht mal mehr wann genau bei mir selbst. @rennradbernd du sagst die Industrie baut für den Freitagabend-Kopf. Stimmt. Aber dein Lehrling hat den nicht mal - der ist 22 und hat Energie. Der macht das montags morgens mit vollem Kopf und denkt trotzdem nicht drüber nach. Das heißt das Nicht-Nachdenken kommt nicht nur von Erschöpfung. Das ist schon vorher drin, bevor man überhaupt müde wird. @rennradrenate dein Magnesium-Punkt ist pragmatisch und ich bin da nicht dagegen - wenn was weg ist und der Preis passt okay. Aber das ist halt auch nur möglich weil Magnesium günstig und harmlos ist. Das Gleiche mit irgendeinem Konzentrat für 40 Euro im Monat durchzurechnen sieht anders aus.

Zitat von rennradwolf

Das Nicht-Nachdenken kommt nicht nur von Erschöpfung

ja, das ist der interessante Punkt. Aber ich glaub da steckt noch was anderes drin. Mein Lehrling macht das nicht weil er nicht denken kann oder will. Der macht das weil er nie einen Moment hatte wo er gefragt hat "wozu eigentlich". Der Startpunkt fehlt. Ich hatte den Startpunkt zufällig - unser Vereinstyp mit den Rote-Bete-Shots hat mich damals so genervt dass ich angefangen hab nachzulesen. Und das hat mich erst skeptisch gemacht. Wer keinen Anlass hat skeptisch zu werden, wird es halt nicht. Was mich aber bei dem Lehrling-Ding wirklich beschäftigt: ich hab ihn nicht gefragt warum er das fragt. Hab einfach nein gesagt und Pause gemacht. Vielleicht wärs interessanter gewesen zu fragen wo er das überhaupt her hat - von YouTube, vom Fitnessstudio, von Kumpels. Weil das wäre die eigentliche Info. Ich schätz mal 80 Prozent dieser Reflexe kommen nicht aus Eigenerfahrung sondern aus Umfeld-Übernahme. Nicht mal bewusste Werbung, einfach Osmose. Der Typ neben dir hat was, du willst auch was. Das kenn ich auch von früher - nur dass es damals Energieriegel vom Discounter waren und nicht irgendein Konzentrat für 40 Euro.

@rennradbernd der Punkt mit der Osmose trifft mich mehr als der mit dem Freitagabend-Kopf. Weil der zumindest noch eine Art Entscheidung voraussetzt - auch wenn sie erschöpft getroffen wird. Osmose ist was anderes. Da gibt es gar keinen Entscheidungsmoment.

Zitat von rennradbernd

Wer keinen Anlass hat skeptisch zu werden, wird es halt nicht.

Das stimmt. Aber ich frag mich ob das wirklich so zufällig ist wie du sagst. Du hattest deinen genervten Vereinstyp mit den Shots. Ich hatte meinen erhöhten Blutdruck beim Hausarzt - der hat mich nicht auf Rote Bete gebracht, aber er hat mich überhaupt erst dazu gebracht, Ernährung ernstzunehmen. Und von da an fängt man an zu lesen, zu fragen, zu vergleichen. Was ich damit sagen will: der Anlass kommt oft von außen und hat mit dem Produkt selbst gar nichts zu tun. Bei meinen Schülern sehe ich das übrigens in einer anderen Version. Die kommen manchmal mit Energydrinks in die Schule, neulich hatte ein Neunjähriger einen in der Tasche - nicht weil er Koffein braucht, sondern weil ein Älterer das hatte. Gleiche Logik wie dein Lehrling, nur noch klarer weil da wirklich kein Eigeninteresse dahintersteckt. Nur Zugehörigkeit. Und das bringt mich zu einer Frage die ich noch nicht gehört hab hier: wenn der Einstieg in sowas meistens sozial ist - verändert dann auch der Ausstieg was sozial? Also nicht "ich hör auf weil ich's teste" sondern "ich hör auf und plötzlich bin ich derjenige der erklärt warum.

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Rennrad ist kein Hobby, das ist Therapie.

@rennradrenate die Frage am Ende ist interessant. Ob der Ausstieg auch sozial ist. Ich glaub schon - aber anders als du denkst. Wenn du aufhörst und es fällt keinem auf, dann war deine Einnahme auch vorher sozial unsichtbar. Dann hast du es für dich gemacht, oder zumindest geglaubt dass du es für dich machst. Wenn du aufhörst und plötzlich musst du erklären - dann war das vorher Gruppenritual, nicht persönliche Entscheidung. Das ist eigentlich ein brauchbarer Test. Einfach aufhören und schauen wer fragt. Ich hab das nicht bewusst so gemacht damals mit dem Betanio. Aber als ich aufgehört hab hat exakt einer nachgefragt - der Kumpel mit dem ich die 180er gefahren bin. Und der hat gefragt weil ich es ihm selbst empfohlen hatte. Das war also keine soziale Kontrolle, das war Rückmeldung auf meine eigene Empfehlung. Der Rest hat's nicht mal gemerkt. Was mich bei deinem Neunjährigen-Beispiel beschäftigt ist was anderes. Der Energydrink-Typ zeigt dass das Produkt völlig egal ist. Es geht ums Dabeihaben. Hätte der Ältere ein Trinkpäckchen Apfelsaft - der Neunjährige wollte den auch. Das Supplement ist nur zufällig das aktuelle Statussymbol. Vor zwanzig Jahren war es das Trikot vom Profi-Team, heute ist es das Konzentrat im Beutel. Der Mechanismus ist derselbe. Das heißt der Kampf gegen Supplement-Hype über Aufklärung zu führen greift zu kurz. Den sozialen Mechanismus kriegt man mit Studien nicht weg. Edit: Kleine Präzisierung - mit "Aufklärung" meine ich natürlich nicht, dass Infos nutzlos sind. Aber sie adressieren halt die falsche Ebene des Problems.

Zitat von rennradwolf

der Kampf gegen Supplement-Hype über Aufklärung zu führen greift zu kurz

das find ich ehrlich gesagt den interessantesten Satz im ganzen Thread. weil ich das aus der Uni kenne - wir haben mal ein Seminar zu Gesundheitskommunikation gehabt und genau das war der Punkt. Information ändert Verhalten kaum. Wenn überhaupt ändert Verhalten Verhalten. Also wenn du in einer Gruppe bist wo alle aufgehört haben, hörst du auch auf - nicht weil du jetzt weißt dass das Zeug nix bringt. was mich aber bei @rennradwolf seinem "Test" beschäftigt - einfach aufhören und schauen wer fragt. das ist irgendwie clever aber auch ein bisschen traurig? weil es heißt man hat vorher eh nicht wirklich eine eigene Entscheidung getroffen sondern nur mitgemacht ohne es zu merken. ich kenn das bei mir selber. ich hab letztes Jahr mal Rote-Beete-Saft probiert vor langen Läufen weil ich das eben irgendwo gelesen hab. hab ich eh nicht durchgezogen weil mir der Geschmack auf nüchternen Magen zu heftig war. aber der Startpunkt war kein rationaler - war einfach ein Artikel den ich zufällig aufgemacht hab. keine Ahnung ob ich das wirklich "für mich" entschieden hab oder ob das halt auch so eine Osmose-Sache war. und jetzt bin ich neugierig ob jemand hier wirklich sagen kann bei welchem Supplement er g'scheit begründen kann warum genau das und nicht was anderes

@miramira der Rote-Beete-Geschmack nüchtern, ja, das kenn ich. Ich hab das mal morgens vor einer frühen Ausfahrt probiert und dachte ich trink Gartenerde. Macht man einmal. Aber deine Frage am Ende - ob jemand wirklich begründen kann warum genau dieses Supplement. Das ist die ehrlichste Frage die heute gestellt wurde. Und ich kann die für mich beantworten, zumindest für Vitamin D: Apothekerin hat gemessen, Wert war zu niedrig, hab angefangen, Wert hat sich normalisiert. Das ist eine Kausalkette die ich nachvollziehen kann. Ende der Begründung. Für alles andere? Kann ich nicht. Nicht wirklich. Beim Rote-Beete-Saft hab ich ein Gefühl, hab Zahlen auf bekannten Strecken verglichen - aber keine Kontrolle, kein sauberer Test, nur mein Kopf der gerne Muster sieht.

Zitat von miramira

ob das halt auch so eine Osmose-Sache war

Ich glaub der Unterschied zwischen Osmose und echter Entscheidung ist kleiner als wir uns eingestehen wollen. Auch wenn ich "informiert" rangehe - ich les meistens erst nach dem ich was probiert hab. Nicht vorher. Das heißt die Entscheidung ist vorher schon gefallen, irgendwo zwischen Artikel und Einkauf, und der Rest ist Rationalisierung. Das gilt für mich genauso wie für deinen Lehrling oder den Neunjährigen mit dem Energydrink. Was mich interessiert: du sagst du hasts nicht durchgezogen wegen dem Geschmack. Aber hättest du's durchgezogen wenn es besser geschmeckt hätte - oder war der Geschmack vielleicht auch nur ein guter Grund aufzuhören?

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