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Selbstmessung Blutdruck – wie verlässlich sind eure Heimgeräte wirklich?

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Mich beschäftigt das gerade, weil ich in der Praxis immer wieder Patienten sehe, die mit ihren Heimwerten reinkommen und die weichen teilweise erheblich von dem ab was wir messen. Nicht um 5 mmHg, sondern manchmal 15-20. Jetzt weiß ich natürlich, dass Weißkittelhypertonie ein Ding ist - Stress in der Praxis, anderes Setting usw. Aber ich frage mich ob das auch in die andere Richtung geht. Also: Heimgerät zeigt entspannt niedrige Werte, aber die echte Last sieht anders aus. Habt ihr Erfahrungen damit, wie konsistent eure Heimgeräte messen? Ich meine nicht nur zwischen zwei Messungen am selben Tag, sondern über Wochen. Und misst ihr morgens, abends, nach dem Kaffee - oder habt ihr da ein festes Schema? Was mich noch interessiert: der Arm. Manche schwören auf Handgelenk, andere auf Oberarm. In der Literatur die ich kenne ist Oberarm klar bevorzugt, aber ich höre von Patienten öfter, dass sie Handgelenk nutzen weil es bequemer ist. Das ist mir dann zu vage als Grundlage für irgendwelche Schlüsse. Konkret gefragt: wenn ihr über mehrere Wochen misst und dabei gleichzeitig was an der Ernährung ändert - wie trennt ihr da überhaupt Messrauschen von echtem Effekt? Das ist das was mich bei vielen Eigenberichten skeptisch macht. Der Beobachtungszeitraum ist kurz, das Protokoll fehlt, und dann heißt es "seit ich Rote Beete trinke ist alles besser". Ich will das nicht komplett abtun. Aber ohne vernünftige Baseline ist jede Beobachtung schwer zu bewerten. Vielleicht rede ich hier auch in eine Richtung die für viele hier zu technisch ist.

ah @mh_82 das mit der Baseline ist krass wichtig, da geb ich dir recht. aber ich glaub das Problem ist - und das merke ich auch bei mir - dass die meisten Leute einfach nicht so strukturiert vorgehen können oder wollen. Ich mein, wer notiert sich wirklich jeden Tag exakt die gleiche Uhrzeit, gleicher Arm, gleiche Sitzposition und dann noch was er vorher gegessen hat? was mich aber eher beschäftigt: wenn ich mein Gerät kalibrieren lasse oder wechsel, dann kriege ich auf einmal komplett andere Werte. nicht 5 mmHg, sondern echt 15-20 wie du sagst. und dann frag ich mich halt - wie soll ich denn überhaupt merken ob ne Ernährungsumstellung was bringt wenn das Gerät selbst so variabel ist? Das ist doch das echte Rauschen oder? und klar, der Arm-Faktor ist real. ich hab ne Zeit lang Handgelenk gemessen weil's schneller geht, aber die Werte waren immer höher. seitdem ich auf Oberarm umgestiegen bin sehen die Zahlen anders aus. aber ob das heißt dass die Ernährung gar nicht geholfen hat oder nur dass ich falsch gemessen habe - krass schwer zu sagen. vielleicht ist die eigentliche Frage weniger "hat Rote Beete geholfen" sondern eher "wie erkenne ich überhaupt ob mein Gerät zuverlässig ist" - bevor man da irgendwelche Schlüsse aus den Werten zieht?

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weniger reden mehr heben

Zitat von derbasti

wie erkenne ich überhaupt ob mein Gerät zuverlässig ist

Das ist eigentlich die richtige Frage, aber sie hat eine ziemlich nüchterne Antwort: die meisten Heimgeräte lassen sich gegen ein validiertes Referenzgerät gegenmessen. Arzt, Apotheke, manche Praxen machen das. Wenn da 10+ mmHg Differenz rauskommt, ist die Diskussion über Rote Beete oder sonstige Ernährungseffekte schlicht sinnlos. Was mich an deinem Punkt aber trotzdem etwas stört @derbasti: du sagst nach dem Gerätewechsel waren die Werte "echt 15-20 anders". Das klingt weniger nach Kalibrierungsproblem und mehr nach einem Gerät das von Anfang an nicht getaugt hat. Habt ihr da Quellen zu, welche Geräte überhaupt in vernünftigen Validierungsstudien getestet wurden? Es gibt eine Liste der Deutschen Hochdruckliga, die ich Patienten manchmal empfehle, aber ich weiß nicht wie aktuell die ist. In der Praxis sieht das anders aus als Leute denken: selbst Geräte aus dem Drogeriemarkt können okay sein, aber eben nur wenn Manschettengröße stimmt und Technik korrekt ist. Ich habe Patienten die seit Jahren mit einer zu kleinen Manschette messen und sich wundern warum die Werte so schwanken.

Zitat von mh_82

selbst Geräte aus dem Drogeriemarkt können okay sein

Das stimmt, aber "okay sein" und "validiert" sind halt zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich hab mein Omron-Gerät damals bewusst nach der Validated Device List der British and Irish Hypertension Society ausgewählt, die ist deutlich aktueller gepflegt als die der Deutschen Hochdruckliga, soweit ich das beurteilen kann. Hast du da eine Quelle für, wie oft die DHLiga-Liste upgedated wird, @mh_82? Was mich beim Manschetten-Punkt packt: Das ist wirklich ein blinder Fleck. Ich hab Betanio PLUS eine Weile begleitend zur Nitrat-Forschung getestet und dabei gemerkt, dass ich meine Manschettengröße nie wirklich überprüft hatte. Hab das dann nachgemessen - Oberarmumfang war knapp an der Grenze zur nächsten Größe. Die Werte waren danach nicht dramatisch anders, aber konsistenter über Wochen. Ob das an der Manschette oder am Protokoll lag, das kann ich dir ehrlich gesagt nicht sagen. Was ich vermisse in dieser Diskussion: der Zeitpunkt relativ zur letzten Mahlzeit. Meine Hausärztin hat mir irgendwann gesagt, 30 Minuten Abstand zum Essen, kein Koffein davor. Das klingt banal, aber wenn man das nicht kontrolliert, ist die Streuung schon erheblich - und dann redet man über Ernährungseffekte auf Basis von Werten, die man nach dem Frühstückskaffee gemessen hat.

Zitat von mh_82

selbst Geräte aus dem Drogeriemarkt können okay sein

Ja, aber der Punkt mit der Manschettengröße ist dabei wirklich der, der am meisten unterschätzt wird. Ich sehe das aus der Beratung: fast niemand überprüft das je. Die Manschette liegt einmal am Arm, fühlt sich "normal" an, und damit ist die Sache erledigt. Dabei ist eine zu kleine Manschette eine der verlässlichsten Quellen für systematisch überhöhte Werte - nicht zufälliges Rauschen, sondern konsistenter Fehler in eine Richtung. @markus_b82, was dich mit der Mahlzeit-Thematik beschäftigt, hat noch eine Seite die hier noch nicht erwähnt wurde: Körperhaltung direkt nach dem Essen. Postprandiale Hypotonie - also Blutdruckabfall nach einer Mahlzeit - ist bei manchen Menschen durchaus ausgeprägt. Das heißt, je nachdem ob jemand 20 oder 60 Minuten nach dem Essen misst, bekommt er komplett unterschiedliche Werte, und beide sind in gewissem Sinne "real". Das macht die Interpretation von Heimprotokollen noch schwieriger. Zur BIHS-Liste, die du erwähnst: die kenne ich, und sie ist tatsächlich besser gepflegt. Ich frag mich aber gerade, wie viele der dort gelisteten Geräte wirklich mit adipöseren Oberarmen oder atypischer Armform getestet wurden. Die Validierungsstudien haben da oft recht homogene Probanden.

@anna_grf der Punkt mit der posturalen Hypotonie nach dem Essen ist gut, den hör ich in der Praxis nie. Wobei ich sagen muss, bei meinen Patienten ist das eher ein Thema bei älteren Leuten oder bei denen die Antihypertensiva nehmen, weniger bei gesunden Mittfünfzigern die zu Hause protokollieren. Was mich aber gerade mehr beschäftigt: ihr redet alle über das Messprotokoll als wäre das ein lösbares Problem wenn man es nur ernst genug nimmt. Ich bin da müder geworden. In der Praxis sehe ich Leute die wirklich penibel messen, gleiche Uhrzeit, Oberarm, kein Kaffee vorher, und trotzdem schwanken die Werte über eine Woche um 12-15 mmHg, ohne dass sich irgendwas geändert hat. Das ist biologische Variabilität, nicht Messfehler.

Zitat von markus_b82

ob das an der Manschette oder am Protokoll lag, das kann ich dir ehrlich gesagt nicht sagen

genau das ist das Problem, wenn man gleichzeitig zwei Dinge ändert. Das macht die ganze Sache methodisch unbrauchbar, nicht weil jemand schlampig ist, sondern weil das im Alltag halt so ist. Und @markus_b82, das mit Betanio PLUS als "Begleitprodukt zur Nitrat-Forschung" - ich weiß nicht wie du das meinst, aber das klingt nach Framing das das Produkt selbst liefern würde.

@andrea.h, das mit dem Framing bei Betanio PLUS hast du gut bemerkt. Das fiel mir auch auf, ich hab's erstmal stehen lassen - aber ja, "begleitend zur Nitrat-Forschung testen" klingt nach Formulierung aus dem Produktmarketing. Die Datenlage zu konzentrierten Rote-Beete-Extrakten ist leider dünn, wenn man sich die tatsächlichen Studiendesigns anschaut. Meistens kleine Probandenzahlen, kurze Beobachtungszeiträume, und kein verblindetes Setting. Das sagt nichts darüber aus, ob Nitrat grundsätzlich keine Wirkung hat - das tut es, das ist gut belegt, z.B. über die Umwandlung zu Stickstoffmonoxid und dessen Effekt auf die Gefäßweitung. Aber "Nitrat wirkt" und "dieses Produkt wirkt messbar bei dir" sind zwei sehr verschiedene Aussagen. Was mich an deinem Punkt zur biologischen Variabilität mehr beschäftigt als die Messtechnik-Diskussion: du sagst, penibel protokollierende Patienten sehen trotzdem 12-15 mmHg Schwankung ohne erkennbare Ursache. Das stimmt mit dem überein, was ich aus der Beratung kenne. Die Frage ist dann aber, was Heimprotokolle überhaupt leisten sollen. Für Trendaussagen über Monate mit vielen Messpunkten taugen sie noch - aber für "ich hab diese Woche Rote Beete gegessen und mein Mittelwert ist drei Punkte niedriger" ist das Signal-Rausch-Verhältnis einfach zu schlecht. Das Frustierende ist, dass man das den Leuten schwer vermitteln kann, ohne dass es klingt als würde man ihnen ihr Selbstmanagement madig machen.

Zitat von anna_grf

"Nitrat wirkt" und "dieses Produkt wirkt messbar bei dir" sind zwei sehr verschiedene Aussagen

- ja, genau das ist der Punkt, bei dem mir immer mein Hausarzt einfällt. Der hat mir gesagt, dass ich mehr Rote Beete essen soll, und ich tu das jetzt seit Monaten aus meinem Garten heraus. Aber ehrlich gesagt, wenn ich auf meine Messwerte gucke - die schwanken auch bei mir furchtbar, egal wie gewissenhaft ich protokolliere. Das Frustrierende ist weniger die Frage ob die Rote Beete hilft oder nicht, sondern dass ich überhaupt nicht feststellen kann, ob sie hilft. Und das macht mich jetzt ein bisschen sauer, muss ich zugeben, weil ich viel Zeit in den Garten investiere und die Beeten einkochen und alles. Nicht dass ich deshalb aufhöre - ich glaube immer noch, dass frisches Gemüse besser ist als gar nix. Aber @andrea.h hat recht dass diese Heimprotokolliererei einen in eine Art Wahnsinn treiben kann. Was mich gerade beschäftigt: wenn die biologische Variabilität so groß ist, wie ihr hier alle beschreibt - warum empfehlen Ärzte dann überhaupt diese Heimgeräte? Mein Hausarzt hat mir das Ding in die Hand gedrückt, aber vielleicht hätte er mir auch einfach sagen können, dass ich mich damit nicht verrückt machen soll?

@elvira_k das ist ne gute Frage, die dich auch nicht verrückt macht, sondern eher praktisch ist. Mein Hausarzt hat mir das Ding damals auch einfach mitgegeben. Aber ich glaub, der Grund ist nicht dass die Ärzte das für die totale Lösung halten, sondern weil sie Patienten wie uns - mit Bluthochdruck - halt irgendwas in die Hand geben wollen. Selbst wenn die Zahlen schwanken - wenn du regelmäßig misst und siehst über drei Monate hinweg der Durchschnitt driftet nach oben oder unten, das ist schon aussagekräftig. Nicht für Wochenschwankungen, aber für Trends. Das hat meine Ärztin mir so erklärt. Aber ehrlich - @andrea.h spricht da was Wichtiges an. Wenn du dir jeden Tag selbst Druck machst weil die Werte um 12 Punkte schwanken, dann fragst du dich irgendwann ob das Ding dir hilft oder dich nur nervös macht. Und das ist auch ein echtes Ergebnis, nur nicht ein messbares beim Blutdruck. Mit der Roten Beete aus dem Garten - das ist was anderes als so ein Konzentrat. Das ist echtes Essen, das macht dich beschäftigt, und ob es 5 mmHg bringt oder nicht, du isst halt was Vernünftiges statt Fastfood. Das ist für mich die Grenze. Frisches Gemüse tut's auch wenn es nicht exakt messbar ist. Das Protokoll-Wahnsinn brauchst du dafür nicht. Vielleicht is die Antwort einfach: messen ja, aber nicht täglich obsessiv protokollieren. Einmal die Woche vielleicht, immer zur gleichen Zeit, und gut is.

@holli der Punkt mit dem Trend über drei Monate stimmt, das ist tatsächlich das einzig Sinnvolle was Heimgeräte leisten können. Aber "einmal die Woche" würde ich so pauschal nicht empfehlen - da brauchst du eigentlich eher mehrere Messungen an einem Tag gemittelt, weil eine Einzelmessung pro Woche genau das Problem hat das hier alle beschreiben: du weißt nicht ob du gerade einen biologisch hohen oder niedrigen Tag erwischt hast. Was mich an @elvira_k's Frage eigentlich mehr beschäftigt: warum gibt ein Arzt das Gerät mit, ohne zu erklären was man damit sinnvoll anfangen kann und was nicht. Das ist das eigentliche Problem. Nicht das Gerät, nicht die Variabilität - sondern dass die Erwartung nicht kalibriert wird. Aus meiner Erfahrung in der Praxis ist das eine der häufigsten Quellen für Frust bei Patienten: sie kriegen ein Werkzeug ohne Bedienungsanleitung für die Interpretation. Und dann noch kurz zu @anna_grf's Punkt von vorhin, der mich immer noch beschäftigt: die biologische Variabilität ist real, 12-15 mmHg Schwankung ohne erkennbare Ursache ist keine Ausnahme. Was selten besprochen wird ist, dass Schlafqualität allein schon erhebliche Tagesunterschiede produziert. Ich messe das bei mir nach schlechten Nächten - und nach einem normalen Trainingstag mit gutem Schlaf davor liegen die Werte manchmal 10 Punkte auseinander, ohne dass ich irgendetwas an der Ernährung geändert habe. Das macht jeden Kurzzeit-Ernährungsvergleich methodisch wirklich dünn.

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