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Rote Bete vor dem Lauf – wer hat echte Erfahrungen und wer redet nur nach?

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Überall liest man dat Zeug jetzt. Rote Bete Saft, Rote Bete Konzentrat, irgendwelche Shots die 4 Euro das Fläschchen kosten. Und alle sagen das gleiche: mehr Ausdauer, bessere Durchblutung, der Blutdruck geht runter. Ich hab vor einem halben Jahr angefangen Halbmarathons zu laufen, wegen Blutdruck hauptsächlich. Der Arzt hat gesagt beweg dich. Also mach ich dat. Und dann kommt man zwangsläufig in dieses Ernährungsthema rein. Ich hab rote Bete ausprobiert. Das echte Gemüse, nicht den Konzentrat-Kram. Einfach weil ich dachte wenn schon dann richtig und nicht für teures Geld irgendwas kaufen das genauso schmeckt und trotzdem mehr kostet. Ob meine Zeiten besser wurden weiß ich nicht so genau. Ich laufe seit zwei Jahren erst, da wird man sowieso schneller egal was man isst. Was mich interessiert: gibt es hier jemand der dat wirklich systematisch getestet hat. Nicht "ich glaub schon" oder "fühlt sich besser an". Sondern vorher nachher, gleiche Strecke, vergleichbare Bedingungen. Weil ich hab das Gefühl bei dem ganzen Thema redet 90% der Leute einfach nach was sie irgendwo gelesen haben. Und konkret gesagt: ich glaub nicht dat ein Gemüse Wunder bewirkt. Aber ich bin auch kein Experte. Deswegen frag ich.


Eh gscheit die Frage. Ich glaub aber dass du mit "systematisch getestet" bei den meisten Leuten zu viel erwartest. Wir sind hier doch alle Hobbyläufer nicht irgendwelche Sportwissenschaftler mit Laktatmessgeräten 😅 Ich mach's eh so: wenn ich vor einem längeren Lauf ein Glas Rote-Bete-Saft trinke, fühle ich mich irgendwie... präsenter? Aber ob das wirklich die Nitrate sind oder nur Kopfsache weil ich mir was erwartet hab, keine Ahnung. Vielleicht ist auch einfach egal. Mich nervt nur wenn Leute dann behaupten es ist wissenschaftlich erwiesen und kostet deswegen 7 Euro für 250 ml. Das ist mir zu teuer für Placebo.


Das "präsenter" von julikra trifft es eigentlich ganz gut, nervt mich aber gleichzeitig als Antwort weil es genau das ist wogegen @rote_socke_77 sich abgrenzen wollte. Subjektiv ist halt subjektiv. Was mich bei der ganzen Diskussion mehr interessieren würde: wann genau nimmst du das Zeug? Ich hab nämlich selbst gemerkt dass der Zeitpunkt deutlich mehr ausmacht als erwartet, zumindest wenn man den Studien glaubt die ich dazu kenne. Zwei bis drei Stunden vorher scheint das Fenster zu sein wo die Nitrat-zu-Nitrit-Umwandlung im Speichel halbwegs sinnvoll abläuft. Wer das kurz vor dem Start trinkt und sich dann wundert dass nix passiert, der testet eigentlich gar nichts.


Ah ok das ist ein guter Punkt mit dem Timing, markus_b82. Ich muss ehrlich sagen ich hab das nie wirklich beachtet. Ich trink meinen Saft halt irgendwann vor dem Lauf manchmal eine Stunde vorher manchmal zwei. Aber jetzt wo du das sagst... ich könnte mir vorstellen dass das tatsächlich was ausmacht. Heißt das dann umgekehrt auch dass die ganzen Shots direkt vor dem Start einfach nix bringen weil die Chemie nicht mehr läuft? Das würde erklären warum ich da weniger merke.


Ja, im Prinzip genau das. Die Shots direkt vor dem Start sind fast schon Geldverschwendung wenn man sich anschaut wie der Mechanismus funktioniert. Das Nitrat muss erst über die Speicheldrüsen zu Nitrit reduziert werden, das dauert, und dann kommt noch die weitere Umwandlung zu Stickstoffmonoxid dazu. Das ist kein Schalter den man zwei Minuten vor dem Startschuss umlegt. Was ich mich bei dir noch fragen würde, @julikra: hast du Mundspülung benutzt an den Tagen wo du weniger gemerkt hast? Das klingt absurd aber das ist tatsächlich einer der Faktoren die in Studien auftauchen. Die Bakterien im Mund die das Nitrat zu Nitrit umwandeln werden durch antibakterieller Mundspülung weggespült. Ich hab das selbst erst nicht ernst genommen bis ich gemerkt hab dass ich an Wettkampftagen morgens automatisch immer Mundspülung benutze. Seitdem lasse ich das vor langen Einheiten bewusst weg wenn ich Rote Bete nehme.


Der Punkt mit der Mundspülung stimmt, aber ich frage mich wie viele Leute das in der Praxis wirklich konsequent umsetzen. Was mich mehr beschäftigt: die Studienlage zum Timing ist tatsächlich solide, aber fast alle relevanten Untersuchungen wurden an trainierten Ausdauersportlern gemacht. Bei Leuten mit weniger als zwei, drei Jahren Trainingshintergrund wie @rote_socke_77 ist der Effekt in mehreren Arbeiten deutlich kleiner oder gar nicht nachweisbar, vermutlich weil der Sauerstoffbedarf der Muskulatur noch nicht so effizient reguliert wird. Das heißt: selbst wenn das Timing perfekt ist, kann der Mechanismus beim Einsteiger schlicht weniger anspringen. Nicht weil Rote Bete nichts taugt, sondern weil der Körper noch andere Baustellen hat.


Der Punkt von anna_grf ist interessant, aber ich würde das etwas anders gewichten. Ja, die Studien sind häufig an trainierten Athleten gemacht worden, aber "weniger nachweisbar bei Einsteigern" heißt nicht null Effekt. Was ich eher vermute: Einsteiger variieren in zu vielen anderen Variablen gleichzeitig (Pace, Schlaf, Strecke) um überhaupt einen kleinen Effekt sauber zu isolieren, auch in Studien nicht. Das ist ein Messproblem, kein Körperproblem. Hast du @anna_grf da konkrete Studien im Kopf? Ich kenn ein paar Arbeiten wo der Unterschied zwischen Trainierten und Untrainierten eben genau das war, aber ich bin mir nicht sicher ob wir dieselben meinen.


Das Messproblem, das markus_b82 anspricht, ist real, aber ich glaube es erklärt nicht alles. Es gibt tatsächlich ein paar Arbeiten, wo man gezielt versucht hat, die Konfundierung rauszurechnen, und der Effekt bei weniger trainierten Probanden blieb kleiner. Nicht null, aber deutlich abgeschwächt. Ich glaube das hat weniger mit Messrauschen zu tun als mit der Mitochondriendichte. Gut trainierte Muskeln haben mehr Mitochondrien, und die Stickstoffmonoxid-Wirkung entfaltet sich da anders, effizienter. Bei jemandem der seit einem halben Jahr läuft ist dieser Angriffspunkt schlicht noch nicht so ausgeprägt. Das ist meine Lesart, @markus_b82, und ja, wir reden möglicherweise über unterschiedliche Studien.


Die Mitochondriendichte-These klingt plausibel, aber ich geb zu bedenken: aus meiner Erfahrung in der Praxis sehe ich auch gut trainierte Sportler, bei denen der Nitrateffekt in kontrollierten Selbstversuchen kaum messbar ist. Das passt nicht ganz zur reinen Mitochondrien-Erklärung. Vielleicht ist die individuelle Variabilität in der oralen Bakterienflora unterschätzt, die beeinflusst wie viel Nitrit überhaupt entsteht, noch bevor der Mechanismus in der Muskelzelle ankommt. Das würde erklären warum manche Leute trotz jahrelangem Training schlicht nicht ansprechen.

Zitat von markus_b82

Die Bakterien im Mund die das Nitrat zu Nitrit umwandeln werden durch antibakterieller Mundspülung weggespült.

Das hab ich auch erst nicht ernst genommen, aber der Punkt ist tatsächlich einer der am besten belegten in der ganzen Nitrat-Literatur. Was mich aber bei markus_hh88s Beitrag mehr interessiert: wenn die individuelle Bakterienflora so viel ausmacht, dann wäre das eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis für alle Selbstversuche ohne Kontrollbedingungen, weil du schlicht nicht weißt ob deine Flora an dem Tag funktioniert hat. Ich hab damals mein Betanio-PLUS-Experiment unter anderem deswegen für wenig aussagekräftig gehalten, ich hatte keine Ahnung was in meinem Mund gerade los war. Die Frage wäre dann eigentlich: macht systematisches Testen ohne diese Variable zu kontrollieren überhaupt Sinn, oder protokolliert man da nur Rauschen?

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Wer keine Quelle hat, hat keine Aussage.

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