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Abgesetzt und nichts gemerkt – warum reden wir dann nicht mehr darüber?

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@jenni_1997 der Punkt mit dem abergläubischen Denken trifft es eigentlich gut. Ich würd das aber noch etwas konkreter machen: das Problem ist nicht nur, dass man Variablen nicht trennen kann - das Problem ist, dass man es meistens auch gar nicht versucht. Kein Tagebuch, keine Baseline, kein strukturierter Versuch. Nur Bauchgefühl im Nachhinein.

Zitat von jenni_1997

man hat so viele Variablen gleichzeitig dass man eh nie sicher sein kann

Das stimmt, aber das wäre ja gerade der Grund warum man es systematisch angehen müsste, nicht der Grund warum man's lässt. In der Praxis seh ich das bei Reha-Patienten auch: die können dir nach vier Wochen Übungen oft nicht sagen ob sie weniger Schmerzen haben wegen der Übungen, wegen dem warmen Wetter oder weil der Stress gerade weniger ist. Das macht die Übungen nicht wertlos - aber es zeigt, dass wir generell schlecht darin sind, Selbstbeobachtung methodisch zu machen. Konkret gefragt: hat hier irgendwer mal wirklich vier Wochen lang täglich irgendwas protokolliert - Einnahme, Schlaf, Leistung - bevor er abgesetzt hat? Oder läuft das immer auf Impression management hinaus, also "fühlt sich gut an, also beibehalten."

Was mich bei @holli stört ist was anderes als bei markus_b82. Nicht das Simplifizieren - sondern dass "frisches Gemüse tut's auch" genauso eine Glaubenssatz ist wie das Supplement-Denken, wenn man keine Zahlen dahinter hat.

@mh_82 das mit dem Protokollieren - ich hab das tatsächlich mal gemacht, nicht vier Wochen aber immerhin drei. Garmin-Daten, Einnahme-Log in einer simplen Textdatei, Schlafdauer. Ergebnis: ich konnte nichts isolieren. Zu viel Rauschen, zu wenig Konsistenz im Training selbst.

Zitat von elvira_k

ich stelle fest, dass ich das anderen gegenüber auch defensiv werde

Das finde ich interessant, weil das bei mir auch so war - aber andersrum. Ich hab meine Skepsis gegenüber dem Betanio-Kram in meiner Laufgruppe mal erwähnt und bin damit auf Schweigen gestoßen. Nicht Widerspruch, einfach Schweigen. Das ist eigentlich die unangenehmste Reaktion, weil man danach nicht mal weiß ob man etwas getroffen hat oder ob die Leute einfach nicht diskutieren wollen. Was mich bei @mh_82s Punkt wirklich beschäftigt ist die Frage nach der Methodik - du sagst "frisches Gemüse tut's auch" sei genauso ein Glaubenssatz ohne Zahlen. Das stimmt. Aber da gibt es immerhin eine Grundlage in der Ernährungsepidemiologie, auch wenn die ihre eigenen Methodenprobleme hat (Stichwort: Confounder in Beobachtungsstudien). Hast du da eine Quelle für, die das für Ausdauersport konkret beziffert? Ich frag ehrlich, nicht rhetorisch. Was ich noch nicht im Thread gesehen hab: könnte das Nicht-Absetzen auch damit zusammenhängen, dass man bei positivem Ergebnis (also "kein Unterschied gemerkt") gar nichts tun muss - aber bei negativem Ergebnis ("doch schlechter") sofort reagieren müsste? Also asymmetrisches Risiko aus Eigenwahrnehmung.

@markus_b82 das asymmetrische Risiko - das ist eigentlich der interessanteste Punkt im ganzen Thread bisher. Weil es erklärt warum das Absetzen strukturell unwahrscheinlich ist, nicht nur psychologisch. Wenn nichts passiert beim Weglassen, ist das eine schwache Information ("wahrscheinlich brauchst du's nicht"). Wenn doch was passiert, ist das ein starkes Signal das sofort handlungspflichtig macht. Also bleibt man lieber dabei. Das kenn ich aus der Praxis in einer anderen Form: Patienten die prophylaktisch tapen. Kein Schmerz solange das Tape drauf ist - aber ob das Tape was bringt oder ob da einfach nix wehgetan hätte, weiß keiner. Und wenn man das Tape weglässt und es zieht irgendwo, ist der Zusammenhang sofort "klar". Obwohl er das natürlich nicht ist.

Zitat von markus_b82

Hast du da eine Quelle für, die das für Ausdauersport konkret beziffert?

Nein, ehrlich gesagt nicht - das war von mir auch eher ein kritischer Einwurf als eine belegte Gegenposition. Mein Punkt war nur: "frisches Gemüse reicht" klingt vernünftig, ist aber genauso wenig operationalisiert wie "das Supplement hilft." Für Grundversorgung stimmt's vermutlich, aber sobald wir über Trainingsadaptation oder Leistungsparameter reden, bräuchte man da schon was Konkretes. Die Frage die ich mir gerade stelle: ab wann ist Ernährungsepidemiologie überhaupt auf den Einzelfall anwendbar? Populationsdaten sagen mir als Physiotherapeut für den konkreten Patienten vor mir oft sehr wenig.

@mh_82 die Frage zur Epidemiologie auf Einzelfallebene ist eigentlich genau da, wo mir Statistik im Softwarekontext manchmal einfacher vorkommt als in der Medizin - weil man dort wenigstens noch A/B-Tests mit kontrollierten Bedingungen machen kann, und selbst da ist n=1 halt wertlos.

Zitat von holli

das ist normale menschliche Dummheit

Ich komm da nochmal drauf zurück, weil mir mh_82s letzter Punkt das anders eingerahmt hat. Was du beschreibst, holli, ist eigentlich kein Dummheitsproblem, sondern ein Inferenzproblem. Der Mensch vor dir hat schlicht kein geeignetes Werkzeug um aus seinen eigenen Körperdaten valide Schlüsse zu ziehen. Das ist kein Versagen, das ist ein Designproblem, wenn man so will. Was mh_82 zu den Populationsdaten sagt, trifft mich gerade anders als erwartet. Ich hab das immer als "schwaches Argument" abgetan wenn Leute sagten "aber Studien zeigen doch..." - weil Studien eben Gruppen beschreiben und keine Individuen. Aber jetzt frag ich mich ob mein eigenes Protokoll-Experiment (Garmin, Textdatei, drei Wochen) nicht genau denselben Fehler in die andere Richtung macht: n=1 ist auch keine Evidenz, auch wenn es sich anfühlt wie eine. Hast du dazu, @mh_82, in deiner Praxis irgendwas Brauchbares gefunden - also Methoden die zwischen Populationsaussage und Einzelfall vermitteln, ohne rein anekdotisch zu werden? Ich kenn das Konzept N-of-1 trials aus ein paar Papers aber soweit ich weiß ist das im klinischen Kontext kaum operationalisierbar.

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