Supplements absetzen – und dann? Was habt ihr wirklich bemerkt?
Zitat von tobi_w am Juni 1, 2026, 10:48 UhrIch schaue hier gelegentlich rein wenn mich interessiert was die Praxis-Seite zu einem Thema sagt, das ich gerade von der anderen Seite anschaue. Mich beschäftigt gerade die Frage was Leute tatsächlich erleben wenn sie Supplements eine Zeit lang weglassen. Der Hintergrund: Im Kontext von Ausdauerleistung gibt es einige gut belegte Mechanismen (Nitrat, Creatin, Koffein, da ist die Datenlage relativ klar), aber die Effektgrößen sind oft bescheidener als die Produktverpackung nahelegt. Und fast alle kontrollierten Studien schauen auf Laborwerte oder definierte Leistungstests, nicht auf das subjektive Erleben über Wochen. Das ist eine echte Lücke. Was mich interessiert ist das Absetz-Erlebnis. Es gibt diesen User-Kommentar den ich in ähnlicher Form schon öfter gelesen habe: "Hab alles abgesetzt und keinen Unterschied gemerkt." Das klingt wie ein klares Ergebnis, ist aber methodisch schwierig zu interpretieren. Ohne Kontrollbedingung, ohne Protokoll, mit vielleicht gleichzeitig verändertem Training oder Schlaf - da ist das Urteil schwer. Trotzdem finde ich das Experiment sinnvoll. Besser als gar keine Reflexion. Und ich glaube es passiert zu selten, dass Leute überhaupt aktiv ausprobieren wegzulassen statt einfach weiterzunehmen. Konkrete Frage: Hat jemand das systematischer gemacht, also mit gleichem Trainingsvolumen, gleichem Zeitraum, wenigstens grob protokolliert? Was hat sich verändert, was nicht? Und bei welchen Mitteln? Mich würde speziell Koffein interessieren (da ist der Entzugseffekt ja ein eigenes Thema, Papacosta & Nassis 2011 haben dazu was geschrieben) und Creatin, weil da die Auswaschphase relativ lang ist und viele das unterschätzen. Ich lese das hier gerne mit, auch wenn ich selbst eher selten antworte.
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Meinungen hier sind privat, nicht Institutsposition.
Ich schaue hier gelegentlich rein wenn mich interessiert was die Praxis-Seite zu einem Thema sagt, das ich gerade von der anderen Seite anschaue. Mich beschäftigt gerade die Frage was Leute tatsächlich erleben wenn sie Supplements eine Zeit lang weglassen. Der Hintergrund: Im Kontext von Ausdauerleistung gibt es einige gut belegte Mechanismen (Nitrat, Creatin, Koffein, da ist die Datenlage relativ klar), aber die Effektgrößen sind oft bescheidener als die Produktverpackung nahelegt. Und fast alle kontrollierten Studien schauen auf Laborwerte oder definierte Leistungstests, nicht auf das subjektive Erleben über Wochen. Das ist eine echte Lücke. Was mich interessiert ist das Absetz-Erlebnis. Es gibt diesen User-Kommentar den ich in ähnlicher Form schon öfter gelesen habe: "Hab alles abgesetzt und keinen Unterschied gemerkt." Das klingt wie ein klares Ergebnis, ist aber methodisch schwierig zu interpretieren. Ohne Kontrollbedingung, ohne Protokoll, mit vielleicht gleichzeitig verändertem Training oder Schlaf - da ist das Urteil schwer. Trotzdem finde ich das Experiment sinnvoll. Besser als gar keine Reflexion. Und ich glaube es passiert zu selten, dass Leute überhaupt aktiv ausprobieren wegzulassen statt einfach weiterzunehmen. Konkrete Frage: Hat jemand das systematischer gemacht, also mit gleichem Trainingsvolumen, gleichem Zeitraum, wenigstens grob protokolliert? Was hat sich verändert, was nicht? Und bei welchen Mitteln? Mich würde speziell Koffein interessieren (da ist der Entzugseffekt ja ein eigenes Thema, Papacosta & Nassis 2011 haben dazu was geschrieben) und Creatin, weil da die Auswaschphase relativ lang ist und viele das unterschätzen. Ich lese das hier gerne mit, auch wenn ich selbst eher selten antworte.
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Meinungen hier sind privat, nicht Institutsposition.
Zitat von marek_rb am Juni 1, 2026, 11:00 Uhr@tobi_w der Punkt mit der Auswaschphase bei Creatin ist tatsächlich einer, den ich in der Praxis immer wieder erklären muss. Viele Leute setzen ab, merken nach einer Woche "nichts", und schließen daraus, dass es eh nichts gebracht hat. Aber die intramuskulären Creatinspeicher brauchen je nach Ausgangslage drei bis fünf Wochen, bis sie wieder auf Baseline sind - das ist keine Meinung, das zeigt z.B. die Arbeit von Hultman et al. (1996), die damals die Ladungsprotokolle mit untersucht haben. Das Problem beim "hab nichts gemerkt" ist, dass die meisten Creatineffekte sich gar nicht im subjektiven Befinden zeigen. Schnellkraft bei kurzen maximalen Belastungen, Pufferkapazität bei wiederholten Sprints - das spürt niemand, das misst man. Wer dreimal die Woche Ausdauer macht und kein Kraft- oder Intervallprotokoll, wird sowieso kaum etwas merken, weil der Mechanismus schlicht nicht so stark greift. Bei Koffein ist das methodisch noch unübersichtlicher, weil der Entzug selbst ein Signal erzeugt. Ich habe das vor zwei Jahren selbst durchgezogen, sechs Wochen ohne, gleiches Trainingsvolumen. Die ersten zehn Tage waren eindeutig schlechter, danach war ich subjektiv auf ähnlichem Niveau. Aber das ist halt n=1, kein Protokoll, kein Vergleichstest - genau das Problem, das du ansprichst. Was mich bei deinem Beitrag interessiert: Hast du Hinweise auf Daten, die das subjektive Erleben beim Absetzen überhaupt erfassen, nicht nur Leistungsparameter? Das wäre für die Beratungsarbeit tatsächlich nützlicher als noch eine VO2max-Studie.
@tobi_w der Punkt mit der Auswaschphase bei Creatin ist tatsächlich einer, den ich in der Praxis immer wieder erklären muss. Viele Leute setzen ab, merken nach einer Woche "nichts", und schließen daraus, dass es eh nichts gebracht hat. Aber die intramuskulären Creatinspeicher brauchen je nach Ausgangslage drei bis fünf Wochen, bis sie wieder auf Baseline sind - das ist keine Meinung, das zeigt z.B. die Arbeit von Hultman et al. (1996), die damals die Ladungsprotokolle mit untersucht haben. Das Problem beim "hab nichts gemerkt" ist, dass die meisten Creatineffekte sich gar nicht im subjektiven Befinden zeigen. Schnellkraft bei kurzen maximalen Belastungen, Pufferkapazität bei wiederholten Sprints - das spürt niemand, das misst man. Wer dreimal die Woche Ausdauer macht und kein Kraft- oder Intervallprotokoll, wird sowieso kaum etwas merken, weil der Mechanismus schlicht nicht so stark greift. Bei Koffein ist das methodisch noch unübersichtlicher, weil der Entzug selbst ein Signal erzeugt. Ich habe das vor zwei Jahren selbst durchgezogen, sechs Wochen ohne, gleiches Trainingsvolumen. Die ersten zehn Tage waren eindeutig schlechter, danach war ich subjektiv auf ähnlichem Niveau. Aber das ist halt n=1, kein Protokoll, kein Vergleichstest - genau das Problem, das du ansprichst. Was mich bei deinem Beitrag interessiert: Hast du Hinweise auf Daten, die das subjektive Erleben beim Absetzen überhaupt erfassen, nicht nur Leistungsparameter? Das wäre für die Beratungsarbeit tatsächlich nützlicher als noch eine VO2max-Studie.
Zitat von markus_b82 am Juni 1, 2026, 11:08 Uhr@marek_rb
Zitat von marek_rbdas subjektive Erleben beim Absetzen überhaupt erfassen
- da hast du eigentlich die interessantere Frage gestellt als tobi_w, glaube ich. Die kurze Antwort: nein, hab da keine gute Quelle für. Was ich kenne, sind meist sekundäre Outcomes in Studien, bei denen subjektive Wahrnehmung so nebenbei per Likert-Skala abgefragt wird, nicht als Hauptziel. Morgan et al. haben mal was zu Stimmungseffekten bei Koffeinentzug gemacht (irgendwas Mitte der 90er, ich müsste das raussuchen), aber das war auf Schmerz und Kopfschmerz fokussiert, nicht auf Trainingsqualität aus Sicht des Sportlers. Das eigentliche Problem ist doch: "subjektives Erleben" beim Absetzen ist unglaublich schwer sauber zu operationalisieren. Fühlt sich ein Lauf schlechter an, weil das Supplement fehlt, weil man schlechter geschlafen hat, weil man schon erwartet hat dass es schlechter wird? Das ist methodisch ein Albtraum. Ich hab das bei mir selbst gemerkt als ich Betanio PLUS mal für vier Wochen weggelassen hab - gefühlt schlechtere Zeiten, aber ich hatte in dem Zeitraum auch mehr Stress auf der Arbeit. Kann ich das trennen? Nein. Was mich dabei stört, ist dass die Industrie genau in diese Lücke springt. Kein sauberes Subjektivmaß existiert, also kann man alles behaupten. Draußen ist heute übrigens schöner als die ganze Woche - passt zum Thema, weil ich eigentlich lieber laufen gehen würde als das hier zu diskutieren. @tobi_w hast du aus deinem institutionellen Kontext Zugang zu qualitativen Studien zu dem Thema? Mich würde interessieren ob da überhaupt jemand systematisch Tagebuchdaten oder ähnliches ausgewertet hat.
Zitat von marek_rbdas subjektive Erleben beim Absetzen überhaupt erfassen
- da hast du eigentlich die interessantere Frage gestellt als tobi_w, glaube ich. Die kurze Antwort: nein, hab da keine gute Quelle für. Was ich kenne, sind meist sekundäre Outcomes in Studien, bei denen subjektive Wahrnehmung so nebenbei per Likert-Skala abgefragt wird, nicht als Hauptziel. Morgan et al. haben mal was zu Stimmungseffekten bei Koffeinentzug gemacht (irgendwas Mitte der 90er, ich müsste das raussuchen), aber das war auf Schmerz und Kopfschmerz fokussiert, nicht auf Trainingsqualität aus Sicht des Sportlers. Das eigentliche Problem ist doch: "subjektives Erleben" beim Absetzen ist unglaublich schwer sauber zu operationalisieren. Fühlt sich ein Lauf schlechter an, weil das Supplement fehlt, weil man schlechter geschlafen hat, weil man schon erwartet hat dass es schlechter wird? Das ist methodisch ein Albtraum. Ich hab das bei mir selbst gemerkt als ich Betanio PLUS mal für vier Wochen weggelassen hab - gefühlt schlechtere Zeiten, aber ich hatte in dem Zeitraum auch mehr Stress auf der Arbeit. Kann ich das trennen? Nein. Was mich dabei stört, ist dass die Industrie genau in diese Lücke springt. Kein sauberes Subjektivmaß existiert, also kann man alles behaupten. Draußen ist heute übrigens schöner als die ganze Woche - passt zum Thema, weil ich eigentlich lieber laufen gehen würde als das hier zu diskutieren. @tobi_w hast du aus deinem institutionellen Kontext Zugang zu qualitativen Studien zu dem Thema? Mich würde interessieren ob da überhaupt jemand systematisch Tagebuchdaten oder ähnliches ausgewertet hat.
Zitat von marek_rb am Juni 1, 2026, 11:13 Uhr@markus_b82 der Betanio-PLUS-Punkt ist genau das, was ich meine, wenn ich sage: Markenpräparate verkaufen sich auch deswegen so gut, weil das Absetzen schwer zu interpretieren ist. Vier Wochen mehr Stress, andere Jahreszeit, möglicherweise auch weniger Schlaf - das ist kein Test, das ist Rauschen.
Zitat von markus_b82die Industrie springt genau in diese Lücke
Ja, absolut. Und ich glaube da ist noch ein weiterer Mechanismus drin, den wir bisher nicht angesprochen haben: Erwartungsasymmetrie. Wenn jemand ein Supplement absetzt und erwartet, dass es schlechter wird, dann wird es subjektiv schlechter. Das ist in der Schmerzforschung gut belegt (Nocebo-Effekt), aber im Sportkontext kaum systematisch untersucht. Ich kenne keine einzige Absetz-Studie die das kontrolliert hat. Was ich in der Praxis mache, wenn jemand wirklich wissen will ob ein Mittel was bringt: Ich schlage vor, es ohne Ankündigung im Training wegzulassen, also nicht "ich teste jetzt mal", sondern einfach still weglassen und nach drei Wochen schauen. Klappt natürlich nur bei Sachen ohne starken Entzugseffekt, Koffein wäre da ungeeignet. Und es braucht zumindest ein grobes Training-Log, sonst ist das Ergebnis wertlos. Das mit den Tagebuchdaten interessiert mich auch - ich glaube Lauftagebucher auf Strava oder Garmin wären eigentlich ein riesiger ungenutzter Datensatz für sowas, wenn jemand die Supplementierung parallel protokolliert. Ob das jemand je ausgewertet hat, weiß ich nicht.
@markus_b82 der Betanio-PLUS-Punkt ist genau das, was ich meine, wenn ich sage: Markenpräparate verkaufen sich auch deswegen so gut, weil das Absetzen schwer zu interpretieren ist. Vier Wochen mehr Stress, andere Jahreszeit, möglicherweise auch weniger Schlaf - das ist kein Test, das ist Rauschen.
Zitat von markus_b82die Industrie springt genau in diese Lücke
Ja, absolut. Und ich glaube da ist noch ein weiterer Mechanismus drin, den wir bisher nicht angesprochen haben: Erwartungsasymmetrie. Wenn jemand ein Supplement absetzt und erwartet, dass es schlechter wird, dann wird es subjektiv schlechter. Das ist in der Schmerzforschung gut belegt (Nocebo-Effekt), aber im Sportkontext kaum systematisch untersucht. Ich kenne keine einzige Absetz-Studie die das kontrolliert hat. Was ich in der Praxis mache, wenn jemand wirklich wissen will ob ein Mittel was bringt: Ich schlage vor, es ohne Ankündigung im Training wegzulassen, also nicht "ich teste jetzt mal", sondern einfach still weglassen und nach drei Wochen schauen. Klappt natürlich nur bei Sachen ohne starken Entzugseffekt, Koffein wäre da ungeeignet. Und es braucht zumindest ein grobes Training-Log, sonst ist das Ergebnis wertlos. Das mit den Tagebuchdaten interessiert mich auch - ich glaube Lauftagebucher auf Strava oder Garmin wären eigentlich ein riesiger ungenutzter Datensatz für sowas, wenn jemand die Supplementierung parallel protokolliert. Ob das jemand je ausgewertet hat, weiß ich nicht.
Zitat von ms_77 am Juni 1, 2026, 11:18 Uhr@marek_rb
Zitat von marek_rbstill weglassen und nach drei Wochen schauen
das ist eigentlich der einzige Vorschlag in dem ganzen Thread der irgendwie Sinn ergibt. Nicht weil ich plötzlich Fan von dem Zeug bin - aber wenigstens ist das kein selbsterfüllender Unfug. Nur: wer macht das wirklich so. Ich kenn meinen Schwager. Der würde das nie still weglassen weil er ja schon weiß dass es hilft. Das ist das Problem. Die Leute die Supplements nehmen wollen es meistens nicht wissen. Die wollen sich bestätigt fühlen. Und der Strava-Datensatz-Gedanke klingt gut bis man dran denkt wer seine Supplementierung da einträgt. Niemand. Oder nur Leute die eh schon sehr systematisch dabei sind - und das ist dann wieder Selektion. Was mich bei dem ganzen Thread ehrlich gesagt nervt: ihr redet viel über Methodik und Lücken in der Forschung. Okay. Aber dann kaufen die Leute trotzdem weiter. Mein Schwager hat mir letzte Woche erzählt was er im Monat dafür ausgibt. Da hab ich kurz geschluckt. Für den Betrag fährt er zweimal mit dem Auto zum Großeinkauf und isst drei Wochen anständig. Das ist doch Quatsch. Die Methodiklücke die ihr beschreibt ist real - aber sie nützt der Industrie mehr als dem Verbraucher.
Zitat von marek_rbstill weglassen und nach drei Wochen schauen
das ist eigentlich der einzige Vorschlag in dem ganzen Thread der irgendwie Sinn ergibt. Nicht weil ich plötzlich Fan von dem Zeug bin - aber wenigstens ist das kein selbsterfüllender Unfug. Nur: wer macht das wirklich so. Ich kenn meinen Schwager. Der würde das nie still weglassen weil er ja schon weiß dass es hilft. Das ist das Problem. Die Leute die Supplements nehmen wollen es meistens nicht wissen. Die wollen sich bestätigt fühlen. Und der Strava-Datensatz-Gedanke klingt gut bis man dran denkt wer seine Supplementierung da einträgt. Niemand. Oder nur Leute die eh schon sehr systematisch dabei sind - und das ist dann wieder Selektion. Was mich bei dem ganzen Thread ehrlich gesagt nervt: ihr redet viel über Methodik und Lücken in der Forschung. Okay. Aber dann kaufen die Leute trotzdem weiter. Mein Schwager hat mir letzte Woche erzählt was er im Monat dafür ausgibt. Da hab ich kurz geschluckt. Für den Betrag fährt er zweimal mit dem Auto zum Großeinkauf und isst drei Wochen anständig. Das ist doch Quatsch. Die Methodiklücke die ihr beschreibt ist real - aber sie nützt der Industrie mehr als dem Verbraucher.
Zitat von marek_rb am Juni 1, 2026, 11:28 Uhr@ms_77 der Punkt mit dem Schwager trifft was, aber ich würde da kurz einhaken. Du sagst, die Leute wollen es nicht wissen - das stimmt für viele, keine Frage. Aber ich erlebe in der Praxis auch das Gegenteil: Leute die wirklich nachfragen, die unsicher sind, die das Geld eigentlich nicht haben und trotzdem weitermachen, weil sie glauben es wäre fahrlässig aufzuhören. Das ist kein Bestätigungsbedürfnis, das ist eher so eine Art Absicherungslogik. "Was wenn es doch was bringt und ich hör auf." Das ist psychologisch was anderes.
Zitat von ms_77für den Betrag fährt er zweimal mit dem Auto zum Großeinkauf
Ja, das kenne ich. Ich hab Klienten, die 80 Euro im Monat für Präparate ausgeben und deren Proteinversorgung trotzdem nicht stimmt, weil die Grundkost schlecht ist. Da ist die Ernährungsberatung eigentlich der erste Schritt, nicht die Supplement-Diskussion. Aber das will niemand hören, weil Kochen und Einkaufsplanung eben mehr Aufwand sind als eine Kapsel schlucken. Was mich bei deinem Kommentar zur Selektion beim Strava-Datensatz interessiert: Ist das wirklich nur ein Problem, oder wäre das sogar nützlich? Wenn man gezielt die systematischen Selbstoptimierer auswertet, die tatsächlich Supplements protokollieren, hätte man wenigstens eine Gruppe mit halbwegs konsistentem Verhalten. Nicht repräsentativ, klar. Aber für Hypothesengenerierung vielleicht trotzdem was wert.
@ms_77 der Punkt mit dem Schwager trifft was, aber ich würde da kurz einhaken. Du sagst, die Leute wollen es nicht wissen - das stimmt für viele, keine Frage. Aber ich erlebe in der Praxis auch das Gegenteil: Leute die wirklich nachfragen, die unsicher sind, die das Geld eigentlich nicht haben und trotzdem weitermachen, weil sie glauben es wäre fahrlässig aufzuhören. Das ist kein Bestätigungsbedürfnis, das ist eher so eine Art Absicherungslogik. "Was wenn es doch was bringt und ich hör auf." Das ist psychologisch was anderes.
Zitat von ms_77für den Betrag fährt er zweimal mit dem Auto zum Großeinkauf
Ja, das kenne ich. Ich hab Klienten, die 80 Euro im Monat für Präparate ausgeben und deren Proteinversorgung trotzdem nicht stimmt, weil die Grundkost schlecht ist. Da ist die Ernährungsberatung eigentlich der erste Schritt, nicht die Supplement-Diskussion. Aber das will niemand hören, weil Kochen und Einkaufsplanung eben mehr Aufwand sind als eine Kapsel schlucken. Was mich bei deinem Kommentar zur Selektion beim Strava-Datensatz interessiert: Ist das wirklich nur ein Problem, oder wäre das sogar nützlich? Wenn man gezielt die systematischen Selbstoptimierer auswertet, die tatsächlich Supplements protokollieren, hätte man wenigstens eine Gruppe mit halbwegs konsistentem Verhalten. Nicht repräsentativ, klar. Aber für Hypothesengenerierung vielleicht trotzdem was wert.
Zitat von mh_82 am Juni 1, 2026, 11:39 UhrZitat von marek_rbwäre das sogar nützlich
Ja, für Hypothesengenerierung schon - aber dann muss man das auch so labeln. Nicht als Evidenz verkaufen. Das ist mein Problem mit solchen Datensätzen, sie landen irgendwo in einem Blog-Post mit "neue Studie zeigt" drüber und keiner liest die Methodenzeile. @marek_rb der Punkt mit der Absicherungslogik ist der interessanteste hier seit einer Weile. "Was wenn es doch was bringt und ich hör auf" - das kenne ich aus der Praxis fast wörtlich. Das ist eigentlich ein Vermeidungsverhalten, kein Informationsdefizit. Da hilft keine bessere Studie. Da hilft auch kein stilles Weglassen, weil der Gedanke trotzdem im Hintergrund läuft. Konkret gefragt: Wie gehst du in der Beratung damit um? Ich sag meinen Patienten oft, sie sollen das Weglassen als Experiment framen, nicht als Verzicht. Ob das was ändert an der Erwartungshaltung - ehrlich gesagt unklar. Ich hab das nie systematisch verfolgt. Was mich noch beschäftigt: bei Nitrat-Präparaten speziell ist die Auswaschzeit deutlich kürzer als bei Creatin, so 48-72 Stunden nach Hultman-Logik eigentlich klar messbar. Trotzdem höre ich von Patienten regelmäßig, sie hätten "wochenlang" gebraucht um sich schlechter zu fühlen. Das passt physiologisch nicht zusammen. Habt ihr da Quellen zu, ob da Erwartungseffekte systematisch quantifiziert wurden - also nicht nur Nocebo allgemein, sondern speziell bei kurzen Auswaschzeiten?
Zitat von marek_rbwäre das sogar nützlich
Ja, für Hypothesengenerierung schon - aber dann muss man das auch so labeln. Nicht als Evidenz verkaufen. Das ist mein Problem mit solchen Datensätzen, sie landen irgendwo in einem Blog-Post mit "neue Studie zeigt" drüber und keiner liest die Methodenzeile. @marek_rb der Punkt mit der Absicherungslogik ist der interessanteste hier seit einer Weile. "Was wenn es doch was bringt und ich hör auf" - das kenne ich aus der Praxis fast wörtlich. Das ist eigentlich ein Vermeidungsverhalten, kein Informationsdefizit. Da hilft keine bessere Studie. Da hilft auch kein stilles Weglassen, weil der Gedanke trotzdem im Hintergrund läuft. Konkret gefragt: Wie gehst du in der Beratung damit um? Ich sag meinen Patienten oft, sie sollen das Weglassen als Experiment framen, nicht als Verzicht. Ob das was ändert an der Erwartungshaltung - ehrlich gesagt unklar. Ich hab das nie systematisch verfolgt. Was mich noch beschäftigt: bei Nitrat-Präparaten speziell ist die Auswaschzeit deutlich kürzer als bei Creatin, so 48-72 Stunden nach Hultman-Logik eigentlich klar messbar. Trotzdem höre ich von Patienten regelmäßig, sie hätten "wochenlang" gebraucht um sich schlechter zu fühlen. Das passt physiologisch nicht zusammen. Habt ihr da Quellen zu, ob da Erwartungseffekte systematisch quantifiziert wurden - also nicht nur Nocebo allgemein, sondern speziell bei kurzen Auswaschzeiten?
Zitat von marek_rb am Juni 1, 2026, 11:49 Uhr@mh_82 die Frage zu den Nitrat-Auswaschzeiten ist gut, aber ich kenne keine Studie die Erwartungseffekte dort spezifisch quantifiziert hat. Was es gibt, sind ein paar Arbeiten zu Nocebo im Pharmakologie-Kontext allgemein, aber der Transfer auf kurze Auswaschfenster bei Nahrungsergänzung ist meines Wissens nie direkt untersucht worden. Was ich mir dazu denke: Die subjektiv "wochenlangen" Verschlechterungen, die du beschreibst, haben vielleicht gar nichts mit dem Nitrat-Mechanismus selbst zu tun. Rote Beete als Quelle hat einen eigenen sensorischen Marker - Farbe, Geschmack, Urin. Wenn jemand das täglich nimmt und dann weglässt, fehlt ein tägliches Ritual, nicht nur ein Wirkstoff. Das könnte das subjektive Zeitsignal verzerren. Ich habe das bei Klienten schon beobachtet, ohne es belegen zu können.
Zitat von mh_82Weglassen als Experiment framen, nicht als Verzicht
Das mache ich ähnlich, aber ich ergänze inzwischen oft noch was: Ich frage vorher, was sie konkret erwarten zu merken. Nicht "wird es schlechter", sondern "wo genau - bei welchem Training, in welcher Belastungszone". Das macht die Erwartung greifbarer und gleichzeitig falsifizierbar. Ob das die Erwartungshaltung wirklich verändert, weiß ich auch nicht. Aber es erzwingt zumindest, dass jemand vorher nachdenkt was er eigentlich misst. Zur Absicherungslogik: Ich glaube, da hilft kein Framing allein. Die Leute die wirklich in diesem "was wenn"-Modus feststecken, brauchen eigentlich ein anderes Gespräch - nämlich über Risikowahrnehmung, nicht über Wirksamkeit.
@mh_82 die Frage zu den Nitrat-Auswaschzeiten ist gut, aber ich kenne keine Studie die Erwartungseffekte dort spezifisch quantifiziert hat. Was es gibt, sind ein paar Arbeiten zu Nocebo im Pharmakologie-Kontext allgemein, aber der Transfer auf kurze Auswaschfenster bei Nahrungsergänzung ist meines Wissens nie direkt untersucht worden. Was ich mir dazu denke: Die subjektiv "wochenlangen" Verschlechterungen, die du beschreibst, haben vielleicht gar nichts mit dem Nitrat-Mechanismus selbst zu tun. Rote Beete als Quelle hat einen eigenen sensorischen Marker - Farbe, Geschmack, Urin. Wenn jemand das täglich nimmt und dann weglässt, fehlt ein tägliches Ritual, nicht nur ein Wirkstoff. Das könnte das subjektive Zeitsignal verzerren. Ich habe das bei Klienten schon beobachtet, ohne es belegen zu können.
Zitat von mh_82Weglassen als Experiment framen, nicht als Verzicht
Das mache ich ähnlich, aber ich ergänze inzwischen oft noch was: Ich frage vorher, was sie konkret erwarten zu merken. Nicht "wird es schlechter", sondern "wo genau - bei welchem Training, in welcher Belastungszone". Das macht die Erwartung greifbarer und gleichzeitig falsifizierbar. Ob das die Erwartungshaltung wirklich verändert, weiß ich auch nicht. Aber es erzwingt zumindest, dass jemand vorher nachdenkt was er eigentlich misst. Zur Absicherungslogik: Ich glaube, da hilft kein Framing allein. Die Leute die wirklich in diesem "was wenn"-Modus feststecken, brauchen eigentlich ein anderes Gespräch - nämlich über Risikowahrnehmung, nicht über Wirksamkeit.
Zitat von mh_82 am Juni 1, 2026, 12:01 UhrZitat von marek_rbnämlich über Risikowahrnehmung, nicht über Wirksamkeit
Das ist der Punkt der mich gerade am meisten beschäftigt. Weil ich glaube, da liegt auch das Problem mit dem Sensorik-Argument - der fehlende Urin-Marker, das fehlende Ritual. Das stimmt als Beobachtung, aber ich würde das eher als Verstärker sehen, nicht als Erklärung. Die Risikowahrnehmung ist vorher schon da. Das Ritual macht sie nur sichtbarer. Was mich bei deiner Methode interessiert - die Frage "wo genau, in welcher Belastungszone": Hast du den Eindruck dass Leute das wirklich beantworten können, bevor sie absetzen? Ich frage das nicht rhetorisch. Ich erlebe in der Praxis regelmäßig, dass Patienten gar kein Referenzbild haben. Die wissen nicht mehr wie sie sich vor dem Supplement gefühlt haben, weil das zu lange her ist oder nie bewusst wahrgenommen wurde. Die Baseline ist weg. Und ohne die ist deine Frage eigentlich nicht zu beantworten, auch wenn sie gut gestellt ist. Konkret gefragt: was machst du wenn jemand sagt "weiß nicht, ich nehme das seit drei Jahren"?
Zitat von marek_rbnämlich über Risikowahrnehmung, nicht über Wirksamkeit
Das ist der Punkt der mich gerade am meisten beschäftigt. Weil ich glaube, da liegt auch das Problem mit dem Sensorik-Argument - der fehlende Urin-Marker, das fehlende Ritual. Das stimmt als Beobachtung, aber ich würde das eher als Verstärker sehen, nicht als Erklärung. Die Risikowahrnehmung ist vorher schon da. Das Ritual macht sie nur sichtbarer. Was mich bei deiner Methode interessiert - die Frage "wo genau, in welcher Belastungszone": Hast du den Eindruck dass Leute das wirklich beantworten können, bevor sie absetzen? Ich frage das nicht rhetorisch. Ich erlebe in der Praxis regelmäßig, dass Patienten gar kein Referenzbild haben. Die wissen nicht mehr wie sie sich vor dem Supplement gefühlt haben, weil das zu lange her ist oder nie bewusst wahrgenommen wurde. Die Baseline ist weg. Und ohne die ist deine Frage eigentlich nicht zu beantworten, auch wenn sie gut gestellt ist. Konkret gefragt: was machst du wenn jemand sagt "weiß nicht, ich nehme das seit drei Jahren"?
Zitat von marek_rb am Juni 1, 2026, 12:17 Uhr@mh_82 die Frage "was machst du wenn jemand das seit drei Jahren nimmt" kenne ich gut, und ehrlich gesagt ist das die schwierigste Konstellation in der Beratung. Die Baseline ist nicht nur weg, sie existiert für die Person faktisch nicht mehr als abrufbare Erinnerung. Ich hab da keine elegante Lösung. Was ich manchmal mache: Ich versuche nicht, die fehlende Baseline zu rekonstruieren, sondern eine neue zu setzen. Also konkret - ich bitte die Person, in den nächsten zwei Wochen vor dem Absetzen überhaupt erst mal zu protokollieren. Nicht viel, nur drei Sachen nach jedem Training: gefühlte Belastung, Erholung am nächsten Morgen, eine kurze Einschätzung der Einheit. Dann hat man wenigstens einen aktuellen Referenzpunkt, bevor sich was ändert. Das löst das methodische Problem nicht vollständig, das ist mir klar. Aber es verschiebt den Fokus weg vom "wie war es früher" hin zu "was passiert jetzt gerade". Und manchmal bringt allein das Protokollieren schon was - die Leute merken, dass ihre Wahrnehmung vorher viel unspezifischer war als sie dachten.
Zitat von mh_82Die wissen nicht mehr wie sie sich vor dem Supplement gefühlt haben
Ja, und ich glaube das ist kein Zufall. Das Supplement füllt diese Erinnerungslücke rückwirkend aus. "Davor war es schlechter" - obwohl niemand das wirklich weiß. Aus meiner Erfahrung in der Praxis ist das einer der Hauptgründe, warum das Absetzen so selten passiert. Nicht Angst vor Verschlechterung, sondern eine konstruierte Vergangenheit die man nicht riskieren will.
@mh_82 die Frage "was machst du wenn jemand das seit drei Jahren nimmt" kenne ich gut, und ehrlich gesagt ist das die schwierigste Konstellation in der Beratung. Die Baseline ist nicht nur weg, sie existiert für die Person faktisch nicht mehr als abrufbare Erinnerung. Ich hab da keine elegante Lösung. Was ich manchmal mache: Ich versuche nicht, die fehlende Baseline zu rekonstruieren, sondern eine neue zu setzen. Also konkret - ich bitte die Person, in den nächsten zwei Wochen vor dem Absetzen überhaupt erst mal zu protokollieren. Nicht viel, nur drei Sachen nach jedem Training: gefühlte Belastung, Erholung am nächsten Morgen, eine kurze Einschätzung der Einheit. Dann hat man wenigstens einen aktuellen Referenzpunkt, bevor sich was ändert. Das löst das methodische Problem nicht vollständig, das ist mir klar. Aber es verschiebt den Fokus weg vom "wie war es früher" hin zu "was passiert jetzt gerade". Und manchmal bringt allein das Protokollieren schon was - die Leute merken, dass ihre Wahrnehmung vorher viel unspezifischer war als sie dachten.
Zitat von mh_82Die wissen nicht mehr wie sie sich vor dem Supplement gefühlt haben
Ja, und ich glaube das ist kein Zufall. Das Supplement füllt diese Erinnerungslücke rückwirkend aus. "Davor war es schlechter" - obwohl niemand das wirklich weiß. Aus meiner Erfahrung in der Praxis ist das einer der Hauptgründe, warum das Absetzen so selten passiert. Nicht Angst vor Verschlechterung, sondern eine konstruierte Vergangenheit die man nicht riskieren will.