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Influencer empfiehlt Supplement – kauft ihr das wirklich blind nach?

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@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

wenn die fehlt, leg ich das Produkt meistens zur Seite

Das ist eigentlich der praktischste Filter den ich in diesem Thread gelesen hab, und ich ärgere mich ein bisschen dass ich selbst damals nicht so vorgegangen bin. Was mich daran weitertreibt: du sagst, wer "NO3- in mg" nicht angibt, macht das nicht aus Unwissenheit. Das glaube ich dir, aber ich frag mich ob da noch ein zweiter Mechanismus läuft. Nämlich dass viele Hersteller gar nicht wissen wie ihr eigener Extrakt standardisiert ist. Wenn du bei einem Lohnhersteller in China oder Osteuropa einkaufst und die Lieferdoku sagt "10:1 Extrakt", dann weißt du als Marke unter Umständen selbst nicht wie viel NO3- da wirklich drin ist, ohne eigene Analyse. Das ist kein Freispruch, das macht es schlimmer - aber es erklärt vielleicht warum manche Hersteller auf vage Angaben ausweichen, nicht weil sie tricksen, sondern weil sie es selbst nicht wissen. Hast du da eine Quelle für oder ist das aus Praxis-Beobachtung? Mich würde interessieren ob es Untersuchungen gibt die Rote-Beete-Produkte auf ihren tatsächlichen NO3--Gehalt getestet haben, unabhängig vom was auf der Verpackung steht. Sowas wie ein Stiftung-Warentest-Ansatz, aber für Nitrat. Ich hab da nichts parat, aber draußen ist es gerade so ungemütlich dass ich noch eine Weile googeln könnte.

@markus_b82

Zitat von markus_b82

dass viele Hersteller gar nicht wissen wie ihr eigener Extrakt standardisiert ist

Das ist aus meiner Erfahrung wahrscheinlicher als es klingt. Ich hab vor vielleicht zwei Jahren mal einem Hersteller direkt geschrieben - kleines deutsches Label, Rote-Beete-Kapseln, keine NO3--Angabe. Die Antwort war sinngemäß: "Der Extrakt ist auf Betalaine standardisiert." Also auf den Farbstoff, nicht auf Nitrat. Das sagt über die physiologisch relevante Fraktion genau nichts. Zu deiner Frage nach unabhängigen Tests: es gibt tatsächlich was in der Richtung. Harnden et al. haben 2017 in einer kleinen Untersuchung mehrere kommerzielle Rote-Beete-Produkte auf ihren tatsächlichen NO3--Gehalt analysiert und dabei erhebliche Abweichungen zwischen Deklaration und gemessenem Wert gefunden - teilweise Faktor 3 in beide Richtungen. Das ist kein Stiftung-Warentest-Maßstab, aber es zeigt dass das Problem real ist und nicht nur theoretisch. Die Studie ist nicht prominent, ich bin eher zufällig drüber gestolpert. Was mich bei dem Lohnhersteller-Gedanken noch beschäftigt: wenn die Marke selbst keine eigene Analyse macht, und das ist offenbar nicht selten, dann ist der Wert auf der Verpackung im besten Fall eine Schätzung. Das wäre bei jedem anderen Lebensmittel undenkbar. Bei Supplements ist es halt Standard, solange niemand explizit eine Gesundheitsaussage dazu macht.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

Harnden et al. haben 2017 in einer kleinen Untersuchung mehrere kommerzielle Rote-Beete-Produkte auf ihren tatsächlichen NO3--Gehalt analysiert

Das ist die Quelle die ich gesucht hab, danke. Faktor 3 in beide Richtungen ist aber ernüchternd - das heißt ja auch, ein Produkt könnte dreimal mehr NO3- enthalten als deklariert, was bei pharmakologisch aktiven Mengen nicht ganz trivial ist. Dass die Studie "nicht prominent" ist sagst du selbst, und das sagt auch was über das Feld aus: die Forschung die eigentlich kaufentscheidungsrelevant wäre, landet nicht in den Kanälen wo Käufer sind. Was mich bei dem Betalaine-Hersteller-Beispiel wirklich trifft: Betalaine sind der Farbstoff, der optisch zeigt ob Rote Beete drin ist. Auf die standardisiert man, weil es einfach messbar ist. Das ist fast ein Witz - "wir können beweisen dass es rot ist." Funktionell ist das ungefähr so aussagekräftig wie Olivenöl nach Grünfärbung zu zertifizieren. Und wenn die Marke selbst keine eigene Analyse beauftragt - wer zahlt dann dafür? Stiftung Warentest könnte das theoretisch machen, aber die haben andere Prioritäten, und für ein Nischenthema wie Nitrat-Deklaration müsste da erstmal jemand den Auftrag reinbringen. Ich glaub das passiert nicht von selbst. Was ich mich frage, und das ist vielleicht der Punkt wo dieser Thread für mich landet: wenn selbst ein aufmerksamer Käufer mit Studienzugang und Zeit zum Googeln am Ende bei einer Schätzung steht - was soll dann der Filter sein?

@markus_b82

Zitat von markus_b82

was soll dann der Filter sein

Realistisch betrachtet: wahrscheinlich keiner, der universell funktioniert. Ich komm beruflich mit Leuten in Kontakt, die sich wirklich Mühe geben - lesen, vergleichen, nachfragen. Und selbst die stehen am Ende oft vor dem was du beschreibst: eine Schätzung. Das ist keine Übertreibung. Was mich an deiner Frage gerade mehr beschäftigt als die Antwort selbst: du formulierst das als "wo dieser Thread für mich landet" - also als ob es einen Landepunkt geben müsste. Ich glaub der gibt's nicht. Das ist kein Auflösungs-Problem, das ist ein Struktur-Problem im Markt. Und Struktur-Probleme löst kein einzelner Filter. Was ich aber noch nicht im Thread gesehen hab - und das ist vielleicht ein anderer Blickwinkel: wäre es für jemanden der das Produkt wirklich testen will nicht sinnvoller, einfach mit echtem Rote-Beete-Saft zu arbeiten? Fairbeet oder direkt gepresster Saft aus dem Reformhaus hat bekannte NO3--Gehalte, zumindest wenn man die Schwankungen durch Anbaubedingungen einkalkuliert, und da gibt es tatsächlich Vergleichsdaten aus den Studien. Bornys et al. haben das mal mit standardisiertem Saft gemacht, da war die Variabilität deutlich geringer als bei Kapsel-Extrakten. Das ist kein Plädoyer gegen Supplements generell, aber wenn es dir um den physiologischen Effekt geht und nicht um Convenience, wäre das der pragmatischere Weg. Ob das jemand macht, der gerade über den Influencer-Rabattcode gestolpert ist - andere Frage.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

wäre es für jemanden der das Produkt wirklich testen will nicht sinnvoller, einfach mit echtem Rote-Beete-Saft zu arbeiten

Das ist eigentlich der Gedanke der mich am meisten weiterbringt nach dieser ganzen Diskussion. Ich hab das selbst so gemacht, vor etwa eineinhalb Jahren - bin für drei Wochen auf Biotta Rote-Beete-Saft umgestiegen, weil ich genau das Problem hatte das wir hier besprochen haben: keine Ahnung ob die Kapsel das liefert was die Studie verwendet hat. Der Saft hat zumindest einen bekannten NO3--Richtwert, Biotta gibt den irgendwo in ihren Unterlagen an, und die Naturvariation ist da zumindest diskutiert und keine geheime "proprietäre Mischung". Was mich dabei aber geärgert hat: der Geschmack beim Laufen. Rote Beete kurz vor dem Training ist für mich logistisch unangenehm. Das ist kein wissenschaftliches Argument, aber es erklärt warum Leute dann doch wieder zur Kapsel greifen - und damit genau in das Deklarationsproblem zurückfallen das wir hier auseinandergenommen haben. Was die Bornys-Studie angeht - hast du da den vollständigen Titel parat? Ich find gerade was zu Boorsma et al. aber nicht zu Bornys, könnte sein dass ich da was durcheinanderbringe oder du einen anderen Schreiber meinst.

@markus_b82 zur Bornys-Frage: da hab ich mich tatsächlich vertippt, du hast recht. Ich meinte wahrscheinlich Wylie et al. 2011 (nicht 2013), da wurde standardisierter Saft verwendet, und es gibt einen späteren Vergleich von Vanhatalo et al. wo die Variabilität zwischen Saft und Kapsel thematisiert wird - aber "Bornys" ist mir selbst gerade nicht mehr eindeutig zuzuordnen, ich muss das ehrlich gesagt nochmal raussuchen. Schlechte Quellenhygiene mauf einer seite, sorry. Was mich bei deinem Biotta-Beispiel mehr interessiert als die Logistik: du sagst der Saft hat einen "bekannten NO3--Richtwert". Aber Biotta deklariert das soweit ich weiß als Richtwert mit ziemlicher Streubreite, und die Schwankung durch Anbausaison, Lagerdauer und Charge ist da nicht zu unterschätzen. Das ist immer noch besser als "400mg Rote-Beete-Komplex", aber "bekannt" ist da relativ. Ich hab das selbst mal mit zwei verschiedenen Chargen verglichen - rein subjektiv, kein Messgerät - und der Farbunterschied war auffällig. Was das über den Nitratgehalt sagt, ist natürlich Spekulation. Was mich aber eigentlich am meisten beim Lesen deines Beitrags beschäftigt: du bist über Geschmack und Logistik zurück zur Kapsel. Das ist kein Versagen, das ist einfach Realität. Und genau da greift das Influencer-Modell - Convenience als Kaufargument funktioniert, weil echter Saft vor dem Training halt einfach nervig ist.

@markus_hh88 Zitat von markus_hh88Convenience als Kaufargument funktioniert, weil echter Saft vor dem Training halt einfach nervig ist

Das stimmt, und ich find es bemerkenswert dass wir jetzt nach der ganzen Nitrat-Deklarations-Diskussion genau da landen: nicht bei Regulierung, nicht bei Plattform-Standards, sondern bei "der Saft klebt und riecht und ich will das nicht im Sportrucksack haben." Das ist vielleicht ehrlicher als alles andere hier. Was mich aber bei deinem Chargenvergleich-Punkt wirklich beschäftigt: du sagst der Farbunterschied war auffällig. Betalaine und Nitrat korrelieren zwar nicht direkt, aber es gibt tatsächlich Arbeiten die zeigen dass Nitratgehalt in Roter Beete mit Anbaubedingungen, vor allem Bodenstickstoff, erheblich schwankt - ich hab das mal bei einem Artikel der Gruppe um Lidder und Webb gelesen, 2013 in irgendeinem Cardiovascular-Journal, aber ich müsste den genauen Titel nachsuchen. Wenn das stimmt, wäre "standardisierter Saft" eigentlich auch eine Vereinfachung. Was ich noch nie gesehen hab und mich jetzt interessieren würde: ob es Hobbyathleten gibt die ihr eigenes Produkt tatsächlich extern haben testen lassen. Also wirklich NO3--Messung per Ionenchromatographie oder ähnlichem. Das klingt aufwändig, aber in manchen Ländern gibt's Labore die sowas für relativ kleines Geld machen. Ich hab das nie gemacht, frag mich aber gerade ob der Aufwand vertretbar wäre wenn man ernsthaft wissen will was man schluckt. Edit: "Rote Beete" statt "Rote Beete" - war ein Tippfehler, ist jetzt korrigiert.

@markus_b82

Zitat von markus_b82

ob Hobbyathleten ihr eigenes Produkt tatsächlich extern haben testen lassen

Das hab ich tatsächlich mal angefragt, vor vielleicht zwei Jahren, bei einem Prüflabor in der Nähe von Hamburg. Ionenchromatographie für Nitrat, einzelne Probe. Die haben mir damals um die 80-90 Euro genannt, Einzel-Analyse. Das ist für einen einmaligen Test vertretbar, aber du kaufst damit nur eine Momentaufnahme einer Charge - und ob die nächste Charge dasselbe liefert, weißt du damit immer noch nicht. Ich hab es am Ende nicht gemacht, weil mir der Erkenntnisgewinn für genau dieses eine Produkt zu begrenzt schien. Was mich bei deinem Lidder/Webb-Hinweis interessiert: wenn Bodenstickstoff der Haupttreiber ist, dann wäre das ein Argument für konventionell angebaute Rote Beete gegenüber Bio - weil da schlicht mehr Stickstoff im Boden ist. Das ist kontraintuitiv und ich hab keine Ahnung ob das tatsächlich belegt ist, aber aus meiner Erfahrung mit Agrar-Supplement-Diskussionen würde mich das nicht überraschen. Ironischerweise könnte das "Bio"-Label beim Rote-Beete-Saft genau falsch herum wirken, wenn es um Nitrat geht. Das wäre eigentlich mal eine Frage wert an jemanden der Agronomie kennt. Ich kenn da niemanden.

@markus_hh88

Zitat von rennradbernd

kein einziger fragt was drin ist oder ob da irgendwas belegt ist

Das fällt mir gerade wieder ein, weil dein Bio-Nitrat-Punkt genau das illustriert: selbst Leute die nachfragen würden, fragen meistens die falsche Frage. "Ist das Bio?" klingt nach Qualitätsbewusstsein - ist aber beim Nitrat-Thema möglicherweise kontraproduktiv, wie du sagst. Was mich an dem Konventionell-vs-Bio-Gedanken wirklich beschäftigt: ich hab das nie so formuliert gesehen, aber wenn du recht hast dass Bodenstickstoff der Haupttreiber ist, dann wäre das ein Fall wo das Marketing-Signal (Bio-Label) und der physiologisch relevante Parameter gegenläufig sind. Das wäre fast ein Lehrbuchbeispiel für das Problem das wir hier die ganze Zeit umkreisen - dass die Indikatoren die Käufer verwenden, und Influencer verstärken, nicht notwendigerweise mit dem korrelieren was wirkt. Hast du da eine Quelle für, also konkret zum Stickstoffgehalt im Boden und Nitratkonzentration in Rote Beete? Ich find das interessant genug um da mal gezielt zu suchen, aber ich will nicht wieder in die Falle tappen die wir bei Wylie hatten - Abstract lesen, Zahl rausziehen, Kontext vergessen. Was die 80-90 Euro Laboranalyse angeht: ich glaub der Grund warum ich das auch nie gemacht hab ist ähnlich wie deiner, aber noch pragmatischer. Ich weiß nicht welches Produkt ich dann testen würde. Wenn ich eh nicht weiß ob Charge A und Charge B vergleichbar sind, teste ich eigentlich das Produkt gar nicht - ich teste eine Stichprobe. Das ist methodisch so schwach dass der Erkenntnisgewinn wirklich gering ist.

@markus_b82

Zitat von markus_b82

ich teste eigentlich das Produkt gar nicht - ich teste eine Stichprobe

Das ist methodisch korrekt und gleichzeitig das Ende jeder sinnvollen Eigenanalyse auf Hobbyebene. Eine Probe, eine Charge, ein Zeitpunkt - das ist keine Qualitätskontrolle, das ist Zufall mit wissenschaftlichem Anstrich. Was mich bei deiner Bio-Frage gerade mehr beschäftigt als die Quelle: ich hab die Lidder/Webb-Sache auch nicht tief genug gelesen um das sicher zu sagen. Was ich aber aus dem Klinikalltag kenn - nicht direkt zum Thema, aber angrenzend - ist dass Nitratwerte in Gemüse wirklich extrem standortabhängig sind. Das ist in der Lebensmittelanalytik bekannt, da gibt's EU-Höchstwerte für Spinat und Salat nach Anbauart und Jahreszeit. Für Rote Beete gelten die nicht gleich, aber das Prinzip ist dasselbe. Bio bedeutet weniger Stickstoffdüngung, das ist keine Spekulation, das ist Anbaustandard. Ob das den Nitratgehalt im Endprodukt tatsächlich messbar senkt - dafür bräuchte ich eine Quelle, die ich gerade nicht hab. Was mich aber ehrlich gesagt mehr nervt als das alles: wir sind jetzt tief in Agrarchemie und Chargenstatistik, und der Ausgangspunkt war ein Kerl mit Rabattcode auf Instagram. Der Abstand zwischen "Influencer empfiehlt Recovery-Pulver" und "Ionenchromatographie-Stichprobenproblematik" ist so groß, dass ich verstehe warum die meisten Leute einfach auf den Rabattcode klicken.

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