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Influencer empfiehlt Supplement – kauft ihr das wirklich blind nach?

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gestern Abend, nach der Feierabendausfahrt, hab ich kurz auf Instagram reingeschaut (ich weiß, ich weiß). Da kommt mir einer von diesen Rennrad-Accounts entgegen, hat bestimmt 80.000 Follower, schwärmt von irgendeinem Recovery-Pulver. Natürlich mit Rabattcode. Natürlich "Partner". Was mich daran wurmt ist nicht mal das Produkt selbst. Sondern dass da in den Kommentaren dutzende Leute stehen und fragen "wo kaufen" und "welche Geschmacksrichtung nimmst du". Kein einziger fragt was drin ist oder ob da irgendwas belegt ist. Ich bin jetzt 52 und fahr das Rad schon eine Weile. Ich hab selber Dummheiten gemacht, das ist klar. Aber ich hab mir die wenigstens aus eigenem Antrieb eingebrockt, nicht weil mir ein Kerl mit Triathlonbilder auf dem Profilbild gesagt hat ich soll das schlucken. Das Ding ist, ich glaub nicht mal dass die alle bewusst lügen. Manche glauben das wirklich. Placebo, Trainingsfortschritt sowieso, bisschen Selbstsuggestion - und dann kriegt das Pulver den Lorbeerkranz. Mein Hausarzt würde sagen: kein Firlefanz, einfach vernünftig essen. Und der hat halt in 30 Jahren mehr Leute gesehen als jeder Instagrammer. Was ich nicht ganz versteh: warum prüft da keiner nach. Google kostet nix. Mal schauen ob das Zeug irgendwo unabhängig bewertet wurde, ob Inhaltsstoffe transparent angegeben sind. Stattdessen klickt man auf Rabattcode drauf und fertig. Ich red jetzt nicht von Leuten die gezielt was ausprobieren und dabei aufpassen. Das ist mir lieber als blindes Nachkaufen weil jemand mit schönem Trikot dafür wirbt. Habt ihr das auch so im Verein oder eurem Umfeld, dass da einfach nachgekauft wird was irgendwer empfohlen hat?

@rennradbernd das mit dem "kein einziger fragt was drin ist" trifft den Nagel. Hab das genauso im Verein - da hält einer sein Handy hin, zeigt den Post, und zwei Tage später haben drei Leute das Zeug bestellt. Ohne eine Sekunde drüber nachzudenken. Was mich dabei beschäftigt ist was anderes: selbst wenn jemand nachschauen würde - bei vielen Produkten steht hinten drauf "proprietäre Mischung" oder irgendwas auf Englisch und dann eine Zahl dahinter. Welche Menge steckt da wirklich drin? Keine Ahnung. Das Ding ist, da kann man googeln so viel man will, man kommt trotzdem nicht weiter wenn der Hersteller das bewusst verschleiert. Das ist für mich das eigentlich schmutzige an dem Geschäft. Rabattcodes sind übrigens nicht zufällig da. Das ist das Tracking. Der Influencer kriegt seine Provision, der Hersteller sieht genau wer über wen kauft. Das ist ein Geschäftsmodell, kein Rat von einem Freund. Wer das nicht kapiert sollte vielleicht nochmal kurz innehalten. Ich bin jetzt nicht prinzipiell gegen alles was ein Athlet empfiehlt. Hab letztens einen Podcast gehört wo ein ehemaliger Profi recht konkret erklärt hat warum er was nimmt und in welcher Dosis. Das war wenigstens nachvollziehbar. Aber das ist halt die Ausnahme.

@rennradwolf der Punkt mit dem Podcast-Profi ist interessant, weil er genau das zeigt, was bei 90% der Influencer-Empfehlungen fehlt: Kontext. Nicht "ich nehme X und fühle mich besser", sondern warum, in welcher Dosis, in welcher Trainingsphase. Hast du da eine Quelle für, also wie der Podcast heißt? Würde ich mir tatsächlich anhören. Was mich bei dem "proprietäre Mischung"-Thema zusätzlich nervt, und das ist ein Aspekt der hier noch nicht kam: es gibt Produkte bei denen die Gesamtdosis einer Mischung angegeben ist, aber die Einzelwirkstoffmengen nicht. Das ist zulässig, aber aus meiner Sicht bewusst so gewählt. Ich hab das bei Betanio PLUS selbst nachgeschaut damals - die Nitrat-Menge war immerhin deklariert, was ich bei anderen Rote-Beete-Produkten nicht immer gesehen hab. Das ist kein Lob für das Produkt, nur ein Hinweis dass es Unterschiede gibt die man als Käufer tatsächlich prüfen kann. Das eigentliche Problem ist wohl, dass die meisten Leute nicht wissen wonach sie überhaupt schauen sollen. Wenn du nie von Nitraten und deren Rolle im Stoffwechsel gehört hast, weißt du auch nicht ob "enthält 400mg Rote-Beete-Extrakt" gut oder wertlos ist. Der Influencer füllt da eine Wissenslücke - mit dem was ihm nützt. Und ja, das Rabattcode-Tracking ist offensichtlich, aber ich glaub viele nehmen das als Legitimation wahr, nicht als Warnsignal. "Der macht das hauptberuflich, also kennt er sich aus." Zirkelschluss, aber psychologisch wirkungsvoll.

@markus_b82 der Punkt mit dem Zirkelschluss stimmt, aber ich glaub da steckt noch was anderes drin. Die Wissenslücke, die du beschreibst - die wird ja nicht zufällig gefüllt. Es gibt da ein Phänomen das ich beruflich immer wieder sehe: Leute kommen in die Praxis, haben irgendwas nachgekauft, und wenn man fragt warum, kommt fast immer "der hat das so erklärt dass ich das verstanden hab". Das ist der eigentliche Hebel. Nicht die Reichweite, nicht das schöne Trikot. Sondern dass jemand eine einfache Geschichte erzählt, die sich schlüssig anfühlt. Das Problem ist, die Geschichte muss nicht stimmen um sich schlüssig anzufühlen. "Rote Beete gibt dir mehr Sauerstoff im Muskel" klingt einleuchtend und ist physiologisch ungefähr so präzise wie "Vitamin C stärkt das Immunsystem". Nicht falsch, aber so vereinfacht dass es als Kaufentscheidungsgrundlage wertlos ist. Was mich bei deinem Betanio PLUS Beispiel interessiert: du sagst die Nitratmenge war deklariert. Aber in welcher Form? Nitrat aus Rote-Beete-Konzentrat ist nicht dasselbe wie Nitratmenge aus Gesamtextrakt, da kann man als Hersteller schon kreativ sein. Die Frage ist ob das wirklich vergleichbar war mit dem was in den Studien verwendet wurde - also so um die 400-500mg anorganisches Nitrat, nicht Extrakt-Milligramm. Das ist nämlich genau der Punkt wo selbst gutgemeinte Deklaration noch nichts aussagt wenn man die Einheit nicht kennt.

@markus_hh88 guter Punkt, und der trifft mich tatsächlich.

Zitat von rennradwolf

selbst wenn jemand nachschauen würde - bei vielen Produkten steht hinten drauf "proprietäre Mischung"

Das hatte ich schon kommentiert, aber dein Einwand zur Einheit geht da nochmal tiefer. Ich hab damals ehrlich gesagt nicht explizit unterschieden ob die angegebenen Milligramm anorganisches Nitrat waren oder Extrakt-Gesamtgewicht. Ich hab die Zahl gesehen, sie mit den Jones-Studien verglichen und gedacht: passt ungefähr. Das war naiv, und ich geb das zu. Was mich dabei ärgert ist nicht, dass ich das nicht sofort wusste. Sondern dass diese Unterscheidung nirgendwo auf der Verpackung steht. Du bräuchtest dafür aktiv die Studie aufmachen, schauen welche Nitrat-Form dort verwendet wurde, und dann die Herstellerangabe darauf mappen. Das ist ein Aufwand den kein normaler Käufer betreibt, und den auch ich damals nicht betrieben hab. Was ich mich frage: gibt es überhaupt eine standardisierte Deklarationspflicht für diese Unterscheidung in der EU? Ich hab da keine klare Antwort parat. Kosmetik und Pharmaka haben klare Anforderungen, aber bei Nahrungsergänzung ist der Spielraum so breit dass Hersteller das de facto frei gestalten können, solange keine Gesundheitsaussagen gemacht werden. Das ist das eigentliche regulatorische Problem hinter dem ganzen Influencer-Thema. Der Influencer ist nur der Vertriebskanal. Die Grundlage dafür dass er problemlos mit vagen Angaben arbeiten kann, schafft der Gesetzgeber.

@markus_b82 zur Regulierungsfrage: da muss ich widersprechen, zumindest teilweise. Es gibt tatsächlich die Health Claims Regulation (EG 1924/2006), die genau das regeln soll - aber das Problem ist, die greift bei Nahrungsergänzung nur wenn aktiv eine Gesundheitsaussage gemacht wird. Solange der Hersteller schreibt "enthält Rote-Beete-Extrakt" und kein "verbessert deine VO2max" dazuschreibt, ist da regulatorisch kaum was zu holen.

Zitat von markus_b82

Das ist ein Aufwand den kein normaler Käufer betreibt

Stimmt, aber ich frag mich ob das die richtige Rahmung ist. Der "normale Käufer" ist ja nicht dumm, der hat schlicht keinen Anlass gelernt, dass Extrakt-mg und anorganisches Nitrat-mg zwei verschiedene Dinge sind. Das ist kein Wissensversagen, das ist ein Designproblem auf der Produktseite. Ich kenn das aus der Praxis: selbst Leute die sich ernsthaft informieren wollen, scheitern an der Terminologie. Die googeln "Rote Beete Nitrat Studie", landen bei irgendwas von Jones-Gruppe, lesen 400mg und denken sie haben die Hausaufgaben gemacht. Was mich gerade beschäftigt - und das ist vielleicht ein Schritt weiter als die Regulierungsdebatte: wäre das Problem kleiner wenn Influencer schlicht keine Dosierungsempfehlungen geben dürften ohne deklarierte Wirkstoffmenge? Also nicht als Verbot, sondern als Plattform-Standard. Ich weiß, das ist naiv gegenüber Instagram. Aber der Podcast-Profi den rennradwolf erwähnt hat - der hat offenbar genau das gemacht, konkrete Zahlen genannt. Und das hat einen Unterschied gemacht, zumindest in der Wahrnehmung.

@markus_hh88 der Plattform-Standard-Gedanke ist nicht so naiv wie du selbst sagst - aber er setzt voraus, dass Plattformen ein Interesse daran hätten, und das sehe ich nicht. Instagram verdient an Reichweite, nicht an Korrektheit. Das wäre eher was für einen Drittanbieter, eine Art Qualitätslabel das Influencer freiwillig einbinden könnten. Gibt's sowas eigentlich schon? Ich hab da keine Quelle parat. Was mich gerade mehr beschäftigt: du sagst das sei ein Designproblem auf Produktseite, und dem stimme ich zu - aber ich glaube das Designproblem ist manchmal gewollt. Nicht immer böswillig, aber strategisch. Wenn ich als Hersteller "400mg Rote-Beete-Komplex" schreibe, klingt das nach einer Zahl. Eine Zahl fühlt sich nach Substanz an. Dass die 400mg Extrakt vielleicht 50mg anorganisches Nitrat entsprechen (oder auch 200mg, wer weiß), steht da nicht. Und solange die Health Claims Regulation da nicht greift, weil keine explizite Gesundheitsaussage gemacht wird, ist das rechtlich sauber.

Zitat von markus_hh88

Die googeln "Rote Beete Nitrat Studie", landen bei irgendwas von Jones-Gruppe, lesen 400mg

Das war buchstäblich ich, vor zwei Jahren. Ich hab die Wylie et al. 2013 kurz überflogen, die Zahl gesehen, und dann die Verpackung daneben gehalten. Dass da unterschiedliche Bezugsgrößen waren, ist mir erst später aufgegangen, als ich die Methodik-Sektion wirklich gelesen hab. Was ich mich frage: ob nicht genau dieser Schritt - Methodik lesen, nicht nur Abstract - der entscheidende Filter wäre. Aber das setzt voraus dass man überhaupt weiß dass Abstracts oft die Einheiten weglassen.

@markus_b82

Zitat von markus_b82

ob nicht genau dieser Schritt - Methodik lesen, nicht nur Abstract - der entscheidende Filter wäre

Ja, aber das setzt noch was voreres voraus: dass man überhaupt weiß, dass Abstracts manchmal die relevanteste Information weglassen. Wylie 2013 ist da kein Einzelfall. Ich hab das in letzter Zeit öfter gesehen bei Nitrat-Papieren, dass die Supplementform im Abstract als "beetroot juice" auftaucht, und die genaue Nitratmenge erst in Tabelle 1 steht, manchmal nur als Fußnote. Das Freiwillige-Label-Thema: sowas gibt es ansatzweise, Informed Sport oder Cologne List sind Qualitätslabel, aber die prüfen Kontamination, nicht Dosierungsklarheit. Das ist ein anderes Problem. Für das was du beschreibst - transparente Wirkstoffangabe im Vergleich zur Studienlage - gibt es meines Wissens nichts Etabliertes. Zumindest kenn ich nichts. Was mich gerade beim Lesen eurer Diskussion beschäftigt, und das ist vielleicht ein Schritt weg vom Regulierungs-Track: der Podcast-Profi den rennradwolf erwähnt hat, hat offenbar konkrete Zahlen genannt. Ich würd wirklich gern wissen ob er auch die Form benannt hat. Weil "400mg Nitrat" ohne "als anorganisches Nitrat aus standardisiertem Saft" ist immer noch halb leer. Draußen regnet es in Strömen, ich sitz hier und denk ernsthaft darüber nach ob Podcast-Episoden besser dosiert sind als Studien-Abstracts.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

ob Podcast-Episoden besser dosiert sind als Studien-Abstracts

Das ist fast ironisch, aber ich glaub da steckt was Echtes drin. Ein guter Podcast zwingt den Sprecher dazu, die Lücken selbst zu füllen, weil ein Zuhörer nachfragt oder nachhaken kann. Ein Abstract ist per Definition eine Kurzform, die niemand mehr anfasst sobald sie publiziert ist. Was mich bei deinem Hinweis zu Informed Sport und Cologne List beschäftigt: die prüfen auf Kontamination, klar - aber das zeigt eigentlich wie weit die Branche noch von dem entfernt ist, was du als "Designproblem" beschreibst. Die Zertifizierungswelt hat sich auf das Problem "ist da Verbotenes drin" konzentriert, nicht auf "stimmt die Wirkstoffmenge mit dem überein was in Studien wirksam war". Das sind zwei komplett verschiedene Qualitätsfragen, und bisher beantwortet die verfügbare Infrastruktur nur die erstere. Ich frag mich ob das auch daran liegt, dass die Zweite viel teurer zu prüfen wäre. Für Kontaminations-Screening gibt's standardisierte Verfahren. Aber "entspricht diese Dosierung der in Wylie et al. verwendeten Form" - das wäre fast schon eine Mini-Studie pro Produkt. Kein Label kann das skalieren. Was ich noch nicht im Thread gesehen hab: gibt es eigentlich Hersteller die sowas freiwillig publizieren? Also einen direkten Vergleich ihrer Produktform mit der in zitierten Studien verwendeten Form? Ich hab das bei Betanio nie gesehen, könnte aber auch sein dass ich damals nicht gezielt danach gesucht hab.

@markus_b82 die Frage nach Herstellern die sowas freiwillig publizieren - ich kenn tatsächlich keinen einzigen, der einen echten Methodenvergleich macht. Was ich ab und zu sehe sind Produktseiten die Studien verlinken, aber das ist dann meistens eine Studie zu Rote Beete generell, nicht zu ihrem spezifischen Extrakt. Das ist Marketing, kein Beleg. Was mich bei deinem Gedanken zum Skalierungsproblem beschäftigt: du hast recht, dass ein Label das kann nicht prüfen. Aber es gibt einen Zwischenschritt den ich noch nicht im Thread gesehen hab. Manche Hersteller - vor allem im angloamerikanischen Raum - geben den Nitratgehalt per 100ml oder pro Kapsel an, und zwar als "NO3-" in mg. Das ist chemisch präzise und direkt vergleichbar mit Studienwerten. Das ist kein Aufwand, das ist eine Entscheidung. Wer das nicht macht, macht es nicht aus Unwissenheit.

Zitat von markus_b82

gibt es eigentlich Hersteller die sowas freiwillig publizieren

Aus meiner Erfahrung in der Praxis: wenn Patienten mit einem Produkt ankommen das ich mir anschaue, ist die Angabe "NO3- in mg" das erste wonach ich schaue. Nicht die Gesamtextrakt-Menge. Wenn die fehlt, leg ich das Produkt meistens zur Seite. Das ist kein wissenschaftlicher Filter, aber realistisch betrachtet scheidet damit schon die Hälfte des Marktes aus. Ob Betanio das hatte - ich müsste ehrlich gesagt nochmal nachschauen, ich hab die Verpackung damals nicht so gelesen.

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