Absetzversuch: merkt man wirklich was oder redet man sich das ein?
Zitat von mh_82 am Mai 31, 2026, 12:27 Uhr@markus_hh88 der letzte Punkt trifft mich, weil ich das aus der Praxis anders kenne als du beschreibst.
Zitat von markus_hh88fast alle bemerken das komplette Weglassen - unabhängig davon ob physiologisch irgendwas passiert ist
Das stimmt - aber ich würde fragen ob "bemerken" hier schon die richtige Kategorie ist. Ich hab Patienten die nach Reha-Ende bestimmte Übungen weglassen und dann berichten dass "irgendwas nicht stimmt". Oft ist das nicht die Übung selbst sondern die Struktur drumherum. Das Weglassen des Supplements könnte genauso wirken: man vermisst nicht die Substanz sondern den Handlungsschritt. Konkret gefragt: hast du bei deinen Patienten mal nachgebohrt was genau sie bemerkt haben? Also ob sie eine physische Veränderung benennen konnten, Müdigkeit, Pace, Herzfrequenz, oder ob es eher diffus war. Das wäre für mich der entscheidende Unterschied. Was ich bei dem Ritual-als-Wirkstoff-Argument noch nicht überzeugend gelöst sehe: wenn das Ritual der eigentliche Effekt ist, dann müsste das auch durch irgendein anderes Ritual ersetzbar sein. Wasserkochen, ein bestimmtes Lied, whatever. Warum zahlen Leute dann spezifisch für das Supplement statt für irgendeinen beliebigen Handlungsanker. Das deutet für mich drauf hin, dass der Inhalt doch eine Rolle spielt - zumindest in der Erwartung, was wiederum zurück zum expectancy-Effekt führt. Das ist mir insgesamt zu vage um es praktisch einzuordnen.
@markus_hh88 der letzte Punkt trifft mich, weil ich das aus der Praxis anders kenne als du beschreibst.
Zitat von markus_hh88fast alle bemerken das komplette Weglassen - unabhängig davon ob physiologisch irgendwas passiert ist
Das stimmt - aber ich würde fragen ob "bemerken" hier schon die richtige Kategorie ist. Ich hab Patienten die nach Reha-Ende bestimmte Übungen weglassen und dann berichten dass "irgendwas nicht stimmt". Oft ist das nicht die Übung selbst sondern die Struktur drumherum. Das Weglassen des Supplements könnte genauso wirken: man vermisst nicht die Substanz sondern den Handlungsschritt. Konkret gefragt: hast du bei deinen Patienten mal nachgebohrt was genau sie bemerkt haben? Also ob sie eine physische Veränderung benennen konnten, Müdigkeit, Pace, Herzfrequenz, oder ob es eher diffus war. Das wäre für mich der entscheidende Unterschied. Was ich bei dem Ritual-als-Wirkstoff-Argument noch nicht überzeugend gelöst sehe: wenn das Ritual der eigentliche Effekt ist, dann müsste das auch durch irgendein anderes Ritual ersetzbar sein. Wasserkochen, ein bestimmtes Lied, whatever. Warum zahlen Leute dann spezifisch für das Supplement statt für irgendeinen beliebigen Handlungsanker. Das deutet für mich drauf hin, dass der Inhalt doch eine Rolle spielt - zumindest in der Erwartung, was wiederum zurück zum expectancy-Effekt führt. Das ist mir insgesamt zu vage um es praktisch einzuordnen.
Zitat von markus_hh88 am Mai 31, 2026, 12:47 Uhr@mh_82 das Nachbohren mach ich ehrlich gesagt selten systematisch, das wäre zu viel verlangt im Praxisalltag. Aber wenn ich kurz nachdenke - die Patienten die ich im Kopf hab, die beschreiben das fast immer diffus. "Ich bin irgendwie schwerer in die Gänge gekommen" oder "hat sich anders angefühlt". Keine konkreten Zahlen, keine Pace-Daten, nichts Messbares. Was du mit dem "anderen Ritual" sagst, ist eigentlich der interessanteste Einwand hier seit einer Weile. Und ich glaub du hast recht, dass das auf den expectancy-Effekt zurückverweist - aber ich würde noch einen Schritt weiterdenken. Das Supplement funktioniert als Anker auch deshalb, weil es einen bestimmten Status signalisiert. "Ich nehme gezielt etwas, das für Sportler entwickelt wurde." Ein Glas Wasser vor dem Lauf hat diesen Status nicht, auch wenn es physiologisch sinnvoller wäre. Das ist kein Vorwurf an irgendwen hier, das ist einfach wie Signaling funktioniert - man kauft auch die Identität mit. Ob das dann "zählt" als Wirkung ist eine philosophische Frage die ich im Praxisalltag meistens nicht stelle. Wenn jemand ruhiger ins Training geht weil er sein Ritual hatte, hat das einen realen Effekt auf die Session, auch wenn der Wirkstoff nichts tut. Was mich aber konkret interessieren würde: @mh_82, du fragst warum Leute spezifisch fürs Supplement zahlen statt für irgendeinen anderen Anker. Hast du mal einen Patienten gefragt warum genau dieses Produkt und nicht einfach ein Glas Rote-Beete-Saft aus dem Supermarkt? Die Antworten auf so direkte Fragen sind meistens aufschlussreicher als alles was wir hier theoretisieren.
@mh_82 das Nachbohren mach ich ehrlich gesagt selten systematisch, das wäre zu viel verlangt im Praxisalltag. Aber wenn ich kurz nachdenke - die Patienten die ich im Kopf hab, die beschreiben das fast immer diffus. "Ich bin irgendwie schwerer in die Gänge gekommen" oder "hat sich anders angefühlt". Keine konkreten Zahlen, keine Pace-Daten, nichts Messbares. Was du mit dem "anderen Ritual" sagst, ist eigentlich der interessanteste Einwand hier seit einer Weile. Und ich glaub du hast recht, dass das auf den expectancy-Effekt zurückverweist - aber ich würde noch einen Schritt weiterdenken. Das Supplement funktioniert als Anker auch deshalb, weil es einen bestimmten Status signalisiert. "Ich nehme gezielt etwas, das für Sportler entwickelt wurde." Ein Glas Wasser vor dem Lauf hat diesen Status nicht, auch wenn es physiologisch sinnvoller wäre. Das ist kein Vorwurf an irgendwen hier, das ist einfach wie Signaling funktioniert - man kauft auch die Identität mit. Ob das dann "zählt" als Wirkung ist eine philosophische Frage die ich im Praxisalltag meistens nicht stelle. Wenn jemand ruhiger ins Training geht weil er sein Ritual hatte, hat das einen realen Effekt auf die Session, auch wenn der Wirkstoff nichts tut. Was mich aber konkret interessieren würde: @mh_82, du fragst warum Leute spezifisch fürs Supplement zahlen statt für irgendeinen anderen Anker. Hast du mal einen Patienten gefragt warum genau dieses Produkt und nicht einfach ein Glas Rote-Beete-Saft aus dem Supermarkt? Die Antworten auf so direkte Fragen sind meistens aufschlussreicher als alles was wir hier theoretisieren.
Zitat von mh_82 am Mai 31, 2026, 12:59 Uhr@markus_hh88 ja, hab ich. Und die Antworten sind meistens interessanter als erwartet. Konkret: ich hab mal einen Patienten - Triathlet, Mitte dreißig - gefragt genau das. Warum Betanio und nicht einfach Rote-Beete-Saft aus dem Edeka. Die Antwort war sinngemäß: "weil ich dann weiß wieviel Nitrat drin ist." Was erstmal plausibel klingt. Aber als ich nachgehakt hab ob er die Zielwerte kennt, die er damit erreichen will - also konkret Millimol pro Liter Plasma oder sowas - kam: nichts. Er wusste dass "mehr" besser ist, nicht mehr. Das zeigt für mich was anderes als der Signaling-Effekt den du beschreibst. Es geht nicht nur um Identität. Es geht um das Gefühl von Kontrolle über etwas das man nicht wirklich kontrollieren kann. Die Kapsel gibt Präzision vor, auch wenn man die Präzision gar nicht nutzt.
Zitat von markus_hh88Wenn jemand ruhiger ins Training geht weil er sein Ritual hatte, hat das einen realen Effekt
Das ist mir zu schnell als Argument. Klar hat das einen Effekt - aber das gilt für jede Intervention die jemand glaubt zu benötigen. Das kann ich nicht als Rechtfertigung für das Produkt durchgehen lassen, das wäre zirkulär. Der ruhigere Einstieg ist real, aber er sagt nichts über den Wirkstoff aus. Was mich gerade noch beschäftigt: ob das Kontroll-Gefühl bei verschreibungspflichtigen Ergänzungen genauso funktioniert, oder ob das spezifisch für den OTC-Markt ist wo man selbst entscheidet.
@markus_hh88 ja, hab ich. Und die Antworten sind meistens interessanter als erwartet. Konkret: ich hab mal einen Patienten - Triathlet, Mitte dreißig - gefragt genau das. Warum Betanio und nicht einfach Rote-Beete-Saft aus dem Edeka. Die Antwort war sinngemäß: "weil ich dann weiß wieviel Nitrat drin ist." Was erstmal plausibel klingt. Aber als ich nachgehakt hab ob er die Zielwerte kennt, die er damit erreichen will - also konkret Millimol pro Liter Plasma oder sowas - kam: nichts. Er wusste dass "mehr" besser ist, nicht mehr. Das zeigt für mich was anderes als der Signaling-Effekt den du beschreibst. Es geht nicht nur um Identität. Es geht um das Gefühl von Kontrolle über etwas das man nicht wirklich kontrollieren kann. Die Kapsel gibt Präzision vor, auch wenn man die Präzision gar nicht nutzt.
Zitat von markus_hh88Wenn jemand ruhiger ins Training geht weil er sein Ritual hatte, hat das einen realen Effekt
Das ist mir zu schnell als Argument. Klar hat das einen Effekt - aber das gilt für jede Intervention die jemand glaubt zu benötigen. Das kann ich nicht als Rechtfertigung für das Produkt durchgehen lassen, das wäre zirkulär. Der ruhigere Einstieg ist real, aber er sagt nichts über den Wirkstoff aus. Was mich gerade noch beschäftigt: ob das Kontroll-Gefühl bei verschreibungspflichtigen Ergänzungen genauso funktioniert, oder ob das spezifisch für den OTC-Markt ist wo man selbst entscheidet.
Zitat von markus_b82 am Mai 31, 2026, 13:14 Uhr@mh_82 der Punkt mit dem Kontrollgefühl trifft mich, weil ich das an mir selbst erkenne. Ich hatte mal eine Phase wo ich angefangen hab, die Nitratmenge im Rote-Beete-Saft nachzurechnen - also wirklich mit Richtwerten aus Studien, 300-500mg anorganisches Nitrat vor dem Lauf, so wie es in den Exeter-Protokollen angegeben war. Und ich merke heute, dass ich das nicht wirklich für die Optimierung gemacht hab. Ich hab's gemacht weil es sich angefühlt hat wie "jetzt hab ich das im Griff."
Das Ironische ist: die Schwankungsbreite im Nitratgehalt bei frischen Rüben oder auch bei Pulverprodukten ist so groß, dass die Milligramm-Rechnerei eigentlich Pseudopräzision ist. Hab da mal einen Artikel in der European Journal of Nutrition gelesen, der das für verschiedene Beetroot-Produkte verglichen hat, die Varianz war erheblich. Aber das Rechnen selbst hat trotzdem eine Funktion gehabt - ich hab mich dadurch "informiert" gefühlt.
Zitat von mh_82Es geht um das Gefühl von Kontrolle über etwas das man nicht wirklich kontrollieren kann
Ja. Und ich glaub das erklärt auch warum der OTC-Markt das besser bedient als Verschreibungspflichtiges. Bei einem Rezept gibt jemand anderes die Dosis vor, da ist die Kontrollillusion weg. Beim Supplement bist du selbst der Experte - oder glaubst es zumindest. Das fühlt sich vermutlich besser an als es ist. Was mich jetzt noch interessiert, gerade weil du Physiotherapeut oder Reha-Arzt bist, wenn ich das richtig gelesen hab: beobachtest du dieses Kontrollmuster eher bei Leuten die viel über ihr Training wissen, oder gerade bei denen die wenig wissen? Meine Vermutung wäre fast, dass es bei den "informierten" Halbwissern am stärksten ist.
@mh_82 der Punkt mit dem Kontrollgefühl trifft mich, weil ich das an mir selbst erkenne. Ich hatte mal eine Phase wo ich angefangen hab, die Nitratmenge im Rote-Beete-Saft nachzurechnen - also wirklich mit Richtwerten aus Studien, 300-500mg anorganisches Nitrat vor dem Lauf, so wie es in den Exeter-Protokollen angegeben war. Und ich merke heute, dass ich das nicht wirklich für die Optimierung gemacht hab. Ich hab's gemacht weil es sich angefühlt hat wie "jetzt hab ich das im Griff."
Das Ironische ist: die Schwankungsbreite im Nitratgehalt bei frischen Rüben oder auch bei Pulverprodukten ist so groß, dass die Milligramm-Rechnerei eigentlich Pseudopräzision ist. Hab da mal einen Artikel in der European Journal of Nutrition gelesen, der das für verschiedene Beetroot-Produkte verglichen hat, die Varianz war erheblich. Aber das Rechnen selbst hat trotzdem eine Funktion gehabt - ich hab mich dadurch "informiert" gefühlt.
Zitat von mh_82Es geht um das Gefühl von Kontrolle über etwas das man nicht wirklich kontrollieren kann
Ja. Und ich glaub das erklärt auch warum der OTC-Markt das besser bedient als Verschreibungspflichtiges. Bei einem Rezept gibt jemand anderes die Dosis vor, da ist die Kontrollillusion weg. Beim Supplement bist du selbst der Experte - oder glaubst es zumindest. Das fühlt sich vermutlich besser an als es ist. Was mich jetzt noch interessiert, gerade weil du Physiotherapeut oder Reha-Arzt bist, wenn ich das richtig gelesen hab: beobachtest du dieses Kontrollmuster eher bei Leuten die viel über ihr Training wissen, oder gerade bei denen die wenig wissen? Meine Vermutung wäre fast, dass es bei den "informierten" Halbwissern am stärksten ist.