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Rote-Beete-Pulver vs. Saft: lohnt sich der Preisunterschied wirklich?

Ich bin grad dabei, meine Vorwettkampf-Routine für die Saison neu zu sortieren, und stolpere dabei wieder über dieses ewige Saft-vs.-Pulver-Thema. Ich hab beides selbst getestet, länger als nur ein paar Wochen. Der Saft - ich nehme meistens den von Biotta oder den Apotheken-Eigenmarken - hat für mich logistisch seinen Charme, weil man das Timing gut hinbekommt. Ca. 2-3 Stunden vor dem Start, wie es die meisten Protokolle empfehlen (Lansley et al. 2011 wäre die Referenz, die ich hier nennen würde). Der Nitratgehalt ist dabei schwankend, das ist ein echter Kritikpunkt den man nicht ignorieren sollte. Fermentierter Saft aus verschiedenen Chargen kann bis zu 30% variieren, je nach Ernte und Verarbeitung. Dann gibt es Produkte wie Betanio PLUS, die ich neulich wieder in einer Sportpraxis-Empfehlung gesehen hab, und da frag ich mich jedes Mal: was zahlt man da eigentlich drauf. Der Preis pro Portion ist deutlich höher als beim einfachen Saft, und die Wirkstoffmechanismus ist derselbe - Nitrat wird im Mund zu Nitrit reduziert, dann weiter zu NO im Gewebe, das kennt hier jeder. Aus meiner Erfahrung in der Praxis fragen Klienten oft, ob das Markenprodukt "mehr wirkt". Ich sage dann: wenn der Nitratgehalt standardisiert und deklariert ist, hat ein Markenpulver tatsächlich einen Vorteil gegenüber Saft aus dem Supermarkt. Aber ob dieser Vorteil den dreifachen Preis rechtfertigt, bezweifle ich. Hat hier jemand Produkte direkt verglichen und dabei auf standardisierten Nitratgehalt geachtet? Mich würde interessieren ob jemand konkrete Chargenanalysen kennt oder ob das nur Marketingversprechen sind.

@marek_rb das mit dem schwankenden Nitratgehalt im Saft ist eh der Punkt der mich am meisten interessiert ehrlich gsagt. Ich hab im Studium mal kurz was darüber gelesen aber nie so konkret wie du das formulierst.

Zitat von marek_rb

wenn der Nitratgehalt standardisiert und deklariert ist hat ein Markenpulver tatsächlich einen Vorteil

ok aber wer kontrolliert das eigentlich?? ich mein die Deklaration ist das eine, ob das stimmt ist das andere. Betanio PLUS hatte ich mir mal angeschaut und ich fand den Preis heftig, aber genau das war auch mein Gedanke - steht da irgendwo eine konkrete mg-Angabe Nitrat pro Portion drauf oder ist das wieder so ein "aus konzentrierter Rote Beete" Blabla ohne Zahl dahinter. Ich frag mich auch ob das überhaupt für Hobbysportler relevant ist. Ich lauf Halbmarathon, keine Ahnung ob ich da überhaupt in einem Bereich bin wo 30% Nitrat-Schwankung irgendwas ausmacht. Profi-Teams haben da eh ganz andere Anforderungen... und die Chargenanalysen die du fragst - ich glaube kaum dass irgendein Hersteller die öffentlich rauslegt. Das wäre ja fast zu transparent 😅

@miramira die Frage "wer kontrolliert das eigentlich" ist genau die richtige, und die Antwort ist ernüchternd: niemand systematisch. Es gibt keine Pflicht zur Deklaration von Nitratgehalt in mg bei Nahrungsergänzungsmitteln in der EU, solange das Produkt nicht als Medizinprodukt eingestuft ist. Das heißt, "aus konzentrierter Rote Beete" ist vollkommen ausreichend als Angabe, rechtlich gesehen. Ich hab mal bei einem Hersteller direkt nachgefragt - das war vor vielleicht zwei Jahren, kleines Pulverprodukt aus dem Sporthandel - ob sie Chargenanalysen rausgeben. Die Antwort war ein PDF mit Marketingtext und einer einzigen Messung, kein Datum, kein Labor genannt. Das sagt eigentlich alles.

Zitat von miramira

ob das überhaupt für Hobbysportler relevant ist

Das ist ne faire Frage. Die Studienpopulationen in den relevanten Nitrat-Protokollen sind oft trainierte, aber keine Elite-Athleten - Bailey et al. 2009 hat z.B. mit mäßig trainierten Männern gearbeitet, VO2max im mittleren Bereich. Die Effektgröße war messbar, aber klein. Für einen Halbmarathon-Bereich würde ich sagen: wenn die Ernährung sonst sitzt und das Timing stimmt, kann es was bringen. Ob es 30-40 Euro pro Monat wert ist, ist eine andere Frage. Was mich bei deinem Punkt noch beschäftigt: Hobbysportler trainieren oft weniger regelmäßig, was bedeutet dass die Baseline-Nitratversorgung über die normale Ernährung schon stärker schwankt als bei jemandem der täglich trainiert und sich bewusst ernährt. Da kann auch ein günstiger Saft mit halbwegs konstantem Gehalt schon relevant werden, wenn er konsequent eingesetzt wird.

@marek_rb das mit dem PDF ohne Datum und ohne Labor - da muss ich lachen. Das kenn ich aus nem anderen Bereich. Wenn bei mir auf der Baustelle ein Elektrounternehmen Prüfprotokolle ohne Datum vorlegt, flieg ich raus beim Auftraggeber. Bei Nahrungsergänzung reicht das anscheinend.

Zitat von marek_rb

niemand systematisch

genau das ist doch der Punkt den sich kaum einer klar macht. Die Leute kaufen das Zeug für 30-40 Euro im Monat und gehen davon aus dass irgendjemand irgendwo mal nachgeschaut hat ob da drin ist was draufsteht. Is mir schnuppe ob das Nitrat heißt oder sonstwie - wenn die Kontrolle fehlt ist die ganze Standardisierungs-Argumentation fürs Pulver doch hinfällig. Der Vorteil den du beschreibst setzt ja voraus dass die Deklaration stimmt. was mich dabei noch beschäftigt: du sagst Hobbysportler haben stärker schwankende Baseline. Ok. Aber dann wäre doch die logische Antwort einfach öfter Rote Beete essen, oder. Also als Gemüse, normal kochen. Kostet im Supermarkt fast nix. Meine Frau macht die manchmal mit Feta, schmeckt auch gut. Warum da extra Pulver kaufen dessen Inhalt keiner prüft. ich verstehs einfach nicht wie man bei dem Informationsstand trotzdem zum teuren Produkt greift.

@ms_77 der Vergleich mit den Prüfprotokollen trifft es eigentlich ziemlich gut. Das Vertrauen in die Deklaration ist das schwächste Glied in der ganzen Kette.

Zitat von ms_77

dann wäre doch die logische Antwort einfach öfter Rote Beete essen

Im Prinzip ja - und ich sage das meinen Klienten auch so. Für eine chronisch höhere Nitrat-Baseline reicht regelmäßiger Konsum über die normale Ernährung, da haben Blattgemüse wie Rucola oder Spinat sogar noch höhere Gehalte als Rote Beete selbst. Das wird in der Diskussion oft vergessen. Aber es gibt einen Punkt wo das Frischgemüse-Argument nicht mehr ganz zieht, und der ist spezifisch: das Timing rund um einen Wettkampf. Wenn du zwei Stunden vor dem Start 400-500 mg Nitrat aufnehmen willst, brauchst du eine verlässliche Menge in handlicher Form. Rohe oder gegarte Rote Beete in der Menge kurz vor dem Start mag nicht jeder Magen tolerieren - das höre ich in der Praxis regelmäßig. Da hat ein Saft oder Shots tatsächlich einen praktischen Vorteil, der nichts mit Marketing zu tun hat. Das ändert aber nichts an deiner Kernkritik. Wenn das Pulver keine verifizierten Nitratmengen liefert, zahlt man für Komfort und Marke, nicht für Wirksamkeit. Die 30-40 Euro für Betanio PLUS oder ähnliche Produkte lassen sich damit jedenfalls nicht rechtfertigen. Ein Apotheken-Saft mit halbwegs bekannter Herkunft liegt da immer noch besser, auch ohne Zertifizierung. Was mich dabei beschäftigt: ob es überhaupt Hersteller gibt die wirklich chargenweise Analysen veröffentlichen. Ich kenne keinen der das transparent macht.

@marek_rb

Zitat von marek_rb

ob es überhaupt Hersteller gibt die wirklich chargenweise Analysen veröffentlichen

ich würd da drauf wetten dass keiner das macht. Und weißt du warum nicht? Weil es niemand verlangt. Kein Amt, kein Verband, kein gar nix. Du hast das mit dem Apothekensaft gesagt - ok aber auch der Saft hat keine Pflicht zur genauen Deklaration soweit ich das verstehe. Also wo ziehst du da die Linie. Saft ohne Analyse vs. Pulver ohne Analyse. Beides im Nebel. was mich gerade noch beschäftigt ist eigentlich was anderes. Du sagst 400-500 mg Nitrat zwei Stunden vor dem Start. Das ist ne sehr konkrete Zahl. Woher weiß der Hobbysportler ob er das überhaupt braucht oder verträgt. Der hat kein Labor, kein Blutbild, nix. Er liest irgendwo "400 mg" und kauft dann das Zeug das 400 mg verspricht - ohne Verifikation, wie wir grade festgestellt haben. Das ist doch n bisschen wie wenn ich einem Lehrling sage "leg 16A ab" ohne dass er weiß was auf der Leitung hängt. ich mein ich hab nix gegen Rüben als Gemüse. Aber dieses ganze Protokoll-Gedöns rund um Wettkämpfe - da frag ich mich ob das nicht hauptsächlich dem Gefühl dient dass man was "optimiert" hat.

Zitat von ms_77

ob das nicht hauptsächlich dem Gefühl dient dass man was "optimiert" hat

Das ist ein Punkt, den ich nicht einfach wegwischen will. Ich glaube, da steckt mehr drin als Zynismus. Die Frage ist nur: gilt das nicht für fast jedes ergänzende Protokoll, das Hobbysportler nutzen? Kohlenhydrat-Timing, Schlaf-Tracking, Herzfrequenzvariabilität - vieles davon hat eine wissenschaftliche Basis, aber im Alltag ohne Labor und ohne Kontrollgruppe ist das Gefühl der Kontrolle ein realer Teil des Nutzens. Das heißt nicht, dass der Effekt eingebildet ist. Aber du hast recht, dass die 400 mg-Zahl in den Protokollen unter Laborbedingungen ermittelt wurde. Bailey et al. haben die Nitratmenge gemessen, kontrolliert verabreicht und mit Placebo verglichen. Das lässt sich nicht einfach übertragen auf jemanden, der morgens einen Saft trinkt, dessen Gehalt er nicht kennt, und dann meint, er läuft besser. Was mich bei deiner Leiter-Analogie aber kurz beschäftigt: ein Hobbysportler der einfach mehr Rote Beete isst, macht ja auch was ohne Laborkontrolle. Der Unterschied ist, dass er da kein Geld für Marketing ausgibt und der mögliche Effekt über die Zeit akkumuliert, nicht punktuell um einen Wettkampf herum dosiert wird. Das sind zwei verschiedene Verwendungslogiken, und die werden im Gespräch oft durcheinandergeworfen. Die Frage ob Hobbysportler überhaupt ein akutes Prä-Wettkampf-Protokoll brauchen - die stelle ich mir ehrlich gesagt selbst gerade.

@marek_rb

Zitat von marek_rb

Die Frage ob Hobbysportler überhaupt ein akutes Prä-Wettkampf-Protokoll brauchen

das fragst du dich selbst - ok das find ich ehrlich. Aber dann komm ich zu dem Punkt der mich eigentlich mehr interessiert als der ganze Saft-Pulver-Vergleich. Du arbeitest mit Leuten in der Sportpraxis. Die fragen dich ob Betanio mehr wirkt. Du sagst nein. Die kaufens trotzdem, oder? Ich würd gern wissen ob du das Gefühl hast dass die Empfehlung "iss einfach mehr Gemüse" bei denen irgendwas ändert. Ich kenn das aus nem anderen Kontext - ich sag Leuten manchmal dass ihre Elektroinstallation auch ohne Smart-Home-Gateway funktioniert und trotzdem wollen die das Gateway. Weil es sich nach mehr anfühlt. das ist doch eigentlich das eigentliche Problem hier. Nicht ob Saft oder Pulver. Sondern dass Leute für das Gefühl von Kontrolle zahlen und der Markt das bedient. Und solange kein Amt nachfragt passiert da auch nix. ich mein ich bin Elektriker, kein Ernährungsmensch. Aber das Muster kenn ich.

Zitat von ms_77

ob du das Gefühl hast dass die Empfehlung "iss einfach mehr Gemüse" bei denen irgendwas ändert

@ms_77 kurze Antwort: meistens nein. Und ich finde das inzwischen weniger frustrierend als früher, weil ich glaube, dass das kein Informationsproblem ist. Die Leute die zu mir kommen und nach Betanio PLUS fragen, wissen eigentlich schon dass Gemüse gesund ist. Das wissen die seit der Grundschule. Das Problem ist, dass "iss mehr Rucola" sich nach nichts anfühlt. Kein Produkt, kein Datum auf der Packung, keine Einheit die man tracken kann. Was mich bei deiner Gateway-Analogie beschäftigt: du sagst du empfiehlst das Gateway trotzdem manchmal, oder? Ich frag mich ob du da ne Grenze ziehst - wann sagst du "ok ich bau das ein obwohl es keinen Unterschied macht" und wann sagst du "nein, das kostet nur Geld". Weil ich diese Frage für mich selbst im Kontext Supplemente noch nicht richtig beantwortet hab. Aus meiner Erfahrung in der Praxis gibt es Klienten bei denen ich denke: der zieht das Protokoll konsequent durch, das Gefühl der Kontrolle hilft ihm wirklich dabei. Und dann gibt es welche die kaufen drei Produkte, nehmen sie unregelmäßig, und das ist dann wirklich nur Geld weg. Der Unterschied ist nicht das Produkt. Der ist eher in der Person.

@marek_rb

Zitat von marek_rb

Der Unterschied ist nicht das Produkt. Der ist eher in der Person.

ok das ist ehrlich das geb ich zu. Aber da hör ich was raus was mich ein bisschen beschäftigt. Du sagst bei manchen hilft das Gefühl der Kontrolle wirklich dabei durchzuziehen. Heißt das dann - du empfiehlst das Pulver trotzdem manchmal auch wenn du weißt dass die Kontrollefrage offen ist? Weil das wär für mich ne neue Info. Beim Gateway ist das bei mir so: ich bau das nie ein ohne dass der Kunde weiß dass es keinen Sicherheitsgewinn bringt. Der kann das dann trotzdem wollen, sein Geld. Aber ich sag's vorher klar. Machst du das auch so? Oder ist das in der Sportpraxis anders weil der Kunde sonst woanders hingeht und dann noch mehr Quatsch kauft. das wär nämlich n Punkt den ich verstehen würd. Wenn du sagst "lieber ich empfehle den billigen Saft als dass der zu irgendeinem Influencer-Shop geht" - ok, das ist Pragmatismus. Aber dann müsste man das auch so nennen und nicht so tun als ob das Protokoll für den Hobbysportler wirklich nötig ist. ich frag mich grad ob da in deiner Branche so ne Art stillschweigende Abwägung läuft die keiner laut ausspricht.