Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Selbst gepresst vs. Konzentrat: Rechnet sich der Aufwand wirklich?

Ich mach das jetzt seit ungefähr vier Monaten so: vor langen Läufen (ab 16 km aufwärts) trinke ich ca. 200 ml frisch gepressten Rote-Beete-Saft, den ich selbst mache. Hab einen Slow Juicer dafür angeschafft. Der Aufwand ist nicht ohne - Gemüse kaufen, waschen, pressen, Maschine reinigen. An Werktagen nach der Arbeit ist das ehrlich gesagt oft zu viel, dann greife ich zum Konzentrat. Was mich beschäftigt: Wie groß ist der Unterschied tatsächlich? Ich hab in einem Paper von Wylie et al. (2013, Applied Physiology) gelesen, dass der leistungsrelevante Effekt an der Nitratdosis hängt, grob 300-500 mg NO3- als Richtwert. Aber der tatsächliche Nitratgehalt in frischer Rote Beete schwankt je nach Anbau, Sorte, Lagerung teilweise erheblich. Das bedeutet, ich weiß bei selbst gepresstem Saft eigentlich nie genau, was ich drin hab. Konzentrate haben immerhin (zumindest die besseren) standardisierte Mengenangaben auf der Packung. Ob die stimmen, ist dann wieder eine andere Frage, aber zumindest gibt's einen Anhaltspunkt. Ich hab Betanio PLUS und ein anderes britisches Produkt getestet, und subjektiv - ich betone subjektiv, weil ich keine Kontrollbedingungen hatte - merke ich keinen klaren Unterschied zur Eigenproduktion. Was mich dann dazu bringt zu fragen: Für wen lohnt sich der Eigenpress-Aufwand überhaupt? Für Leute mit Feld-und-Garten-Rote-Beete aus dem eigenen Garten vielleicht, weil da die Nitratgehalte nach manchen Quellen höher liegen als bei lagerüblichem Supermarkt-Gemüse. Hat jemand das systematischer getestet, vielleicht sogar mit Blutdruckmessung als Proxy für NO-Verfügbarkeit? Und falls jemand eine Quelle hat, die Nitratgehalte verschiedener Rote-Beete-Quellen vergleicht: raus damit.

Zitat von markus_b82

ich weiß bei selbst gepresstem Saft eigentlich nie genau, was ich drin hab

Das ist der Punkt, der mich bei der ganzen Selbstpress-Romantik immer etwas bremst. Realistisch betrachtet ist die Nitrat-Varianz in frischer Rote Beete tatsächlich enorm - ich hab mal eine Übersicht in einem Review von Lidder & Webb (2013, Br J Clin Pharmacol) quergelesen, da lagen die Messwerte für frisches Gemüse zwischen grob 100 und über 2000 mg/kg, je nach Anbaubedingungen. Das ist kein kleiner Fehlerbalken mehr, das macht die Dosis zur Lotterie. @markus_b82 Den Blutdruck als Proxy finde ich methodisch gar nicht schlecht, weil der NO-vermittelte Effekt auf den systemischen Gefäßwiderstand dort tatsächlich messbar ist - vorausgesetzt du misst konsequent, selber Arm, selber Tageszeit, nach Ruhe. Sonst rauscht die Alltagsvariabilität jeden Effekt weg. Was Betanio PLUS angeht: der Name klingt für mich nach klassischem Marketingaufschlag auf ein Standardprodukt. Das britische Konzentrat, das du wahrscheinlich meinst - da gibt es wenigstens unabhängige Analysen, die die deklarierten Werte halbwegs bestätigen. Mein Gedanke dazu: vielleicht ist die Frage "frisch vs. Konzentrat" für die meisten Hobbyathleten schlicht irrelevant, weil der Gesamteffekt auf die Leistung so oder so im einstelligen Prozentbereich liegt. Ich sag das nicht um den Mechanismus kleinzureden - der ist real - aber für einen Sonntagslauf über 18 km entscheidet das Schlafen und die Grundausdauer mehr als die Nitratquelle.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

für einen Sonntagslauf über 18 km entscheidet das Schlafen und die Grundausdauer mehr als die Nitratquelle

Das stimmt, und ich würd das auch nicht grundsätzlich bestreiten. Aber ich finde, das Argument kippt schnell in eine Richtung, die mir zu bequem ist. Wenn der Effekt real ist - und das scheinen Mechanismus-seitig ziemlich robuste Daten zu zeigen, zumindest für untrainierte bis moderat trainierte Sportler - dann ist die Frage der Dosierungskontrolle ja trotzdem nicht egal. Gerade weil der Fensterbereich offenbar relativ eng ist. 300 mg NO3- vs. vielleicht 80 mg, weil die Rote Beete zwei Wochen im Kühler lag, ist kein Rauschen mehr. Was ich noch nie gesehen hab und was mich wirklich interessieren würde: gibt es Untersuchungen, die den Nitratgehalt in handelsüblicher Supermarkt-Rote-Beete nach unterschiedlichen Lagerdauern vergleichen? Ich hab den Eindruck, dass die Lagerungsvariable in den meisten Studien komplett unter den Tisch fällt, weil die Probanden Standardprodukte bekommen. Hast du da eine Quelle für? Das Blutdruck-Proxy-Argument nehme ich mit, das ist ein sinnvoller Ansatz. Ich hab tatsächlich ein Handgelenk-Messgerät, das ist methodisch nicht ideal, aber für Trendmessungen über mehrere Wochen vielleicht ausreichend. Wäre zumindest besser als das reine Gefühl.

@markus_b82 Die Lagerungsfrage ist tatsächlich eine, wo mir auf Anhieb keine saubere Studie einfällt. Was ich aus dem Review-Kontext kenne: Nitrat ist relativ stabil in der Pflanze, solange die Zellstruktur intakt ist, aber sobald du presst, fängt die mikrobielle Aktivität an und Nitrat wird zu Nitrit umgewandelt - was eigentlich nicht das Problem ist, aber die Messung erschwert. Ob und wie schnell der Gesamtnitratgehalt im ungepressten Gemüse über Lagerzeit sinkt, hab ich ehrlich gesagt nie systematisch gelesen. Wäre mich auch interessieren.

Zitat von markus_b82

Handgelenk-Messgerät, das ist methodisch nicht ideal

Für Trendmessungen über mehrere Wochen reicht das, wenn du konsequent unter gleichen Bedingungen misst - morgens, vor dem Frühstück, nach fünf Minuten Ruhe. Die absoluten Werte kann man vergessen, aber relative Veränderungen von 3-5 mmHg würde das Gerät wahrscheinlich noch abbilden. Und genau da liegt ja der dokumentierte Nitrateffekt in der Literatur, irgendwo in dem Bereich. Was mich bei deiner Schilderung etwas schmunzeln lässt: du hast dir einen Slow Juicer gekauft, liest Wylie et al., überlegst Blutdruck-Proxys - und dann steht da Betanio PLUS auf dem Tisch. Das passt irgendwie nicht zusammen. Wer mit dem Aufwand deinen Betreibt, der sollte zumindest zu Konzentraten greifen, bei denen es unabhängige Qualitätsanalysen gibt.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

Das passt irgendwie nicht zusammen

Das ist fair, und ich versteh den Punkt. Zur Verteidigung: Betanio PLUS hab ich getestet, weil ein Kollege aus der Arbeit geschwärmt hat, nicht weil ich recherchiert hätte. Manchmal läuft das halt so. Ich hab dann versucht, nachzuvollziehen, was an dem Produkt konkret ausgewiesen ist - und da wird's dünn. Auf der Packung steht eine Nitratmenge, aber ich hab keine unabhängige Analyse gefunden, die das bestätigt. Hast du da eine Quelle für das britische Produkt, das du meinst? Ich geh mal davon aus, dass du Beet It meinst, die haben soweit ich weiß zumindest ein paar externe Analysen veröffentlicht oder wurden in Studien direkt verwendet. Was mich aber gerade mehr beschäftigt: du schreibst, Nitrat ist stabil solange die Zellstruktur intakt ist. Das würde ja bedeuten, dass ganze, ungeschnittene Rote Beete im Kühler über Wochen kaum Nitrat verliert. Wenn das stimmt, wäre das eigentlich ein Argument für die Selbstpresser - sofern man das Gemüse frisch kauft und dann direkt presst, nicht eine Woche vorher. Die Variable wäre dann weniger die Lagerung als der Anbau selbst. Ich hab letztens irgendwo gelesen, dass Gemüse aus biologischem Anbau teils niedrigere Nitratwerte hat als konventionelles, weil Stickstoffdünger den Nitratgehalt hochtreibt. Das würde der Bio-ist-besser-Intuition entgegenlaufen, zumindest wenn es ums Nitrat geht.

@markus_b82 Das mit Bio und Nitrat stimmt, das ist tatsächlich einer der netten Widersprüche in dem Bereich. Konventioneller Stickstoffdünger treibt den Nitratgehalt in der Pflanze hoch, weil die Pflanze mehr aufnimmt als sie metabolisiert. Ich glaub, das war auch in dem Lidder/Webb-Review ein Randthema, aber ich würd das nicht überbewerten - der Effekt schwankt stark je nach Düngermenge, Erntezeitpunkt, sogar Lichtverhältnisse während des Anbaus spielen rein. Bio bedeutet also nicht automatisch nitratarm, es ist eher eine Tendenz. Was mich an deinem letzten Absatz aber mehr interessiert: wenn du sagst, die Variable ist der Anbau selbst, dann hast du eigentlich das Kernproblem für den Selbstpresser sauber beschrieben. Du kaufst im Supermarkt eine Rote Beete ohne jede Information über Anbaubedingungen, presst sie frisch, und hoffst auf das Beste. Das ist keine Kritik am Vorgehen, nur eine Einordnung. Zur Beet It-Frage: ja, die mein ich. Die wurden meines Wissens direkt in mehreren RCTs als Studienprodukt eingesetzt, u.a. bei Vanhatalo et al. (2010, American Journal of Physiology). Das ist kein Freifahrtschein für die Qualitätskontrolle jeder einzelnen Charge, aber es ist ein anderer Ausgangspunkt als ein Produkt, das primär über Kollegenempfehlungen läuft.

@markus_hh88

Zitat von markus_hh88

wurden meines Wissens direkt in mehreren RCTs als Studienprodukt eingesetzt

Das ist der entscheidende Punkt, den ich unterschätzt hab. Wenn ein Produkt als Studiensubstrat verwendet wurde, hat es zumindest zum Zeitpunkt der Studie eine Chargenprüfung durchlaufen - das ist nicht dasselbe wie laufende Qualitätskontrolle, aber es gibt zumindest einen dokumentierten Referenzpunkt. Für Betanio PLUS hab ich sowas nicht gefunden, und ich hab auch nicht wirklich intensiv gesucht, das geb ich zu. Was mich jetzt aber beschäftigt, und das ist ein Gedanke der mir gerade erst kommt: Wenn RCT-Studien ein bestimmtes Handelsprodukt verwenden, ist das eigentlich ein methodisches Problem für die externe Validität. Die Ergebnisse gelten dann streng genommen für genau dieses Produkt, diese Charge, diesen Nitratgehalt. Übertragen auf andere Konzentrate oder frisch gepressten Saft ist das dann eine Extrapolation, keine direkte Evidenz. Das heißt, die Studie validiert das Produkt - aber das Produkt validiert nicht automatisch andere Nitratquellen mit ähnlichen Deklarationswerten. Ich frag mich, ob das in der Sporternährungs-Literatur überhaupt diskutiert wird. Hast du da eine Quelle für, wo das explizit als Limitation benannt wird?

Zitat von markus_b82

das ist ein methodisches Problem für die externe Validität

Das ist tatsächlich ein legitimer Punkt, und ich find's gut, dass du das selbst aufmachst. Aber ich würd das leicht anders einordnen: Die meisten Nitrat-RCTs berichten die verabreichte Dosis in mg NO3-, nicht nur "wir haben Beet It genommen". Das heißt, die Extrapolation auf andere Quellen funktioniert über die Dosis, nicht über das Produkt selbst. Wenn du mit einem anderen Konzentrat oder frisch gepresstem Saft zuverlässig auf dieselbe Nitratmenge kommst, ist die Übertragbarkeit methodisch vertretbar. Das Problem ist halt das "zuverlässig" - und da schließt sich der Kreis zu dem, was wir die ganze Zeit diskutieren. Ob das als Limitation explizit benannt wird: ich erinnere mich, dass Hoon et al. (2013, IJSNEM) zumindest kurz auf die Dosierungsvariabilität eingehen, aber als echten methodischen Kritikpunkt am Produktbezug hab ich das nie prominent gesehen. Wäre ehrlich gesagt ein guter Ansatz für jemanden, der da mal ein Review schreiben will. Draußen ist's gerade noch warm für Juli, ich merk das nur weil ich gleich noch eine Runde fahren wollte und überlege, ob ich das noch hinbekomme. Was mich bei deiner Überlegung aber kurz stört: du fragst nach einer Quelle, die das als Limitation benennt - aber das ist eigentlich eine Frage für ein Methodenpaper, nicht für die Interventionsstudien selbst. Die haben gar keinen Anreiz, ihr eigenes Studiensubstrat zu hinterfragen.