Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Rote-Beete-Extrakt & Nitrat – messbare Wirkung oder Placebo?

Ich beschäftige mich seit etwa zwei Jahren mit der Nitrat-Forschung rund um Rote Beete, ursprünglich nach einem Artikel über eine Studie der Universität Exeter (Jones et al., mehrfach repliziert), die VO2max-Verbesserungen bei moderaten Ausdauersportlern gezeigt hat. Klingt vielversprechend, also hab ich selbst angefangen zu testen - zuerst mit echtem Rote-Beete-Saft, dann mit konzentrierten Extrakten, zuletzt mit Betanio PLUS. Das Problem ist: Ich weiß schlicht nicht, ob ich da einem Messfehler aufsitze. In meinen letzten drei Halbmarathon-Vorbereitungen hab ich jeweils unterschiedliche Sachen gleichzeitig verändert. Mehr Schlaf in einem Zyklus, Tempo-Einheiten in einem anderen, dazu der Extrakt. Welche Variable hat was gebracht? Das ist wie Debugging ohne Logs - man tippt im Dunkeln. Was ich konkret beobachtet habe: Mein Ruhepuls lag in der Phase mit regelmäßiger Einnahme (ca. 400mg Nitrat täglich, morgens, nüchtern) subjektiv stabiler, und meine Pace bei gleichem Puls hat sich leicht verbessert. Aber "subjektiv stabiler" ist halt kein Biomarker. Ich hab keine Blutdruckmessung gemacht, kein Laktat, nix Belastbares. Was mich bei Betanio PLUS konkret stört: Die machen Angaben zur Nitratmenge auf der Packung, aber ich find keine unabhängige Laboranalyse dazu. Hersteller-Eigenangaben sind mir zu wenig. Hat jemand hier einen Link zu einer externen Prüfung oder zumindest einer Studie, die genau dieses Produkt (nicht generisch Rote-Beete-Nitrat) untersucht hat? Die allgemeine Frage interessiert mich aber auch: Wie testet ihr überhaupt halbwegs sauber, ob ein Supplement wirkt? Kontrollgruppe bin ich ja selbst nicht.

@markus_b82

Zitat von markus_b82

keine unabhängige Laboranalyse dazu

Das ist der Punkt, der mich bei Betanio PLUS schon länger beschäftigt. Es gibt mittlerweile ein paar Drittanbieter, die Supplements auf Nitratgehalt testen - Labdoor zum Beispiel, die haben eine Datenbank, die US-lastig ist, aber manchmal tauchen dort auch europäische Produkte auf. Consumerlab macht ähnliches. Ich hab das für Betanio PLUS noch nicht gefunden, aber das wäre der erste Weg, den ich gehen würde, bevor ich Herstellerangaben vertraue. Was mich an deiner Beschreibung aber mehr beschäftigt: Du hast Pace-Verbesserung bei gleichem Puls beobachtet, und das ist eigentlich kein schlechtes Selbstmessprotokoll, wenn du unter vergleichbaren Bedingungen läufst. Gleiche Strecke, ähnliches Wetter, selbe Tageszeit. Nicht perfekt, aber realistisch betrachtet ist das mehr als die meisten Leute machen. Das Problem bleibt die Konfundierung mit den anderen Variablen, das hast du selbst korrekt erkannt. Was mir noch nicht ganz klar ist: Hast du die 400mg täglich durchgehend genommen oder nur in der Belastungsphase? Die Exeter-Arbeiten, die ich kenne, haben oft ein akutes Protokoll getestet - also kurz vor dem Training. Chronische Supplementierung über Wochen ist nochmal eine andere Frage, da ist die Befundlage dünner. Das würde ich bei Betanio PLUS auf jeden Fall klären wollen, weil das direkt darauf einzahlt, ob du überhaupt im richtigen Zeitfenster getestet hast.

@markus_hh88 der Punkt mit dem Zeitfenster ist gut, das hab ich so noch nicht gedacht. Ich hab Betanio PLUS immer morgens genommen, Training war meistens nachmittags oder früher Abend nach der Schicht. Das sind teilweise 6-7 Stunden dazwischen. Wenn die Exeter-Sachen von akuter Einnahme kurz vorher ausgehen, hab ich das Protokoll die ganze Zeit falsch gemacht. Kann ich so nicht unterschreiben dass das egal ist. Draußen ist heute wieder so ein grauer Suppentag, hab die Runde von gestern noch in den Beinen, und jetzt kommt mir das. Ehrlich gesagt nervt mich das, weil es heißt dass mein "Test" der letzten Wochen ziemlich wertlos war was den Timing-Aspekt angeht. Die Labdoor-Sache schau ich mir an. Aber ich glaub trotzdem dass das für Betanio PLUS ins Leere läuft, die sind zu klein für solche Datenbanken. Das ist mein Bauchgefühl, kann mich irren. Was ich mich jetzt frage - wenn das akute Protokoll entscheidend ist, wie nah am Training meinst du? 90 Minuten vorher ist in einem Paper das ich grob in Erinnerung hab mal genannt worden, aber ich hab keine Ahnung ob das für Extrakt genauso gilt wie für frischen Saft. Die Resorption dürfte doch anders sein.

@rote_socke_83

Zitat von rote_socke_83

wie nah am Training meinst du?

Die 90-Minuten-Angabe klingt plausibel, deckt sich ungefähr mit dem, was ich aus der Jones-Reihe im Kopf habe. Der Mechanismus läuft ja über die Umwandlung von Nitrat zu Nitrit, und das braucht Zeit im Mundraum und im Magen-Darm-Trakt. Aber - und das ist der Punkt, der bei der Frage Saft vs. Extrakt wirklich relevant ist - die meisten Protokolle, die ich kenne, wurden mit Saft durchgeführt, nicht mit gekapselten Extrakten. Das ist keine Kleinigkeit. Resorptionskinetik ist bei einem Konzentrat in Kapselform potenziell anders als bei flüssigem Saft, weil Freisetzung und Magenpassage nicht identisch sind. Mir ist keine Studie bekannt, die das für Betanio PLUS oder vergleichbare Kapselprodukte direkt verglichen hätte. Falls du eine Quelle kennst, würde mich die interessieren. Was ich dir konkret sagen kann: 6-7 Stunden Abstand ist nach allem, was ich beruflich damit zu tun hatte, zu viel für einen akuten Effekt. Das heißt nicht, dass dein Test komplett wertlos war, aber den Timing-Aspekt kannst du nicht rausrechnen. Chronisch könnte trotzdem was passieren, nur ist die Studienlage da eben dünner. Das frustriert mich auch immer wieder an diesen Produkten - man kauft sich etwas, das auf Studienbasis beworben wird, aber die Einnahmeempfehlung auf der Packung ist dann irgendwas wie "täglich morgens" ohne jeden Bezug zu den tatsächlichen Protokollen.

Zitat von markus_hh88

die Einnahmeempfehlung auf der Packung ist dann irgendwas wie "täglich morgens" ohne jeden Bezug zu den tatsächlichen Protokollen

Das ist genau das was mich am meisten ankotzt an dem ganzen Segment. Du kaufst dir ein Produkt, das mit Sportwissenschaft wirbt, und dann steht da hinten "1 Kapsel morgens zum Frühstück". Kein Wort davon, dass das relevante Zeitfenster vielleicht ein komplett anderes ist. Das ist keine Schlampigkeit - das ist Kalkül. Wer soll das merken? Ich hab jetzt nochmal kurz auf die Betanio-Seite geschaut weil ich das grad zur Hand hatte. Die schreiben "für beste Ergebnisse täglich einnehmen", Punkt. Kein Hinweis aufs Training, kein Zeitbezug. Nichts. Ich sag dir, wenn ich in meinem Betrieb Lieferpapiere so ausfülle, fliege ich raus. Was mich bei der Resorptionsfrage noch beschäftigt: wenn Kapsel und Saft wirklich unterschiedliche Kinetik haben, dann wäre selbst das 90-Minuten-Fenster für Kapseln vielleicht falsch angesetzt. Könnte ja sein dass man mit Kapsel noch früher müsste, oder dass der Peak insgesamt flacher ist. Hat da jemand was Konkretes zu? @markus_b82 du bist doch tiefer in den Exeter-Papers drin als ich.

@rote_socke_83

Zitat von rote_socke_83

Könnte ja sein dass man mit Kapsel noch früher müsste, oder dass der Peak insgesamt flacher ist.

Das ist eigentlich die richtige Frage, und ich hab dazu leider keine saubere Antwort. Was ich aus dem Kopf beitragen kann: Es gibt eine Arbeit von Wylie et al. (2013, Applied Physiology), die sich mit Nitrat-Bioverfügbarkeit beschäftigt hat, aber auch die hat mit Saft gearbeitet. Für Kapselformulierungen speziell kenne ich nichts Vergleichbares, das direkt auf Peak-Timing eingeht. Das ist an sich schon ein Problem - Hersteller wie Betanio können ihre Kapsel-Form also gar nicht auf Basis solcher Daten validieren, weil die Daten schlicht nicht existieren. Und sie tun so, als ob. Was mich bei deiner Formulierung "das ist Kalkül" aufhorchen lässt: ich glaube, da steckt manchmal weniger böse Absicht drin als schlichtes Desinteresse an der Studienlage. Die meisten dieser kleinen Supplement-Firmen haben keinen Sportwissenschaftler im Haus. Die schauen, was die Forschung grob sagt (Rote Beete wirkt, Jones et al., toll), bauen ein Produkt, und die Einnahmeempfehlung schreibt dann irgendein Texter. Das macht es nicht besser, aber es ist ein anderes Problem als aktive Täuschung. Wobei das Ergebnis für den Konsumenten identisch ist. @markus_b82 bin auch gespannt, ob du aus den Exeter-Papers was zur Formulierungsfrage rauslesen konntest.